München

Gott in der Stadt entdecken

Das Hilfswerk Renovabis widmet sich weltweiten pastoralen Herausforderungen in der Großstadt.

Auf dem Podium diskutierten Erzbischof Heiner Koch, Markus-Liborius Hermann, Professorin Klara Csiszar, Blase Kardinal Cupich und der Bischof von Pilsen, Tomas Holub.
Auf dem Podium diskutierten Erzbischof Heiner Koch, Markus-Liborius Hermann, Professorin Klara Csiszar, Blase Kardinal Cupich und der Bischof von Pilsen, Tomas Holub. Foto: Thomas Schumann

Weltweit ist von den Herausforderungen durch die Urbanisierung die Rede. Städte und ländliche Regionen sind großen Transformationsprozessen unterworfen. Ost- und mitteleuropäische Metropolen stehen zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch einmal mehr einem Umbruch gegenüber, der durch die politischen Veränderungen der vergangenen dreißig Jahre im postsowjetischen Raum bedingt ist. Der Zusammenbruch der sozialistischen Wirtschaftsordnung hat die Eigentumsverhältnisse und das Wertgefüge der dort lebenden Menschen radikal verändert.

Die neoliberale Ära der postsowjetischen Zeit neigt sich dem Ende zu, die sozialen Vorstellungen verändern sich erneut und mit ihnen der Sozialraum, der bereits in sozialistischer Zeit Projektionsfläche gesellschaftspolitischer Vorstellungen war. Die sozialistische Großstadt mit ihren großangelegten Wohnquartieren verlor in den letzten Jahrzehnten ihre Attraktivität, während die Bevölkerung der Mittelschicht sich an westlichen Lebensmodellen orientierend die Peripherie der Großstädte entdeckte. Zugleich nimmt die Diversifizierung der Stadtgesellschaften rapide zu.

Großstadt als pastorale Herausforderung

Für die Kirche stellen sich damit wesentliche Fragen für ihre Verkündigung, will sie die Menschen unter wiederum veränderten soziologischen Bedingungen treffen. Daneben haben sich auch die Bedürfnisse der Menschen und auch der Gläubigen entsprechend der veränderten Gesellschaft verschoben: Angebot, Nachfrage und Konsum orientieren nicht nur das wirtschaftliche Leben der Gesellschaft, sondern gewinnen auch Einfluss auf die geistlichen Bedürfnisse. Auf diese Situation muss auch die Kirche Antworten geben, wenn sie ihrer Mission in den Städten gerecht werden will.

Das Hilfswerk Renovabis lud daher zum alljährlichen Kongress, der unter dem Leitwort „Kirche in der Großstadt – Herausforderungen für die Pastoral in Ost und West“ am 11. und 12. September in München abgehalten wurde, und richtete mit unterschiedlichen geistlich-theologischen und pastoral-soziologischen Perspektiven aus Ost und West den Blick auf die Herausforderungen des Christentums in einer Zeit der Krise und des Umbruchs.

„Vielfalt“ und Anonymität kennzeichnen Gesellschaft

Während Metropolen boomen und Menschen anziehen, verlieren Städte in der Peripherie. Somit differenzieren sich die Herausforderungen der Pastoral zwischen Metropolen und der Provinz nochmals aus. Diese Beobachtung macht auch Tomás Holub, der Bischof von Pilsen aus der Tschechischen Republik: „Dort, also in Prag, gibt es erhebliche, ja abgründige soziale Unterschiede. Sie sind geradezu typisch für die Differenzierung der verschiedenen Stadtteile. In der Metropole gibt es aber auch mehr Gemeinsamkeiten: Anonymität unter den Menschen kontrastiert mit einem riesigen Angebot in allen Bereichen, mit pompösen Macht- und Geldstrukturen – vor den Augen aller.“

Ähnliche Beobachtungen steuert auch der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, bei. Bei aller Vielfalt, die seine säkulare Metropole biete, präge eine große Einsamkeit das Leben vieler Menschen, was aber auch eine Chance biete, Gott „zu einer Frage“ zu machen. Dazu sei es nötig, die Gemeinschaften zu stärken: „Wir müssen die halten und stabilisieren, die als Christen auf dem Weg des Glaubens sind. Sie müssen spüren, wie gut es ist und gut es tut, in und mit der Kirche zu leben.“

Holub schlug einen pastoralen Perspektivwechsel vor, weg von kirchlichen Strukturen, hin zum Kern kirchlicher Sendung: Christus als Person verkündigen. Dieses Paradigma ermögliche Zusammenarbeit und aktive Präsenz überall, wo es um den Menschen und das Gute gehe. Mit Freiheit, Fantasie und Kreativität könne man einerseits viele Menschen in das Handeln der Kirche einbinden, andererseits erfordere es auch eine tiefe und lebendige Verankerung der Handelnden in einer persönlichen Christusbeziehung. Priester würden heute in ihrer Ausbildung immer noch auf die klassischen Pfarrgemeinden vorbereitet, doch die Aufgaben hätten sich geändert. In erster Linie gehe es darum, Jesus Christus als Person zu verkündigen und nicht die Struktur der Kirche. Letztere könne zwar hilfreich sein, dürfe aber nicht alles überlagern. „Dort sein, wo Gutes geschieht“, empfahl er.

