Würzburg

Glaubenskurs Teil 17: Was macht den Menschen zum Menschen?

Der multimediale Glaubenskurs von "Tagespost", Youcat und Radio Horeb.

white man mannequin with broken crack reflection mirror in crime or violence scene
Der Kaiser erkannte vor dem Spiegel sehr wohl, dass er nackt war, aber seine Eitelkeit ließ es nicht zu, dass er eingestand, ein Dummkopf zu sein. Foto: madamlead/stock.adobe.com

Im Märchen gibt es einen eitlen Kaiser, der sich um nichts als seine Kleider kümmerte. Eines Tages fiel er auf zwei Betrüger herein, die vorgaben, die feinsten Stoffe weben zu können. Des Kaisers neue Kleider seien so fein, dass sie nur von klugen und würdigen Personen gesehen werden könnten. Die Beiden webten zum Schein und übergaben schließlich dem Kaiser Kleider, die in Wahrheit aus nichts als aus Luft bestanden.

Der Kaiser erkannte vor dem Spiegel sehr wohl, dass er nackt war, aber seine Eitelkeit ließ es nicht zu, dass er eingestand, ein Dummkopf zu sein. Auch die Kammerherren, und Minister waren begeistert. Sie verbeugten sich mit Ausrufen der Bewunderung. So trat der Kaiser auf die Straße. Und es wiederholte sich das gleiche Spiel: Niemand wollte sich eine Blöße geben; alle bewunderten des Kaisers neue Kleider. Nur ein Kind rief aus: "Der Kaiser ist ja nackt!" ...

Vor dem Herrn sind wir alle nackt

Kein Mensch gibt sich gern eine Blöße. Deshalb umgeben wir uns nicht nur mit Kleidern, sondern auch mit Titeln, Verdiensten, Uniabschlüssen, Gehältern, Wagenklassen und Listen von Geliebten. Wir erfinden glanzvolle Biographien, die wir am Ende selber glauben. Aber der schöne Schein sitzt schlecht. Krisen und Krankheiten, schuldhaftes Versagen und schlichtes Pech machen die Fassade bröckeln.

Als der hl. Franziskus ans Sterben kam, ließ er sich nackt auf den Boden der Portiuncula legen. Hatte nicht der biblische Job gesagt: "Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück" (Job 1,21)? Und waren nicht Luthers letzte Worte: "Wir sind Bettler, das ist wahr!" Ja, es ist wahr. Spätestens wenn wir vor dem Herrn erscheinen, sind wir nackt. Es zählt nicht mehr, was wir in der Welt waren, wie viele Firmen wir gegründet und wie viele Häuser wir gebaut haben. Eher werden wir gefragt werden, ob wir uns "mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld" (Kol 3,12) bekleidet haben. Wir werden gefragt werden, ob wir "Mensch" waren.

Alles hat entweder einen Preis oder eine Würde.
Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden;
was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.
Immanuel Kant

Aber was macht den Menschen eigentlich zum Menschen? Spontan haben wir einen sehr hohen Begriff vom Menschen - aber es muss nur einmal zu einem Konfliktfall kommen, und dieser hohe Begriff platzt wie eine Seifenblase. Ist ein Kind im Mutterleib nun ein Mensch, ein halber Mensch, kein Mensch? Und die alte, demente Frau im Pflegeheim - ist sie noch Mensch oder schon ein hindämmerndes Restwesen, über dessen Entsorgung man nachdenken sollte. Ist ein Vorstandsmitglied bei Mercedes mehr wert als ein Waisenjunge in Mumbai?

Christen lassen sich klugerweise auf solche Diskussionen nicht ein. Für sie hat der Mensch keinen mess- oder diskutierbaren Wert, sondern eine unverlierbare, einzigartige Würde. Diese Würde gründet nicht im Menschen selbst, sondern in Gott, seinem Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Richter. Die Würde jedes Menschen resultiert aus seiner Gottesbeziehung. Gott hat ihn in Liebe angeschaut und er schaut nie wieder weg: "Ich habe dich beim Namen gerufen; du gehörst mir" (Jes 43,1). Wir gehören gewissermaßen zur Königsfamilie, sind tabu. Deshalb, weil sie Gottes "Augapfel" (Ps 17,8) sind, darf man Menschen nicht klassifizieren, nicht verbrauchen.

Selig sind nicht die Schönen und Erfolgreichen

Und weil die Ärmsten immer die ersten Opfer sind, erzählt Matthäus das erstaunlichste Gleichnis der gesamten Heiligen Schrift; es könnte heißen: Das Gleichnis von der Solidarität Gottes. Im 25. Kapitel werden sie alle aufgezählt, die Hungrigen, die Dürstenden, die Fremden, die Nackten, die Kranken, die Gefangenen. Der Clou ist Vers 40: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Mir! Jesus selbst macht sich zum Ärmsten. In den Armen berührt man IHN.

Das ist unerfindlich - ebenso unerfindlich wie die Seligpreisungen, das Herzstück der Bergpredigt. Hier wird einmal nicht das Hohelied der Erfolgreichen, der Reichen, der Stars, der VIP s, der Durchsetzungsstarken und gekrönten Häupter gesungen. Im Reich Gottes sind die anderen selig - die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen, die Hungerleider, die Verfolgten und alle, die an ihrer Seite stehen: die Kämpfer für Gerechtigkeit, die Barmherzigen, die Leute mit reinem Herzen, die Friedensstifter.

Menschlich wird es in der Welt durch das "Erbarmen". Der hl. Johannes Paul II. hat daran erinnert, Papst Franziskus nicht weniger. Aber es war schon der Heilige von Assisi, der die Essenz des Christlichen ausmachte: "Es darf auf der ganzen Welt niemanden geben, und mag er selbst gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der von dir fortgehen müsste, ohne Erbarmen bei dir gefunden zu haben, wenn er Erbarmen wollte."

Zur weiterführenden Lektüre:

  • Youcat 301 und 303: Wie wird man klug? Was bedeutet es, tapfer zu sein?
  • Youcat 163: Was ist das Jüngste oder Letzte Gericht?
  • Youcat 382 und 383: Ist Sterbehilfe erlaubt? Warum ist Abtreibung in keiner Entwicklungsphase eines Embryos hinnehmbar?
  • Youcat 332: Worin zeigt sich die Solidarität der Christen mit anderen Menschen?
  • Youcat 284: Warum sind die Seligpreisungen so wichtig?