München

Gebetswache in München: Dient das der Kirche?

Acies Ordinata: In München trafen sich Laien und ein Erzbischof, um den Glauben öffentlich zu verteidigen. Die Tagespost diskutiert in einem Pro und Contra über die Aktion.

Acies ordinata in München
Stilles Rosenkranzgebet und vernehmbares Glaubensbekenntnis: Aus mehreren Länder trafen sich am Samstag Beter auf den Odeonsplatz in München. Foto: AC Wimmer

Acies ordinata“ – das ist ein Zitat aus dem Hohelied Salomonis (Kapitel 6), in dem es heißt: „pulchra es amica mea suavis et decora sicut Hierusalem terribilis ut castrorum acies ordinata“ –  „Du bist schön, meine Freundin, wie Thirza, lieblich wie Jerusalem, schrecklich wie Heerscharen“.

Eine Gruppe katholischer Laien um den italienischen Historiker Roberto di Mattei hat sich diesen Vers als kämpferischen Leitspruch auserkoren, um gegen das, was sie die Modernisierung der katholischen Kirche nennt, anzutreten: „Auch wir bilden eine Acies ordinata und bitten die Königin der Engel und Heiligen, im Besonderen den heiligen Kajetan von Thiene, vor dessen Kirche wir versammelt sind, uns in unserer friedlichen Verteidigung des Glaubens und der christlichen Zivilisation beizustehen“, schreibt die Vereinigung auf ihrer Webseite zu der Gebetsversammlung, die am Samstag in München stattfand.
Nach zwei Gebetswachen in Rom machte Acies Ordinata also Station auf dem Münchner Odeonsplatz vor der Theatinerkirche. Und das nicht ohne Grund: „Wohin steuert die Deutsche Bischofskonferenz?“, fragen die Anhänger di Matteis, „Was werden die Konsequenzen des Synodalen Weges im Leben der Kirche sein? Wenn wir die ideologischen Überzeugungen und die öffentlichen Stellungnahmen von vielen deutschen Bischöfen bedenken, haben wir diesbezüglich keine Zweifel: das Ergebnis des Synodalen Weges kann nichts anderes sein als die Gründung einer von Rom getrennten Kirche.“

130 Katholiken protestieren in eisiger Kälte

Dagegen protestierten gut 130 Katholiken in eisiger Kälte, unter ihnen der emeritierte Kuriendiplomat Erzbischof Carlo Maria Viganò. Fragte man sie nach ihrer Motivation, so hörte man viel von Sorgen angesichts des Synodalen Weges. Die Betenden fragen sich, „in welche Richtung die Kirche geht“ und sind der Meinung, dass ein „kräftiger Gegenakzent“ nötig sei. Die Teilnehmer sehen die Gefahr, „dass die Überlieferung der Kirche sich verflüssigt“. Die deutsche Kirche wird aufgrund ihres Reichtums als „Schrittmacherin bestimmter Entwicklungen“ bewertet. Konkret befürchtet man, dass sich „Deutschland in ein Schisma begibt“, weil sich der „Synodale Weg weitab von jeder kirchlichen Überlieferung“ bewege: „Das katholische Leben wird nicht mehr verkündet, Gott wird von der Kirche nicht mehr in den Mittelpunkt gestellt.“ Eine Dame sagte: „Ich glaube an den Auftrag, für die Wahrheit einzustehen. Ich bin es Gott schuldig, hier zu sein.“ Eine Stunde harrte man in stillem Gebet und in streng symmetrischer Aufstellung vor der Theatinerkirche aus. Die Gebetswache war keine öffentliche Veranstaltung. Man musste persönlich eingeladen worden sein, um daran teilzunehmen. Daher gab es weder Gegendemonstrationen noch Polizeischutz.

Zur gut besuchten Pressekonferenz nach der Gebetswache hatten die Veranstalter offensichtlich kein kirchenkritisches Medium eingeladen. Auf dem Podium eine belgische Lebensrechtlerin (Jeanne Smits), der Österreicher Alexander „Pachamama“ Tschugguel, ein Italiener, zwei Amerikaner und ein Chilene (José Antonio Ureta) – seltsamerweise kein deutscher Sprecher, obwohl es doch in erster Linie um die Kirche in Deutschland ging.

Statements mit aggressivem Tonfall

Die verlesenen sechs Statements schlugen einen aggressiven Tonfall an: Michael Matt verglich den Widerstand gegen den Synodalen Weg mit dem Widerstand Stauffenbergs und Sophie Scholls gegen Hitler, John-Henry Weston drohte Kardinal Marx offen mit der Verdammnis („Mögen Sie alle Ihre bösen Taten bereuen, denn das Feuer der Hölle erwartet Sie“) und hielt ihm vor Augen, dass „Blut an seinen Händen klebe“, Roberto di Mattei forderte die Deutschen dazu auf, ab sofort keine Kirchensteuer mehr zu zahlen. Die Texte wurde auch als Booklet verteilt. Eines davon landete im Briefkasten des einen Steinwurf entfernten Erzbischöflichen Palais.

DT/pschera

 

Pro: Weckruf an die Katholiken

Von Hedwig von Beverfoerde

Die internationale Gebetsmahnwache Acies ordinata in München, zu der mein Mann und ich auf Empfehlung eingeladen worden waren, war sehr eindrucksvoll. Acies ordinata, die gerichteten Speerspitzen, beziehungsweise Heerscharen (Hoheslied 6, 9), sind ein Bild für Maria, die Standhafte, ganz auf Gott, ihren Sohn, Ausgerichtete und in ihrer stillen Kraft den Widersachern Furcht Einflößende. In ihren Dienst haben sich die rund 140 Teilnehmer, stellvertretend für die Getreuen weltweit, mit der Aktion symbolisch gestellt.