Bischof Holub führt denn auch an, dass es notwendig sei Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zu erreichen, die in der Postmoderne immer stärker zunimmt. Pfarreien sollten somit nicht mehr territorial organisiert, sondern zielgruppenorientiert ausgerichtet werden. Erzbischof Koch schlägt denn auch als Maxime vor, den Glauben den Menschen zu „ent-decken“: „Der Ort der Verkündigung ist der Mensch.“ Die vorgebliche Neutralität der Menschen in Ostdeutschland, die er als Schweigespirale wahrnimmt, müsste von den Christen als geistlicher Erfahrungsraum wahrgenommen und durchbrochen werden. Auch das atheistische Berlin sei ein „heiliger Ort“, in dem Gottesbegegnung stattfinde. „Wo seid ihr wie missionarisch?“ – diese Frage stellt Erzbischof Koch bei allen seinen Visitationen, wie er berichtet.

„Wo seid Ihr wie missionarisch?“

Der Münchner Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg gibt am Beispiel der Liturgie zu bedenken, dass die Sichtbarmachung Gottes nicht durch methodische Winkelzüge zu erreichen ist. Vielmehr stünden gerade die „niederschwelligen“ Angebote häufig in der Gefahr, dem Trend der kapitalistischen Gesellschaft von Nachfrage und Konsum zur Stillung spiritueller Gefühle nachzugeben und mit der Verkündigung an der Oberfläche zu verbleiben anstatt in die Tiefe zu gehen. Es gehe darum, Christus zu verkündigen. Gerade im Bereich der Liturgie sieht Stolberg die Gefahr, dass das inszenierte Angebot auf der Ebene horizontaler Gemeinschaftsbildung und der Stillung spiritueller Gefühle verbleibe. Christliche Spiritualität werde dadurch zu einem Konsumgut unter anderen. Nichtsdestotrotz seien die äußeren Merkmale für die Annahme eines pastoralen Angebots gewichtig: Die Qualität und unterschiedliche Prägung der seelsorglichen Kultur sind wesentlich für die Pastoral in der Großstadt, um dem Anspruch der Sichtbarmachung Gottes gerecht werden zu können.

Aus nordamerikanischer Perspektive und dezidiert an die Verkündigung von Papst Franziskus angelehnt, versucht der Erzbischof von Boston, Kardinal Blase Cupich, Kriterien für Antworten an die Fragestellungen des Renovabis-Kongresses zu finden. Herausgefordert sieht der Kardinal die Kirche vor allem durch drei „Prioritäten“: ein sich veränderndes Familienbild, eine wachsende soziale Polarisierung, die die Menschheit spalte, und den Missbrauchsskandal. Er plädierte beim Renovabis-Kongress für eine offene Diskussion, um die Menschen auch mitnehmen zu können.

Cupich sieht vor allem die von Papst Franziskus betonte Synodalität als Schlüsselbegriff: „Wir müssen mit unserem Volk gemeinsam vorangehen – und mit allen anderen“. Der Kardinal legt daher den Schwerpunkt vor allem auf den Aspekt des Einsatzes für soziale Belange, auf das „Varieté der ,pastoral ministries‘, die im Namen Jesu von der Erzdiözese Boston“ angeboten werden. Von Krankenfürsorge über Klimaschutz bis zu Resozialisierungsmaßnahmen reicht die Palette der Angebote. Die Frage nach dem Unterscheidend Christlichen rückt dabei nicht nur scheinbar in den Hintergrund: „Aber heute, in einer Welt, in der die Menschen so gespalten sind, fordere ich eine konsequente Ethik der Solidarität, die uns zusammenbringt“, so der Kardinal.

„Jesus möchte in den Städten das Leben in Fülle“

Erzbischof Ludwig Schick von Bamberg, der als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz zum Abschluss der Konferenz sprach, regte denn auch an, neu darüber nachzudenken, was Christsein überhaupt bedeutet. Für viele sei sozial engagiert sein oder politisches Engagement für die Eine Welt gleichbedeutend mit Christsein. Auch wenn von der Kirche die Rede ist, sei nicht mehr eindeutig, was damit gemeint sei. Erzbischof Schick formulierte dahingehend ein anderes Kriterium für christliches Leben in der Stadt: „Denn Jesus möchte in den Städten Leben in Fülle verbreiten. Die Menschen in den Großstädten erwarten von der Kirche die Verkündigung der freimachenden Botschaft Christi. Von Beginn an wurde gerade in den Städten die Neugier für den Glauben geweckt, in dem Wissen, dass Gott – damals und heute – in der Stadt unter den Menschen wohnt.“