Vatikanstadt

„Heiliger Crash“ im Vatikan

Glaubt man dem Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi, ist es um die Finanzen des Vatikans so dramatisch bestellt, dass die Zahlungsunfähigkeit drohen könnte.

Finanzskandal im Vatikan
Wegen schlecht gehender Geschäfte hat das vatikanische Geldinstitut IOR - zu sehen im Bild - seine Zuwendungen an die Kurie von 50 auf 27 Millionen kürzen müssen. Foto: GABRIEL BOUYS (afp)

Steht der Vatikan vor der Pleite? Während die Amazonas-Synode eine „arme Kirche an der Seite der Armen“ beschwört und der am Sonntag von 40 Bischöfen neu aufgelegte Katakomben-Pakt „einen Lebensstil“ propagiert, „der freudig nüchtern, einfach und solidarisch mit denen ist, die wenig oder gar nichts haben“, erscheint in diesen Tagen ein neues Buch des Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi, das der Zentrale der Weltkirche einen „heiligen Crash“ prophezeit.

Auch Außenminister Di Maio wirbt für das Skandalbuch

Das Buch trägt den Titel „Giudizio universale“ – zu Deutsch: „Das Jüngste Gericht“ – und platzt mitten in die Aufregungen hinein, die der jüngste Finanzskandal hinter den heiligen Mauern verursacht hatte: Staatsanwalt und Gendamerie des Vatikans ermitteln seit dem Sommer wegen einer Immobilie in London, mit der das Staatssekretariat Gewinne erwirtschaften wollte, fünf Mitarbeiter der Kurie werden vom Dienst suspendiert, ein „Steckbrief“, der ihre Namen und Porträtfotos zeigt, gerät in die Medien und der Chef der Vatikanpolizei, Domenico Giani, muss seinen Hut nehmen.

Eine diplomatische Posse am Rande: Als der Verlag das Erscheinen des Buchs ankündigte, konnte man lesen, dass bei der öffentlichen Präsentation nicht nur Autor Nuzzi und zwei weitere Journalisten auf dem Podium sitzen werden, sondern auch der italienische Außenminister Luigi Di Maio, der politische Führer der Fünf-Sterne-Bewegung. Ein Außenminister, der mit seinem Namen für ein Skandalbuch über den Vatikan wirbt, das hätte es in den früheren Zeiten nicht gegeben.

Rote Zahlen und explodierende Kosten

Die Zahlen, die Nuzzi zusammengestellt hat – angeblich auf der Grundlage von vertraulichen Akten aus dem Vatikan – sind tatsächlich besorgniserregend. Die Tageszeitung „La Repubblica“ hat am Donnerstag einige davon schon veröffentlicht: Die Einnahmen aus dem Peterspfennig, das heißt den Spenden aus der Weltkirche für Papst und Vatikan, sind von 106 Millionen Euro im Jahr 2006 auf 51 Millionen im Jahr 2018 zurückgegangen. Nur 20 Prozent dieser Gelder gehen an Bedürftige und karitative Werke der Kirche, 58 Prozent würden dagegen dafür genutzt, um Finanzlöcher des Vatikans zu stopfen. Die Bilanz der Güter- und Immobilienverwaltung des Vatikans, der APSA, ist um 27 Prozent zurückgegangen und weist tiefrote Zahlen auf.

Wegen schlecht gehender Geschäfte hat das vatikanische Geldinstitut IOR seine Zuwendungen an die Kurie von 50 auf 27 Millionen kürzen müssen. Von den 4.421 Immobilien, die die APSA verwaltet, stehen achthundert leer, von den verbleibenden 3.200 bringen fünfzehn Prozent keine Mieteinahmen, die Hälfte sind unter Preis vermietet und die Zahlungsrückstände belaufen sich auf 2,7 Millionen Euro. In den drei Jahren von 2015 bis 2017 sind die Ausgaben der APSA um 62 Prozent von 16,4 auf 26,6 Millionen gestiegen. Die Anschaffungen haben sich in den letzten Jahren um 219 Prozent erhöht und die externen Beratungen um 147 Prozent. So liegt das Defizit der APSA 2019 bei 63,3 Millionen Euro und ist in fünf Jahren um fast 200 Prozent gestiegen.

Die steckengebliebene Finanzreform

„La Repubblica“ und das jüngste Buch von Nuzzi stellen die Finanzmisere des Vatikans so dar, als würden eine „alte Garde“ und beharrende Kräfte im Vatikan die von Papst Franziskus 2013 angestoßene Finanzreform blockieren. Der Papst hatte im Sommer nach seiner Wahl die unabhängige Wirtschaftsprüfungskommission COSEA einberufen, die alle Finanzbewegungen des Vatikans durchleuchten sollte. Später folgte die Errichtung des Wirtschaftssekretariats unter Kardinal George Pell, der den Vatikan 2017 verließ und heute in Australien in Haft sitzt, und eines aufsichtführenden Wirtschaftsrats, dessen Koordinator der Münchener Kardinal Reinhard Marx ist.

Im Mai 2018 beschloss der Wirtschaftsrat – Nuzzis Buch zufolge – den Papst wegen der sinkenden Einnahmen und der Kostenexplosion zu informieren, weil „das Defizit, das den Vatikan belastet, besorgniserregende Ausmaße angenommen hat, das zu einer Zahlungsunfähigkeit führen kann“. Seither herrscht im Vatikan Panik, was auch die Immobilienaktion des vatikanischen Staatssekretariats in London zeigt, die – mit Gelder aus dem Fonds des Peterspfennigs – nur das Ziel hatte, Lücken im vatikanischen Haushalt zu stopfen. Im Sommer 2018 beschloss der Substitut im vatikanischen Staatssekretariat, Erzbischof Pena Parra, die Immobilie ganz zu kaufen, was mit den jüngsten Aktionen der Staatsanwaltschaft und der Gendarmerie des Vatikans sowie dem Ende der Ära Giani jetzt ein böses Ende nahm.