Würzburg

Fundamentaltheologie am Scheideweg

Über die Irrwege eines Fundamentaltheologen: Vor 110 Jahren wurde Adolf Kolping geboren.

Adolf Kolping
Adolf Kolping, ein Nachfahre des seligen Gesellenvaters. Foto: Verlag Gerhard Kaffke

Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ – dieser Vers aus dem ersten Petrusbrief (3, 15) steht am Anfang aller Bemühungen, den christlich-katholischen Glauben „vernünftig“ zu erklären und zu begründen. „Glaube und Vernunft“, das große Thema Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. nicht nur 2006 in Regensburg, sowie „Glauben und Wissen“, Thema des magistralen neuen Buches von Jürgen Habermas, sind ureigene Themen der Fundamentaltheologie, die die Grundlagen und die Glaubwürdigkeit des christlichen Offenbarungsglaubens darlegen will. Die umfassendste deutschsprachige Fundamentaltheologie nach dem Zweiten Vatikanum ist das dreibändige Werk des zuletzt in Freiburg lehrenden Rheinländers Adolf Kolping, der am 12. Dezember 1909, also vor 110 Jahren, in Andernach geboren wurde. An ihm kann aber auch aufgezeigt werden, in welche Irr- und Abwege sich eine rein rationale Fundamentaltheologie verlaufen kann.

Kolping hatte einen eher konservativen Ruf, da er sich in den 1970er Jahren in die Diskussionen um Hans Küng einschaltete und heftig Kommentare seines damaligen Freiburger Kollegen Karl Lehmann zu den lehramtlichen Texten „Mysterium Ecclesiae“ (1975) zur Kirchenfrage und „Inter Insignores“ (1976) zur Frauenweihe kritisierte. Wegen dieser Profilierungen fiel kaum auf, dass in Kolpings Fundamentaltheologie Wunder, Jungfrauengeburt und Auferstehung keine Ereignisse der realen Heilsgeschichte mehr waren. Karl Barth erkannte die Zwiespältigkeit des hochintelligenten Kollegen und sprach in einem Seminar etwas ironisch vom „katholischen Bultmannianer“.

Von Bonn über Münster nach Freiburg und zurück

Der Nachfahre des seliggesprochenen „Gesellenvaters“ Adolph Kolping, Sohn eines Amtsrichters, promovierte 1938 in Bonn bei Bernhard Geyer und Arnold Rademacher mit einer luziden Arbeit über Anselm von Canterburys Beweis der Existenz Gottes. Nach der Habilitation über den Sakramentsbegriff bei Tertullian folgte er 1949 dem Ruf auf den Münsteraner Lehrstuhl für Fundamentaltheologie, 1962 wechselte er an die Albert-Ludwigs-Universität nach Freiburg. 1963 erschien von ihm eine damals sehr verbreitete „Einführung in die katholische Theologie“, 1964 in Bremen die von Karl Rahner gelobte theologiegeschichtliche Arbeit „Katholische Theologie gestern und heute“. Nach der Emeritierung 1978 zog Kolping sich ins heimatliche Bonn zurück, wo er am 31. August 1997 verstarb. 1989 publizierte er noch die ansprechende Aufsatzauswahl „Kirche – die komplexe Wirklichkeit“. Sein bekanntester Schüler ist der Freiburger Theologe Joseph Schumacher, der trotz Habilitation und ausgezeichneten Publikationen nie einen ordentlichen Lehrstuhl erhielt. Aktuell ist mit dem umstrittenen Magnus Striet ein autonomistischer Theologe des „weichen Atheismus“ (Robert Kardinal Sarah) sein Freiburger Nachfolger.

