Canberra

Freispruch für Pell?

Hat sich die Justiz im Fall des australischen Kardinals geirrt? Das Drama geht in die nächste Runde.

Kardinal George Pell
Die Frage, ob Kardinal Pell genügend Zeit hatte, den Missbrauch zu begehen, ist einer von mehreren strittigen Punkten in diesem Fall. Foto: Archiv

Auch wenn sich seine Unterstützer und juristische Beobachter zuversichtlich zeigten: Nach der zweitägigen Anhörung vor dem Obersten Gerichtshof Australiens am Mittwoch und Donnerstag vergangener Woche war die Frage, ob Kardinal George Pell von seiner Verurteilung als Sexualstraftäter freigesprochen wird, erst einmal alles andere als klar. Die siebenköpfige Richterbank beschloss am 12. März erst einmal, sich mehr Zeit zu nehmen: Man werde prüfen, ob der Berufungsantrag zugelassen werden soll, der die letzte Chance des Kardinals auf einen Freispruch darstellte.

Fest stand somit nur eines: Wenn vier – oder mehr – der insgesamt sieben Richter des High Court entscheiden, dass Pells Verurteilung fehlerhaft war, dann würde er freigelassen, möglicherweise sogar sofort. Eine detaillierte schriftliche Entscheidung würde folgen – vielleicht erst Wochen später. Auf diese Entscheidung wartete nun mit Spannung die weltweite katholische Kirche, warteten auch vor Ort die Unterstützer und Gegner Pells – sowie eine australische Justiz und Gesellschaft, die von der Affäre Pell zutiefst erschüttert worden ist.

Pell verfolgt den Prozess aus dem Gefängnis

Der ehemalige Finanzchef des Vatikans, zuvor Erzbischof von Sydney wie auch Melbourne, verfolgte die Anhörung am 11. und 12. März vor dem Obersten Gerichtshof in Canberra aus der Ferne: Hinter den Gittern von Her Majesty's Prison Barwon, einem Hochsicherheitsgefängnis in der Nähe von Melbourne. Der 78-Jährige verbüßt dort eine sechsjährige Haftstrafe, nachdem ihn ein Geschworenengericht im Dezember 2018 für schuldig befand, als Erzbischof von Melbourne zwei Chorknaben nach der Sonntagsmesse in der St. Patrick's-Kathedrale Mitte der 1990er Jahre sexuell missbraucht zu haben. Seitdem kämpft Pell um einen Freispruch. Die Anhörung vor dem Obersten Gerichtshof Australiens war die letzte Chance für den ranghöchsten Kardinal der Katholischen Kirche, der jemals des sexuellen Missbrauchs für schuldig befunden worden ist.

Bis zum Andruck dieser Zeitung stand bereits fest: Wenn die Richter des Obersten Gerichtshofs vereinbaren, die Berufung zu prüfen – was nach Ansicht von Rechtsexperten eine Formsache ist – dann werden sie wohl auch sofort entscheiden, ob sie Kardinal Pell freisprechen oder seine Verurteilung aufrechterhalten wollen. Der Vorgang würde keine weitere öffentliche Anhörung erfordern und könnte binnen weniger Tage umgesetzt werden, auch wenn die Oberste Richterin des High Court, Susan Kiefel, keinen konkreten Zeitrahmen für die Entscheidungen des Gerichts benannte. Für äußerst unwahrscheinlich dagegen hielten Beobachter des Prozesses, darunter renommierte Juristen, die Möglichkeit, dass der Fall noch einmal an ein untergeordnetes Gericht im Bundesstaat Victoria zurückverwiesen werden könnte.

Jura-Professor sieht Chance für Pell

Jura-Professor Jeremy Gans von der Universität Melbourne sagte, der Donnerstag sei ein „guter Tag für Pell“ am Obersten Gerichtshof gewesen. Er sehe durchaus eine Chance, dass der Kardinal freigesprochen werden könne, berichtete die Zeitung „The Australian“. „Das Fazit der heutigen Anhörung ist, dass Pells Aussichten auf eine erfolgreiche Berufung gut sind“, twitterte auch Shannon Deery, ein Gerichtsreporter der Melbourne Zeitung „Herald Sun“, und fügte hinzu, dass das Gericht „auf der Seite“ der Verteidigung zu stehen schien, während es mit der Anklage „kämpfte“.