Starkes Bild, auch für zahlreiche Passanten

In Stille organisiert vom italienischen Historiker Roberto de Mattei, waren dazu Katholiken aus der ganzen Welt angereist, aus Kanada, Vereinigten Staaten, Südamerika, Osteuropa, Italien, England, Frankreich, Österreich und viele aus Deutschland. Aufgestellt in Heeresformation standen wir im Angesicht der Theatinerkirche eine Stunde lang still, beteten jeder für sich leise den Rosenkranz, um Beistand des heiligen Erzengels Michael und sangen zum Schluss gemeinsam das lateinische Credo. Ein starkes Bild, auch für die zahlreichen Passanten, von denen etliche bei umstehenden Fotografen nachfragten.
Anlass war der Beginn des Synodalen (Irr-)Wegs der Deutschen Bischofskonferenz mit glaubenswidrigen Zielen wie Frauenweihe, Anerkennung homosexueller Partnerschaften, Interkommunion et cetera.

Teile der Weltkirche sehen hierin eine tödliche Gefahr für die Einheit der Kirche, ebenso brisant wie die von Deutschland ausgegangene „Reformation“ vor 500 Jahren. Sie fürchten auch den Einfluss, den die reiche deutsche Kirche mit ihrem Geld auf die Kirche weltweit ausübt. Dies wurde bei der späteren Pressekonferenz deutlich.

Aufschrei aus der Weltkirche

Man musste sich nicht der dort geäußerten Forderung nach Verweigerung der Kirchensteuer anschließen, um diesen Befürchtungen recht zu geben. Auch sprachen amerikanische Redakteure dort manches Wahre in für unsere Ohren schwer erträglicher Schonungslosigkeit aus. Sei's drum.
Acies ordinata war ein Aufschrei aus der Weltkirche, ein Appell an die deutschen Bischöfe, in persona Kardinal Marx, und ein starker Weckruf an die glaubenstreuen Katholiken in Deutschland, vom Schlafe aufzustehen und sich der von der DBK angeführten Absetzbewegung der deutschen Teilkirche von der 2 000-jährigen Glaubenslehre in Richtung Schisma mit Gebet, Wort und Tat entgegenzustellen. Damit erinnert Acies ordinata an die vergessene Wahrheit, dass wir auf Erden – ob es uns gefällt oder nicht – die Streitende Kirche sind. Im Streit gegen das Böse in unserer eigenen Seele ebenso wie in Kirche und Welt müssen wir uns bewähren.

 

Contra: Gefahr des Schismas erhöht

Von Alexander Pschera

Geschäftig sein ist gut, viel besser aber beten,/ noch besser stumm und still vor Gott den Herren treten“, schrieb der Mystiker Angelus Silesius. An dieser Weisheit ändern auch die Szenarien, die der Synodale Weg möglicherweise mit sich bringt, keinen Deut. Die ursprüngliche Stoßrichtung der Laienbewegung Acies ordinata ist das gemeinsame Gebet im öffentlichen Raum. So weit, so gut. Aber leider, so scheint es, vertraut diese Gruppierung nicht wirklich der Kraft dieses Gebets. Denn der durchaus beeindruckenden stillen Mahn- und Gebetswache auf dem Münchner Odeonsplatz folgte eine wortreiche Pressekonferenz, die in Wirklichkeit keine Informationsveranstaltung war, sondern eine kirchenpolitische Kundgebung, die mit Vehemenz und vor allem mit ungeheurer polemischer Schärfe gegen den durchaus diskutablen Sonderweg der deutschen Kirche zu Felde zog – ohne allerdings einen deutschen Vertreter auf dem Podium zu haben, was der Glaubwürdigkeit der Veranstaltung nicht gerade förderlich war.

Wer Dialog will, sollte keine Brandsätze werfen

Bei Acies ordinata ist man offenbar der Meinung, die Deutschen seien nicht mehr denk- und handlungsfähig und bräuchten katholische Entwicklungshilfe und eine spirituelle Luftbrücke. Auch wenn man die Bedenken der Sprecher teilt und in Sorge ist um die Integrität und Kontinuität der katholischen Lehre: Die von den Sprechern beschworene Gefahr eines Schismas, das von der deutschen Bischofskonferenz ausgehe, wird durch solche Attacken eher größer als kleiner. Wer sich Gehör verschaffen und in einen ernsthaften Dialog mit dem Gegner treten will, der sollte keine Brandsätze werfen, sondern kühlen Kopf bewahren. Schließlich geht es auch in Fragen des Dogmas und des ewigen Heils um den Stil und den Tonfall, in dem Argumente vorgebracht und erläutert werden.

So vorgebracht verpufft jede These in Wirkungslosigkeit

Natürlich kann und sollte man über die deutsche Kirchensteuer diskutieren, die auch kirchenrechtlich bedenklich ist. Doch, mit Verlaub, geht es nicht an, als Italiener oder Amerikaner von einem Podium herab den deutschen Zuhörern die Leviten zu lesen und zur Rebellion aufzustacheln. Die Begründungen für die eigene These können noch so gut sind – so vorgebracht verpuffen sie in Wirkungslosigkeit. Das, was man im stillen und beharrlichen Gebet Gott anvertraut, ist die eine Sache – eine andere Sache ist das, was man in pharisäischer Selbstherrlichkeit kirchlichen Würdenträgern lauthals um die Ohren schlägt: „Herr Kardinal, an Ihren Händen klebt Blut, Sie sind ein falscher Prophet, wie diejenigen, vor denen der heilige Petrus gewarnt hat!“, wetterte John-Henry Weston auf der Pressekonferenz. Man möchte ihm die Lektüre und Meditation von Johannes 8,7 ans Herz legen.

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