Heiligenkreuz

Flugzeugträger der Evangelisierung

Manche kommen mit Bier, Steaks und Musik, andere mit Philosophie: In Heiligenkreuz vernetzen sich katholische Missionare.

Evangelisierung in Österreich
Pater Karl Wallner, Missio-Nationaldirektor in Österreich, wirbt für das "Mission Manifest". Foto: © Missio

Seit langem ist die Zisterzienserabtei Heiligenkreuz im Wienerwald – samt ihrer boomenden Hochschule – eine blühende Oase inmitten geistlicher Versteppung. Am vergangenen Wochenende glich das Kloster jedoch einem Flugzeugträger, auf dem die Kampfjets der Remissionierung Europas landen, auftanken und neu durchstarten können. Ohne Eifersucht oder Eigenbrötelei tauschten hier Bewegungen und Initiativen ihre Erfahrungen aus, versuchten voneinander zu lernen und einander gegenseitig zu inspirieren. Das 886 Jahre alte Zisterzienserkloster wurde für zwei Tage zur geistlichen Heimat eines zukunftsreichen Netzwerks.

In Österreich pflegt man ein Kulturchristentum

In Österreich pflege man angesichts der Begegnung mit Muslimen ein Kulturchristentum, weil „man gerne ein Bier trinkt, sich aber nicht gern mit dem Schleier verhüllt“, meinte Pater Wolfgang Buchmüller, der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz. Eine missionarische Aufbruchsbewegung zur Glaubenserneuerung stehe jedoch noch aus.

Von einer solchen gab Bernhard Meuser Zeugnis, dessen Youcat in 70 Sprachen erschienen ist. Als Christ müsse man zum Ganzen des Glaubens Ja sagen, nicht bloß zu Fragmenten. Dazu brauche es den Katechismus, so Meuser, denn „wer den Glauben nicht kennt, wird ihn nicht lieben“. Der Synodale Weg geht nach seiner Auffassung „an der Wirklichkeit vorbei“, weil er „sekundäre und tertiäre Themen“ behandle.

Familie als entscheidender Ort der Glaubensweitergabe

In Deutschland sei mit der Würzburger Synode die Glaubensvermittlung vom Religionsunterricht abgekoppelt und an die Pfarrgemeinde verwiesen worden – „wo sie nie ankam“, sagte Meuser. Um die „Subjektwerdung im Glauben voranzutreiben“ müsse die Kirche ihre pyramidale Struktur aufgeben: Jugendliche sollten Jugendliche evangelisieren. Die Familie sei nach wie vor der entscheidende Ort der Glaubensweitergabe, denn das Glaubensgespräch sei wichtiger als die Medien. Es gelte, Berufungen und Charismen zu entdecken. Meuser erinnerte an die Mahnung Benedikts XVI., die großen Wallfahrtsorte dürften nicht zu „katholischen Disneylands werden, sondern zu Zentren der Neuevangelisierung“.

Der in Wien wirkende Hochschulseelsorger Simon de Keukelare von der Geistlichen Gemeinschaft „Das Werk“ schilderte, wie am größten Universitätsstandort im deutschen Sprachraum Studierende selbst evangelisieren. Etwa mit dem Magazin „Melchior“ und dem Studentencafé „Caspar“.

Elyse Schweighofer von der missionarischen Bewegung „Fellowship of Catholic University Students“ (FOCUS) schilderte in Heiligenkreuz, wie binnen zwei Jahrzehnten 23 000 Studenten für Bibelstunden gewonnen wurden. Ebenfalls in der Studentenseelsorge wirkt Pater George Elsbett von den Legionären Christi, der das „Zentrum Johannes Paul II.“ in Wien gründete. Hier gehe es darum, Gemeinschaft zu bilden, Jünger Jesu zu werden und dann die Welt aus diesem Geist heraus zu verändern. Es gelte, „eine Kultur des Betens aufzubauen, dann passieren Dinge!“

Absolutes Zentrum ist Jesus in der Eucharistie

Der Chefredakteur des Medienhauses der Erzdiözese Wien, Michael Ausserer, erzählte von Alpha-Kursen, bei denen Getaufte wie Nicht-Christen zu einer Jesus-Beziehung finden können. Im Jahr 2010 habe es nur 20 solcher Kurse in Österreich gegeben, heuer bereits 300. Marie Scholz, Mitarbeiterin von Radio Horeb sowie der „Franziskaner der Erneuerung“, berichtete von den Aktivitäten dieser missionarischen Kapuzinerpatres unter Armen, Obdachlosen, Prostituierten und Drogensüchtigen in der Bronx. Sie schilderte auch das katholische Musikfestival GiG, das Jugendliche, die nichts von der Kirche erwarten, anspreche – zunächst „mit Bier, Steaks und Musik“, dann mit der Schönheit des Glaubens.

„Unser absolutes Zentrum ist Jesus in der Eucharistie“, sagte Scholz. Zuerst werde getanzt und gefeiert, und dann in Stille angebetet. „Plötzlich herrscht Ruhe, alle Künstler kommen auf die Bühne, als Zeugnis“. Nicht um zu sprechen, sondern um den eucharistischen Herrn anzubeten.