Kolping: Die Auferstehung war nicht real historisch

Bis hin zu Christoph Böttigheimers sehr gehaltvollem „Lehrbuch der Fundamentaltheologie“ (Freiburg 32016) teilt sich das Fach in drei Teile: die Erörterung des rational Verstehbaren in der Gottes-, der Offenbarungs- und der Kirchenfrage. Kolpings erster Band, den Leo Scheffczyk sehr schätzte, widmet sich der „Theorie der Glaubwürdigkeitserkenntnis der Offenbarung“ (1968). Der umfangreiche zweite Band „Die konkret-geschichtliche Offenbarung Gottes“ (1974) behandelt unter intensiver Heranziehung der historisch-kritischen Bibelexegese die alt- und neutestamentliche Offenbarungsgeschichte, endet allerdings bezeichnend mit dem Kreuzestod Jesu. Der Neutestamentler Rudolf Pesch schrieb in einer Rezension, „dass mit diesem Band die Fundamentaltheologie den Anschluss an die bibelwissenschaftliche Forschung gefunden und damit einen Standard erreicht hat, der nicht mehr verloren gehen darf“. Wie bei Bultmann und dem noch kritischeren Herbert Braun, einem seiner Kronzeugen, gehört für Kolping die Auferstehung Jesu nicht zur realen Historie, sondern ist ein Kerygma der Urgemeinde, das erst der „dem Andenken an Papst Paul VI.“ gewidmete dritte Band „Die katholische Kirche als die Sachwalterin der Offenbarung Gottes“ (1981) behandelt. Für seine Bestreitung von Wundern, die die Glaubwürdigkeit einer göttlichen Offenbarung untermauern, und von wunderbaren Ereignissen wie Jungfrauengeburt und Auferstehung Jesu, beruft sich Kolping systematisch auf die Lehre des Ersten Vatikanums über die „zweifache Ordnung der Erkenntnis“ (DH 3015): eine natürliche Vernunfterkenntnis, die auch die Existenz Gottes erfasst, und eine gnadenhafte übernatürliche Glaubenserkenntnis, die sich auf die Mysterien des Glaubens und ihren Zusammenhang („nexus“) bezieht. Rein natürlich könne man keine Wunder feststellen, da Gott immer „mediante natura“ mittels Zweitursachen wirke, nicht aber in Durchbrechung der Naturgesetze. Die Auferstehung Jesu sei ein strikt übernatürliches Glaubensgeheimnis, weshalb ihre natürliche Bestreitung durch eine historisch-kritische Exegese, die ausführlich in allen Thesen und Erklärungen abgearbeitet wird, kein eigentliches Problem darstellt. Im Gegensatz zu früheren Glaubensbegründungen mit physischen Wundern schreibt er in einem Zentralsatz, den auch sein direkter Freiburger Lehrstuhlnachfolger Hansjürgen Verweyen in „Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie“ (1. Aufl. Düsseldorf 1991) zitiert: „Die geisteswissenschaftlich feststellbare, nicht launenhaft-wechselnde Einheitlichkeit des ,Antlitzes Gottes‘, mit der der verborgene Gott uns in der konkret-geschichtlichen Offenbarung innerhalb der Offenbarungsgemeinde des AT und des NT begegnet, ist das zentrale Glaubwürdigkeitsmotiv“ (II, 11).

So gut sich das anhört, so sehr ist damit eine fast schizophrene Spaltung aufgerissen: nicht nur wie die angeblichen „zwei Stockwerke“ der neuscholastischen Gnadenlehre, gegen die Henri de Lubac sein Buch „Surnaturel“ schrieb, sondern ein Dualismus von Gott und Welt, wie er schärfer nicht gedacht werden könnte und exakt dem Entmythologisierungsprogramm Rudolf Bultmanns entspricht. Eine genuin katholische Theologie ist diese rationalistische Missdeutung der Glaubenskonstitution „Dei Filius“ des Ersten Vatikanums nicht mehr.

Ein Nachschlagewerk für Irrwege der Exegese

So sehr zu begrüßen war, dass ein Fundamentaltheologe sich ausgiebig mit der historisch-kritischen Bibelexegese befasste, so bedauerlich ist das bei Kolping sichtbare tragische Scheitern. Joseph Ratzinger, der auch Fundamentaltheologie lehrte („Glaube in Schrift und Tradition“, Gesammelte Schriften 9/1 und 9/2), hielt zu Kolping immer Distanz. Es bleibt der Fundamentaltheologie die Aufgabe gestellt, mit dem ersten Petrusbrief „jedem Rede und Antwort zu stehen“ und für den Glaubensentscheid, der nicht nur rationaler Wille, sondern ein Gnadenwirken ist, Glaubwürdigkeitsmotive aufzuzeigen. Ein katholischer Theologe kann dabei jedoch auch heuristisch nicht ungläubig sein. Apologetik und Glaubensrechenschaft sind nicht rein intellektuelles Besserwissen, sondern ein personaler und geistlicher Dialog missionarischer Liebe. Ein theologiegeschichtliches Nachschlagewerk für Irr-, Ab- und Umwege der historisch-kritischen Exegese bleibt Kolpings Fundamentaltheologie allemal. Sie kann davor warnen, dem sich offenbarenden Gott seine Wirkmächtigkeit abzusprechen und mit dem Unglauben Experimente zu machen. Adolf Kolping war somit gewollt oder ungewollt leider einer der vom Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger in einem prophetischen Notruf angeprangerten „Bibelfälscher“ (München 2013). Möge ihm nach seinem Tod eine neue Sicht zuteil geworden sein.

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