Würzburg

Frommsein mit den Frommen

Bereits seit dem 10. Jahrhundert gibt es das „Officium Marianum Cartusiense“. Nun ist das Marianische Offizium des Kartäuserordens als Taschenbuch erschienen.

Unter dem Mantel der "Virgen de las Cuevas" finden die Kartäuser Ruhe zum Gebet. Francisco de Zurbarán, Museum der Schönen Künste in Sevilla. Foto: IN

Wundersames sagt man vom Orden der Kartäuser: Dass er nie reformiert werden musste, weil es nie die Notwendigkeit dazu gab. Die Benediktiner wurden durch die Zisterzienser wieder an die strenge Auslegung der Regel erinnert, denen darin ihrerseits die Zisterzienser von der strengen Observanz, die Trappisten, nachfolgten. Die Augustiner-Chorherren haben die Prämonstratenser als Reformzweig. Die Kartäuser – aus dem Vorbild gemeinsam-einsamen Lebens des heiligen Bruno von Köln mit sechs Gefährten 1084 entstanden – stehen heute als Verbindung von Eremitentum mit Elementen des Gemeinschaftslebens singulär da in der Ordenslandschaft der katholischen Kirche. Eine auf sie sich berufende Neugründung ist die nach dem Marien-Dogma von 1950 entstandene Monastische Familie von Bethlehem, die aber keine Weiterentwicklung, nur eine Ergänzung des kartusianischen Proprium sein will, indem man Gästen leichter Aufnahme gewährt.

Die Kartäuser dagegen wollen ein einsames Leben der Buße und des Zeugnisses für Christus zum Wohl der ganzen Welt leben. Die Messe spielte ursprünglich keine große Rolle und wurde nicht einmal jeden Tag zelebriert – unabhängig davon, dass ohnehin nur ein Teil der Mönche die Priesterweihe empfängt. Das Stundengebet wurde allerdings zu allen Zeiten als unerlässliche Hilfe für das persönliche Wachstum angesehen. Wie James Lester Hogg, der große Kenner des Ordens, schreibt: „Die kartäusische Spiritualität ist wesentlich auf Beschauung in der Zelle ausgerichtet. Die einfache tägliche Arbeit macht einen integralen Teil des Gebetslebens der einzelnen Mönche aus.“ Nur wenige Horen des Stundengebetes wurden und werden in der Kirche gemeinsam verrichtet.

Das Marianische Offizium zur Gottesmutter, das kurz vor Gründung der Kartäuser im zehnten Jahrhundert als Zusatz zum üblichen Brevier aufkam und im Hochmittelalter auch unter gebildeten Laien Verbreitung fand, wurde bei den Kartäusern, die ja immer zahlreiche Laienbrüder hatten, besonders gepflegt.

Es folgt der vorzüglichen neuen Psalmenübersetzung von Pater Martin Ramm

Eine besonders schöne Ausgabe des „Officium Marianum Cartusiense“ hat nun Hans Jakob Bürger, unermüdlicher Förderer des Kartäuserordens im deutschen Sprachraum, vorgelegt. Der Fe-Verlag hat daraus eine kleine Kostbarkeit im himmelblauen Gewand gemacht, so solide und praktisch gestaltet, dass das Büchlein sich als ideales Reisebrevier eignet. Das Buch gibt im Wesentlichen das Tagzeiten-Buch der Kartäuser aus dem Jahr 1936 wieder, ist lateinisch-deutsch gestaltet und folgt der vorzüglichen neuen Psalmenübersetzung von Pater Martin Ramm FSSP. Es gibt eine gut gemachte Einführung, die den Leser auch über die mit dem Gebet verbundenen Zeremonien und den anstrengenden Stundenplan des Ordens unterrichtet. Da trennt sich dann die Spreu vom Weizen, wenn man sieht, dass die Priestermönche, die überhaupt erst nach Mitternacht zur Ruhe gekommen sind, um zwei Uhr bereits wieder eine Marien-Laudes in der Zelle verrichten. Man versteht, dass die Kirche zu allen Zeiten körperliche Gesundheit als eine der Voraussetzungen eines gesunden Ordenslebens – nicht nur des kartäusischen – vorgeschrieben hat. Aus dem Buch spricht aber vor allem das kindliche Vertrauen der Mönche zur Gottesmutter, die als „mater singularis cartusianorum“ angerufen wird. Marien-Messen und einige schöne Andachtsgebete runden den wohltuenden Band ab, der dazu beitragen will, Gott nicht in geschwätzigem Wortschwall, sondern in Schlichtheit, aber aus dem tiefsten Innern anzusprechen und zu loben.

Hans Jakob Bürger (Hg.): Das Offizium der seligen Jungfrau Maria nach der Verwendung und dem Brauch des Kartäuser-Ordens. Kisslegg, 2019, 240 Seiten, zweisprachig, Lesebändchen, ISBN 978-3-86357-218-1, EUR 19,95