Theresa Deppisch gründete die Plattform „GoCath“, ein Internetportal, das bei der Suche nach Anbetung, Glaubenskursen, Exerzitien oder katholischen Veranstaltungen helfen soll. Etwa 6.000 solche Veranstaltungen, die im Einklang mit der Lehre der katholischen Kirche stehen, präsentiert die Plattform derzeit im deutschen Sprachraum. Die Amerikanerin Jennifer Healy von dem in der ehemaligen Kartause Gaming angesiedelten „Language and Catechetical Institute Austria“ benutzt „Sprachenlernen als Vehikel der Evangelisation“. Studierende aus Osteuropa lernen hier in alpenländischer Abgeschiedenheit Englisch – um dann voll missionarischem Elan in ihre Länder zurückzukehren.

Sehnsucht nach einem Gott, der tröstet

An herausforderndere Klienten wagen sich Anna-Maria Jalalifar von Missio und Andrea Godau von „Elijah 21“ heran, denn beide missionieren unter Muslimen. „Die Migranten sehnen sich nach einem Gott, der tröstet“, sagt die vor 26 Jahren aus dem Iran nach Österreich geflohene Jalalifar, die selbst einst bei der Bibellektüre das Gefühl hatte, „gefunden zu haben, was ich mein ganzes Leben gesucht habe“ und heute als Katechistin wirkt. „Wir gewinnen die Migranten nur, wenn wir sie als Menschen sehen, die Gott retten will – nicht als Problem.“ Als 2015 die Migrationswelle Wien erreichte, habe sie sich stapelweise Jesus-Bilder und Rosenkränze besorgt. Man müsse „mit Taten und Worten Christus verkündigen“, denn: „Sie beobachten uns. Eine Verkündigung ohne Leben ist leer!“

Alles andere als leer ist die Verkündigung von Andrea Godau. Sie berichtete in Heiligenkreuz von Migranten, die in Griechenland durch Filme Jesus als ihren Retter entdeckten. Mit „Elijah21“ machte sie eine Missionsmethode daraus. Heute zeigt sie Jesus-Filme auf Arabisch, Kurdisch und Farsi, und kann von hunderten Bekehrungen Zeugnis geben. „Jesus berührt auch heute die Flüchtlinge. Er hat mit seinem teuren Blut auch für die Errettung dieser vielen Muslime bezahlt.“

20 sind eingeladen, aber 100 kommen

Oft lade sie 20 Migranten zum Filmabend ein, aber 100 kämen. „Sie suchen, strecken ihre Hände aus nach einem Retter“, weiß Andrea Godau aus Erfahrung. Sogar ehemalige Taliban-Kämpfer hätten sich bekehrt. In ihrer Heimatstadt Chemnitz kämen nun 50 bis 80 getaufte Iraner zur Sonntagsmesse. „Gott hat nicht nur einen Plan für die Flüchtlinge, sondern auch für unsere Pfarrgemeinden in Deutschland und Österreich.“ Sie hofft, dass die Migranten „Jesus in ihre Länder mitnehmen“, als Heimkehrer oder wenigstens über die sozialen Medien.

Traditionsreiche Organisationen wie die „Legion Mariens“, die größte katholische Laienorganisation der Welt mit mehr als drei Millionen Aktiven, und die „Katholische Pfadfinderschaft Europas“ (KPE) kamen in Heiligenkreuz zu Wort. Ebenso die Loretto Gemeinschaft, deren Leiter Maximilian Oettingen daran erinnerte, dass der Heilige Geist „in uns und durch uns“ wirkt. In Europa gebe es eine Scheu, die charismatische Wirkweise anzunehmen, „denn dann gibt es ein Getöse“. Das Verständnis dafür, wie der Heilige Geist durch Christen wirkt, sei gering. Hier brauche es Schulungen. „Um auf Sendung zu sein, brauchen wir die Erfüllung mit dem Heiligen Geist.“

Jesus ruft Menschen, die volle Netze haben wollen

Benedikt Michal, einer der Initiatoren des „Mission Manifest“, hat als Straßenmissionar diese Erfahrung gemacht: „Die Leute kümmert nicht, was du weißt, bis sie wissen, dass du dich um sie kümmerst.“ Darum hat er mit der „Benedikt Akademie“ eine philosophische Online-Praxis eröffnet. „Philosophie ist die gemeinsame Sprache von Glaubenden und Nicht-Glaubenden.“ Christen sollten keine Angst haben, sich auf eine vernünftige Debatte einzulassen: „Wir wissen doch, wer hinter der Wahrheit steckt. Sobald es also um die Wahrheit geht, haben wir ein Heimspiel.“

Das mag sich auch der niederländische Priester Michael Remery gedacht haben, der mit „Twittern mit Gott“ den Glauben erklärt und verteidigt. „Man soll überall Missionar sein, also auch online“, sagt der Geistliche, dessen App in vielen Sprachen aufs Handy geladen werden kann.

Heiligenkreuz habe sich zu einem „Missions-Camp“ entwickelt, bilanzierte Pater Karl Wallner, Nationaldirektor der österreichischen Missio. Die Lage des Glaubens in Österreich sei katastrophal: „Alle spüren, dass die Großmutter Kirche stirbt!“ Laut einer Studie werden im Jahr 2047 nur mehr 17 Prozent der Einwohner Wiens katholisch sein. Schon heute seien unter den Messbesuchern in Wien die Katholiken mit Migrationshintergrund in der Mehrheit.

Gott bleibe aber das Glück des Menschen und das Ziel seiner Sehnsucht. Jesus habe bewusst Fischer in seinen Dienst gerufen, „Menschen, die volle Netze haben wollen“, denn Gott wolle, dass alle Menschen gerettet werden. Diese „Fischer-Mentalität“ gehöre zum Wesen der Kirche, meinte Pater Karl Wallner. In Heiligenkreuz waren viele solche Menschenfischer versammelt.