Würzburg

Glaubenskurs Teil 20: Was bedeutet „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“?

Der multimediale Glaubenskurs von „Tagespost“, Youcat und Radio Horeb.

Jugendfriedenscamp
Jugendliche sitzen am Montag im Europapark in Rust im Europarat-Friedenscamp auf dem Boden zusammen. An der siebten Auflage des Camps nehmen rund 60 Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahren teil. Der Europaarbeit will Jugendliche für die Friedensarbeit gewinnen und damit Kriege ... Foto: Patrick Seeger (dpa)

Über das Achte Gebot „Du sollst kein falsches Zeugnis geben!“ kann man gerade nicht nachdenken, ohne auf Donald Trump, die „alternative Fakten“ und „wahrheitsgemäße Übertreibung“ zu stoßen.

Aber wir würden „Fake News“ verbreiten, würden wir sagen, dass diese beiden Begriffe von ihm selbst stammen. Seine Regierungssprecherin Kellyanne Conway war es, die den Präsidenten, als man ihn der Lüge überführte, mit dem Argument verteidigte, Trump spreche über „alternative Fakten“. Trump ist auch nicht der Urheber der „wahrheitsgemäßen Übertreibung“, die wir in Trumps Bestseller „The Art of Deal“, als „unschuldige Übertreibung“ und „sehr wirksame Form des Marketing“ beschrieben finden. In Wahrheit hat das Buch Ghostwriter Tony Schwartz geschrieben, der jetzt reuig an die Öffentlichkeit trat und dabei die Vermutung äußerte, Trump habe nicht nur nie ein Buch geschrieben, sondern auch nie eines von vorne bis hinten gelesen. Der Präsident interessiere sich nur für sich selbst.

Wahrheit ist die Übereinstimmung der Sache mit der Vernunft

Es gibt seit langem schon einen Trend, mit der Wahrheit „kreativ“ umzugehen. In Lewis Carrols „Alice im Wunderland“ gibt es den wunderlichen Philosophen Humpty Dumpty, der die Sache auf den Begriff bringt: „Wenn ich ein Wort benutze, hat es just die Bedeutung, die ich ihm gebe – nicht mehr und nicht weniger.“ Alice: „Die Frage ist doch, ob du Wörtern so viele verschiedene Bedeutungen zuteilen kannst.“ Humpty Dumpty lächelt: „Die Frage ist: Wer soll Herr darüber sein? Das ist alles.“ In der klassischen Philosophie definierte man Wahrheit mit adaequatio intellectus et rei – Wahrheit ist die Übereinstimmung der Sache mit der Vernunft. Jeder weiß, dass das stimmt. Man muss sagen, was Sache ist. Sonst lügt man. Aber der Mensch ist ein Sünder, und schon das Kleinkind versteht, dass man nur lange und laut schreien muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen und belohnt zu werden. Und so bildet sich – wenn uns nicht das Achte der Zehn Gebote dazwischenkommt – ein interessegeleiteter Umgang mit der Wahrheit heraus.

„O, Gott, wie herrlich: Ein
einziger Mensch oder zwei, die die Wahrheit sagen, können mehr bewirken als viele andere zusammen! Durch sie entdecken die Blinden nach und nach
wieder den Weg, und Gott gibt ihnen daran Freude und macht ihnen Mut.“
Heilige Teresa von Avila (1515 1582)

Der Nazirichter Freisler wusste genau, dass die Studenten von der „Weißen Rose“, die vor ihm standen, wahr sprachen. Er gebrauchte „alternativen Fakten“, um sie auszuschalten. Sie standen der Macht im Weg. Die Macht machte sich ihre Wahrheit. Die 22-jährige Sophie Scholl wusste, dass sie sich mit einer Lüge retten konnte, aber sie sagte dem tobenden Nazischergen ins Gesicht: „Bald werden Sie hier stehen, wo wir jetzt stehen.“ Am gleichen Tag, dem 22. Februar 1943, wurde sie zum Tod verurteilt und mit der Guillotine enthauptet. Sophie Scholl war Christin; ihr Lieblingszitat war ein Wort des Philosophen Jaques Maritain: „Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben“.

Ja, das braucht man, denn der Zusammenhang von Wahrheit und Wahrhaftigkeit ist im Horizont Gottes nicht verhandelbar. Tricks sind nicht erlaubt. Man muss für die Wahrheit Zeugnis ablegen, notfalls bis zum Martyrium. Nirgends ist die Geschichte der Nachfolger Christi glanzvoller als in der langen Kette der Märtyrer, die der Macht nicht wichen. Die lieber ihr Leben gaben, als der Lüge und dem Verrat zu dienen.

Was mit der political correctness auf uns zukommt

Man hätte sich vorstellen können, dass der Zweite Weltkrieg mit seinen Millionen von Toten eine Zäsur in der Kultur der Lüge bedeutet hätte. Aber schon 1949 hatte der Autor George Orwell Grund zu einem prophetischen Buch über Lüge und Macht: Ich spreche von dem Roman „1984“. Es ist als hätte Orwell schon damals geahnt, was mit der political correctness auf uns zukommt. Orwell entwirft einen totalitären Staat, in dem Worte verboten oder neu definiert werden; er nennt das „Neusprech“. Aus der Spitzelbehörde wird das „Ministerium für Liebe“; die Konzentrationslager heißen nun „Lustlager“; wer nachdenkt wird zum „Gedankenverbrecher“. Sind wir so weit von dieser fiktiven Welt entfernt? Was die Umdefinierung von Worten betrifft, haben wir ja reichlich Erfahrung, seit das Kind im Bauch der Mutter plötzlich „Zellklumpen“ hieß und aus der unmissverständlichen Abtreibung eine „Schwangerschaftsunterbrechung“ wurde, als könnte man nach der Tötung des Kindes die Schwangerschaft irgendwie fortsetzen.

Neusprech ist noch lange nicht enttarnt. Wenn ich heute das Wort „Frauenrechte“ höre, klingeln meine Ohren. Was verbirgt sich hinter diesem schönen Wort? In der Regel die Lobby der Abtreibungsbefürworter. „Hate Crime“ ist auch ein mindestens dehnbarer Begriff. Bestimmte Dinge, die einer nebulösen Community von Richtigdenkern missfallen, darf man in Facebook nicht mehr laut sagen oder man wird abgeschaltet. Das „Achte Gebot“ ist aktuell wie nie: für mutige, aufrechte Leute.

Zur weiterführenden Lektüre

  • YOUCAT 452: Was fordert das Achte Gebot von uns?
  • YOUCAT 455: Was heißt: wahrhaftig sein?
  • YOUCAT 453: Was hat unser Verhältnis zur Wahrheit mit Gott zu tun?
  • YOUCAT 454: Wie stark verpflichtet die Wahrheit des Glaubens?