Würzburg

Glaubenskurs Teil 16: Was haben die Gebote mit der Liebe zu tun?

Der multimediale Glaubenskurs von "Tagespost", Youcat und Radio Horeb.

International Day of Friendship concept: hands in shape of heart on blurred  background
Hände mehrerer Menschen bilden zusammen ein Herz. Foto: stock.adobe.com

Das Gewissen ist eine delikate Sache. Nicht wenige kommen ganz "ohne" durchs Leben, was Stanislaw Lec zu seinem berühmtesten Bonmot verleitete: "Sein Gewissen war rein; er benutzte es nie." Andere benutzen ihr Gewissen sehr wohl; sie berufen sich aber vornehmlich dann darauf, wenn sie gerade im Begriff sind, die übelsten Taten zu begehen. Im Namen des persönlichen Gewissens wird gelogen, betrogen, verraten und die Ehe gebrochen. Es gibt keine Sünde, die nicht irgendjemand "mit bestem Gewissen" begangen hat   und unter Umgehung der Gebote.

Wie sich Gebot und Gewissen zueinander verhalten, hat einmal der Kölner Weihbischof Dick in einer herrlichen Geschichte dargelegt: Nehmen wir den Fall, die Kinder spielen Fußball im Wohnzimmer. Papa kommt und ist entsetzt: "Wisst ihr, dass hier eine kostbare alte Chinavase steht? Wenn ihr die zertrümmert, ist Mama untröstlich! Geht doch bitte raus mit dem Ball!" Die Kinder haben nun die Wahl: Entweder sie gehen raus oder sie kicken weiter im Wohnzimmer und riskieren die Katastrophe. Die Kinder kennen also "das Gebot". Ihr Gewissen ist geschärft, denn sie wissen um die üblen Folgen einer falschen Entscheidung.

Und so muss es eigentlich immer sein, wenn man sich auf sein Gewissen beruft. Man muss sein Handeln an den Geboten überprüfen. Und um das tun zu können, muss man die Zehn Gebote kennen. (Vgl. Exodus 20,2 17 und Deuteronomium 5,6 21) Man muss wissen, dass Lüge, Stolz, Raub, Neid, Missgunst, Ehrabschneidung, Ehebruch und Mord niemals mögliche oder gar gebotene Handlungsoptionen sind.

Die Liebe ersetzt nicht die Gebote

Nun stellen manche einen Gegensatz zwischen Jesus, der die Liebe gebracht habe, und dem Alten Testament her, worunter sie eine schlimme Gesetzesreligion verstehen. Sie zitieren den heiligen Augustinus, der einmal gesagt hat "Liebe und (dann) tu, was du willst" und benutzen das Zitat, um ihre triebgesteuerten Fehltritte zu bemänteln. Aber weder Augustinus noch Jesus lassen sich dafür missbrauchen. Augustinus ist so zu verstehen: Wenn du wirklich die Liebe erkannt hättest und in der Liebe wärest, bräuchtest du keine Gebote mehr du würdest vollkommen handeln.

Und von Jesus findet sich immerhin in der oft zitierten (und selten gelesenen) Bergpredigt der Satz: "Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich." (Matthäus 5,18 19).

Jesus schärft die Gebote nicht nur ein, er verschärft sie sogar: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein." (Matthäus 5,21 22)
Aber es ist derselbe Jesus der die Gebote im Liebesgebot zusammenfasst. Danach musst du zunächst Gott "mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft" (Markus 12,30) lieben. Gleich danach aber sollst du "deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden." (Markus 12,31) Aber hat nicht schon das Alte Testament zur Gottes- und Nächstenliebe aufgerufen? Das stimmt. Was aber ist nun neu daran, wenn Jesus sagt: "Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander!" (Johannes 13,34)?

Das Neue am neuen Gebot der Liebe besteht darin, dass Jesus sich selbst zum Maßstab und Vergleichspunkt von Liebe macht: "Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." (Johannes 13,34) Und was hat Jesus denn getan in Sachen Liebe, dass er der Maßstab ist? Er starb für uns so sagt Paulus "als wir noch Gottes Feinde waren" (Römer 5,10). 

Kurzum: Das Neue am neuen Liebesgebot ist die Feindesliebe: "Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen" (Matthäus 5,43 44). A la Jesus. Diese Feindesliebe ist religionsgeschichtlich etwas so Eigenes, dass der muslimische Autor Navid Kermani einmal meinte, die Christen hätten allen Grund, stolz darauf zu sein und sie wie ein kostbares Diadem auf der Stirn zu tragen. Nächstenliebe und Selbstliebe nennt Jesus in einem Atemzug. Auch das ist bedenkenswert. Es gibt Mütter, die nie an sich denken und dabei kaputtgehen. Sich selbst zu lieben ist aber ein ebenso verpflichtendes Gebot wie den Nächsten zu lieben.

Zur weiterführenden Lektüre:

  • Youcat 295: Was ist das Gewissen?
  • Youcat 298: Wird jemand, der guten Gewissens falsch handelt, vor Gott schuldig?
  • Youcat 291: Wie kann ein Mensch unterscheiden, ob sein Tun gut oder schlecht ist?
  • Youcat 349: Wie lauten die "Zehn Gebote"? und 351: Sind die Zehn Gebote nicht überholt?
  • Youcat 309: Was ist die Liebe?
  • Youcat 135: In welchem Verhältnis steht die Kirche zu den Juden?
  • Youcat 348: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
  • Youcat 34: Was muss man tun, wenn man Gott erkannt hat?
  • Youcat 387: Wie gehen wir mit unserem Körper um?

Wer das Thema mit Freunden oder einer Gruppe tiefer erarbeiten möchte, kann sich unter www.youcat.org/de/youcatstudyden Studyguide No. 9 kostenlos herunterladen. Die nächste Folge bei Radio Horeb wird am 16. September um 19.45 Uhr ausgestrahlt.