Würzburg

Glaubenskurs Teil 19: Was bedeutet "Du sollst den Sonntag heiligen!"

Der multimediale Glaubenskurs von „Tagespost“, Youcat und Radio Horeb.

Human hands open palm up worship. Eucharist Therapy Bless God Helping Repent Catholic Easter Lent Mind Pray. Christian concept background.
Human hands open palm up worship. Eucharist Therapy Bless God Helping Repent Catholic Easter Lent Mind Pray. Christian concept background. Foto: (176673230)

Mütter kennen das: „Was hast du mit meiner FC-Bayern-Bettwäsche gemacht?“ – „Aber ... sie war doch völlig zerrissen!“ Drama. Aufstand. Tränen. Mama hatte an ein Heiligtum gerührt. Auch Erwachsenen können die banalsten Dinge „heilig“ sein: Eine alte Pfeife, eine zerkratzte Vinylplatten-Sammlung, whatever. In jedem Fall geht es nicht um den materiellen Wert einer Sache. Das Betttuch, die Pfeife des verstorbenen Vaters, die Bob-Dylan-Platte – sie stehen für etwas Großes, dem ich mich über ein Symbol zugehörig fühle. Gerade stirbt der Sonntag. Und wenige weinen ihm eine Träne hinterher.

Dabei ist die Aufforderung, den Sonntag zu „heiligen“ kein Freizeit-Tipp aus der „Landlust“, sondern ein göttlicher Befehl – die laufende Nummer drei der Zehn Gebote. Im ganzen Alten Testament findet sich kaum eine dramatischere Inszenierung, als die Szene, in der Mose von Gott die „Zehn Gebote“ empfängt und mit dem Gesetz zu seinen Leuten herabsteigt: „Das ganze Volk erlebte, wie es donnerte und blitzte, wie Hörner erklangen und der Berg rauchte.“ (Exodus 20,18). Warum betreibt Gott solch einen Aufwand um die Freizeitgestaltung?

Am Anfang der Bibel steht ein Gott, der für alle Zeit klarmacht, dass Arbeit nicht alles und nicht einmal das Höchste ist. Im Buch Genesis gönnt sich der Schöpfer selbst eine Art lustvollen Break: „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.“ (Genesis 2,3). Das Volk Israel machte es wie Gott, es ruhte sich aus. Israel dachte zurück an die Knechtschaft in Ägypten und dehnte die heilige Pause sogar auf die Sklaven, die Rinder, die Esel, die Fremden in der Stadt (Deuteronomium 5,14) aus.

Für Israel war der Sabbat wichtig, weil Gott so überaus wichtig war: der Grund von allem, die Lebensbedingung von allem, der Befreier, der Retter. Das durfte nicht vergessen werden – und fiel doch im Gemache des Alltags unter den Tisch. Gott musste durch ein großes Zeichen erinnert werden. Das Fest Sabbat beschwor im Wochenabstand die Präsenz Gottes, machte sie fühlbar, füllte sie mit unerhörter Hoffnung. „Wenn Israel nur ein einziges Mal den Sabbat wirklich halten würde“, heißt es im Talmud, „würde der Messias kommen, denn das Halten des Sabbat kommt dem Halten aller Gebote gleich.“

Hier sind wir am Punkt, wo sich Altes Testament und Neues Testament, Israel und das Christentum, Sabbat und Sonntag voneinander scheiden. Die Juden warten noch immer auf den Messias; die Christen glauben, dass er gekommen ist. Sie bezeichnen Jesus von Nazareth als den „Christus“, den Messias. Ihr Tag ist nicht mehr der Sehnsuchts- und Hoffnungstag Sabbat. Ihr Tag ist der „achte“ der österliche Tag, der Sonntag, der Tag, an dem Christus von den Toten auferstanden ist und die in Sünde und Tod verstrickte Welt endgültig befreit und erlöst hat. Während die Judenchristen zunächst noch den Sabbat beibehielten, feierten die Heidenchristen schon früh den „Tag des Herrn“, der dem Sabbat folgte. Jeder Sonntag sollte ein Abglanz des Osterfestes, ein fortgesetztes Osterfest sein, als würde der Jubel den einen Tag sprengen und alle Zeit überglänzen.

"Ohne die sonntägliche Eucharistie können wir nicht leben.
Weißt du nicht, dass der Christ für die Eucharistie existiert
und die Eucharistie für den Christen?"
Antwort des Märtyrers Aturninus  (305) im Verhör auf den Vorwurf, er habe an der verbotenen sonntäglichen Versammlung teilgenommen.

Heute gibt es für viele Menschen keinen Unterschied mehr zwischen Werktag und Sonntag. Die großen Maschinen müssen laufen. Die Dienstleistungsgesellschaft fordert Service an den Wochenendtagen. Shops brauchen Shopping. Jeder hängt dann ab, wann es ihm gerade ins Schema passt. Die Zeit hat keine Struktur mehr. Es gibt keine Differenz zwischen Fest und Alltag. Fest ist, wenn es das Möbelhaus will. Alles geht immer und riecht nach Bier und Grillwurst. Man sollte meinen, die Leute müssten glücklich sein angesichts der neuen Flexibilität. Aber sie klagen über das graue Einerlei der Tage.

Können wir den Sonntag noch einmal erfinden? Ich denke, es werden nicht die Gewerkschaften, die ihn retten - es werden Menschen sein, die gemeinsam auf die kultischen Wurzeln des Sonntags zurückkommen. Der Sonntag ist nicht deshalb heilig, weil es menschenfreundlich ist, nach sechs Werktagen auch mal den Hammer oder die Tastatur wegzulegen und die Arbeit zu entthronen. Der Sonntag hat in Gott seine Mitte. Und er muss ein Fest sein – mit allem, was dazugehört: mit Aufwand für das Schöne, mit viel Zeit für einander, für die Liebe und für Gott, mit Blumen, festlichen Liedern, festlichen Kleidern, festlichen Ritualen, mit Muße und Aufatmen in Gottes schöner Welt.

Und vielleicht kommt er wieder, der Tag, an dem es Drama, Aufstand, Tränen gibt, wenn man an den „heiligen“ Sonntag, an das Fest der Erlösten, rührt.

Zur weiterführenden Lektüre:

  • YOUCAT 187: Wie wichtig ist der Sonntag?
  • YOUCAT 47: Warum ruhte Gott am siebten Tag?
  • YOUCAT 362: Warum feiert man in Israel den Sabbat?
  • YOUCAT 363: Wie geht Jesus mit dem Sabbat um? und 364: Warum ersetzten die Christen den Sabbat durch den Sonntag?
  • YOUCAT 184: Wie prägt die Liturgie die Zeit?
  • YOUCAT 365: Wie machen Christen den Sonntag zum „Tag des Herrn“?

Wer das Thema mit Freunden oder einer Gruppe tiefer erarbeiten möchte, kann sich unter  www.youcat.org  Studyguide No. 7 kostenlos herunterladen. Die nächste Folge bei Radio Horeb wird am 21. Oktober um 19.45 Uhr ausgestrahlt.