Hamburg

Hamburg: Erneuerungsprozess im Erzbistum?

Ob die von Erzbischof Stefan Heße vorgestellten Konzepte, Kriterien und Kontrollmechanismen zu einem neuen Aufschwung des kirchlichen Lebens im Erzbistum Hamburg führen können, ist zweifelhaft.

Erzbischof Heße zur Zukunft des Hamburger Erzbistums
Wie Erzbischof Heße bei der Berufungskrise gegensteuern will, blieb bei seiner „Regierungserklärung“ ebenso offen wie Maßnahmen gegen den rückläufigen Gottesdienstbesucherzahlen. Foto: Ralf Adloff (Erzbistum Hamburg)

Nun ist es offiziell, was Insider des Erzbistums Hamburg schon länger vermutet hatten: Erzbischof Stefan Heße erklärte am Samstag vor 300 geladenen kirchlichen Mitarbeitern und Gremienvertretern, man wolle sich von vielen Kirchen und anderen Immobilien trennen, um zusätzliches Geld in die Kassen des vermeintlich überschuldete Bistum zu spülen. Der sogenannte „Erneuerungsprozess“, den der Erzbischof vor drei Jahren anstieß, mündet somit in einem weiteren Verkauf von „Tafelsilber“, wie schon die angestrebte Veräußerung von vier katholischen Krankenhäusern zeigte.

Pfarrgemeinden und Seelsorge vor Ort als Leidtragende

Während die Caritas und die katholischen Kindergärten weitgehend ungeschoren von den Kürzungsabsichten bleiben sollen, werden die Pfarrgemeinden und die Seelsorge vor Ort die Leidtragenden sein. In die stark defizitär arbeitenden Schulen dagegen sollen sogar 130 Millionen Euro investiert werden, obwohl nur 7,5 Millionen Euro an Spenden für diesen Zweck eingesammelt werden konnten.

Die „hohen Unterhaltungskosten für Immobilien werden die Pfarreien dazu zwingen, viele Standorte aufzugeben, betonte Heße. Das Erzbistum wolle daher finanzielle Anreize für die Pfarreien setzen, die im Besitz der Immobilien sind, sich von ihnen zu trennen. „Ein eigenes Kirchengebäude sei keine grundlegende Bedingung für das Gebet und den Gottesdienst.“ Mit diesen Worten des Erzbischofs bestätigen sich die oft geäußerten Befürchtungen vieler treuer Gottesdienstbesucher, dass hinter dem Konzept der Fusion vieler Gemeinden zu „Pastoralen Räumen“ ein weitgehender „Abbruch“ der bisherigen personalen Seelsorge vor Ort und kein missionarischer Aufbruch steht.

Will die Bistumsleitung nur ihr Reformprogramm durchsetzen?

Die bisher 17 errichteten Großpfarreien (von insgesamt 28 geplanten) wurden in den letzten Jahren gegen den vielfachen Widerstand von Priestern und Gläubigen von der Bistumsleitung installiert und sollen nun offenkundig die Basis für die vermeintliche Sanierung der Finanzen und als Reaktion auf den umstrittenen „Priestermangel“ dienen.

Die bisher berichtete prekäre Finanzlage, die dem Bistum von einer Wirtschaftsberatungsgesellschaft gegen ein hohes Honorar bescheinigt worden war, geriet in letzter Zeit in die öffentliche Kritik. Mehrere unabhängige Wirtschaftsprüfer hatten die Finanzen auf eigene Kosten durchleuchtet und festgestellt, dass sich das Erzbistum „künstlich arm rechne“. Die Rücklagen seien um 86 Millionen Euro zu niedrig und der Wert vieler Immobilien ebenfalls zu niedrig berechnet worden. So sei das Bistum gar nicht in Höhe von rund 80 Millionen Euro überschuldet, wie das Generalvikariat bisher behauptet hatte. Obwohl die Behauptungen der Wirtschaftsprüfer seitens des Ordinariats dementiert wurden, steht seitdem der Verdacht im Raum, dass die Bistumsleitung mit den vorgelegten defizitären Zahlen nur ihr eigenes Reformprogramm durchsetzen wolle.

Heße: Nicht ängstigen und auf Gott vertrauen

Die katholische Kirche werde in den nächsten Jahren „neu“ und „anders“ werden, kündigte Erzbischof Heße in einer Predigt vor Priesteramtskandidaten vor einigen Tagen an. Die Weihekandidaten versuchte der Erzbischof mit den Worten zu beruhigen, sie sollten sich nicht ängstigen und auf Gott vertrauen. Dennoch scheint Grund zu tiefer Sorge zu bestehen, denn von den insgesamt acht Weihekandidaten des Metropolitanbistums wird voraussichtlich nur ein einziger für das Erzbistum Hamburg geweiht werden – und dieser Kandidat kommt sozusagen als Gottesgeschenk aus Nigeria. Die Berufungskrise liegt angesichts eines fast leeren Priesterseminars offen zutage.

Wie Erzbischof Heße bei der Berufungskrise gegensteuern will, blieb bei seiner „Regierungserklärung“ am Samstag ebenso offen wie Maßnahmen gegen den rückläufigen Gottesdienstbesucherzahlen (noch acht Prozent der Kirchenmitglieder) und die sinkende Zahl der Sakramentsspendungen. Die Impulse des vor knapp zwei Jahren verabschiedeten „Pastoralen Orientierungsrahmens“ sollten die Kirche missionarisch machen, hofft Heße.  Doch bisher ist scheinbar keine Besserung in Sicht. Der Streit um die Schulschließungen führte ebenso wie der Skandal um die sexuellen Missbräuche von Priestern zu einem massiven Vertrauensverlust gegenüber der katholischen Kirche im Norden, die eigentlich eine „Kirche in Beziehung“ sein will.

Zweifelhaft scheint es daher vielen katholischen Christen, ob die nun von Erzbischof Heße vorgestellten Konzepte, Kriterien und Kontrollmechanismen zu einem neuen Aufschwung des kirchlichen Lebens führen können.  

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