Was war geschehen? Nach Angaben der Zeitung „The Australian“ endete die zweitägige Anhörung in Canberra damit, dass die Anklage in einem wesentlichen Punkt ihre Meinung änderte – und Victorias leitende Staatsanwältin, Kerri Judd, vor den Richtern ihren Fall vor Gericht schlecht präsentierte. Der Anwalt von Kardinal Pell dagegen, der als einer der besten Advokaten Australiens gilt, legte dar, dass der Kardinal aufgrund von Indizienbeweisen und der Ungereimtheiten eines einzigen Zeugen nicht zweifelsfrei für schuldig befunden werden konnte. Zumal dieser Belastungszeuge nach 22 Jahren seine „schockierenden Vorwürfe“ erhoben hatte, denen zwanzig andere Zeugen vor Gericht widersprochen hätten. Zwischenzeitlich war zudem das zweite mutmaßliche Opfer – das die Tat immer bestritten hat – gestorben.

Wurde die Beweislast umgedreht?

Mehr noch: Walker argumentierte, was auch der Richter Mark Weinstein im gescheiterten Berufungsverfahren in erster Instanz in seinem Minderheitenvotum klar monierte: Die Beweislast sei in dem Verfahren umgedreht worden. Pell hätte seine Unschuld beweisen müssen, nicht die Staatsanwaltschaft seine Schuld, denn das Berufungsgericht in Victoria sei „scheibchenweise“ an die vorgelegten Beweise so herangegangen, dass das Verfahren auf einen „schrecklich verhängnisvollen Irrweg“ geraten sei. Eine zweifelsfreie Verurteilung – beyond reasonable doubt – sei so nicht möglich, ein Freispruch somit zwingend erforderlich.

Richtiggehend in die Mangel genommen wurde Prozessbeobachtern zufolge am zweiten Tag in Canberra denn auch Kerri Judd. Dabei soll die Staatsanwältin sogar ihre Aussage über den Zeitrahmen geändert haben, in dem Kardinal Pell die Jugendlichen in der Kathedrale missbraucht haben soll. Ursprünglich wurde behauptet, Pell habe es geschafft, in einem Zeitraum von sechs Minuten – kurz nach dem Auszug nach der heiligen Messe aus dem Dom – sich allein in die Sakristei begeben zu haben, dort die beiden Jugendlichen überrascht zu haben, und diese dann bei geöffneter Tür beide sexuell missbraucht zu haben – während er noch das volle liturgische Gewand trug. Nach der Befragung durch die Richter in Canberra habe die Anklage den Tatzeitraum geändert, von „fünf oder sechs Minuten“ auf eine unbestimmte Zeit, so Berichte.

Die Frage, ob der Kardinal genügend Zeit hatte, den Missbrauch zu begehen, ist einer von mehreren strittigen Punkten in diesem Fall, und die Verteidigung des Kardinals hat stets argumentiert, dass dieser Tatvorgang unmöglich gewesen wäre – allein schon deshalb, weil Pell zu dem Zeitpunkt, als der Missbrauch stattgefunden haben soll, auf den Stufen der Kathedrale Gläubige begrüßte. Was mindestens ein Zeuge vor Gericht ausgesagt hat, der dem Kardinal als Zeremonienmeister buchstäblich zur Seite stand.

„Ungereimtheiten“ in der Aussage des Entlastungszeugen

Judd forderte die Richter am vergangenen Donnerstag auf, diese Tatsache beiseite zu schieben mit dem Argument, es gebe einige „Ungereimtheiten“ in der Aussage des Entlastungszeugen, der sich an diesen Tag vor über 20 Jahren erinnert. Auf die Frage der Richter, ob die Schuld des Kardinals über jeden begründeten Zweifel erhaben sein könnte, antwortete Judd, „nur weil einige Beweise auf Unschuld hindeuteten, heißt das nicht, dass die Geschworenen nicht berechtigt waren, ihn für schuldig zu befinden“.

Für Unterstützer des Kardinals, die an beiden Tagen vor dem High Court in Canberra für Pell demonstrierten, sangen und beteten, war der Ausgang der Anhörungen einerseits erfreulich, berichtete der „National Catholic Register“. Die Zuversicht sei jedoch gedämpft von der Tatsache, dass dieses Verfahren „eine der traurigsten Affären in der australischen Rechtsgeschichte“ sei, so ein ehemaliger Messdiener Pells. Nach Recherchen der Catholic News Agency blüht dem Kardinal ohnehin – auch bei einem Freispruch – ein kirchenrechtliches Verfahren durch die Glaubenskongregation.

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