Vatikanstadt

Eine Lanze für den Zölibat

Vor der Amazonas-Synode: Zum ersten Mal geht der Ratzinger-Schülerkreis an die Öffentlichkeit und meldet sich mit einer Botschaft zu Wort.

Petersdom
Auf der Amazonas-Synode wird es nicht nur um die „viri probati“ gehen. Aber in dieser Frage wird sie von den Veränderern gemessen werden. Foto: (94225934)

Früher hatte der Kreis der Schüler Joseph Ratzingers etwas Geheimnisvolles. Hinter verschlossenen Türen traf man sich – der erlesene Club der Theologen, denen der „Meister“ beim Sprung in die akademische Welt Pate gestanden hatte, kam oft in Castel Gandolfo zusammen, wo die päpstliche Sommerresidenz Verschwiegenheit versprach – und über Jahre die Anwesenheit des Gelehrten-Papstes Benedikt. Doch die Zeiten ändern sich, die Mitglieder des „Schülerkreises Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.“ wurden älter und weniger, etwa dreißig von ihnen sind noch aktiv. Und der „Neue Schülerkreis“ rückt auf, zu ihm gehören meist junge Theologen und Theologinnen, die über Ratzingers Werk wissenschaftlich gearbeitet haben. Unter der Ägide des Trierer Kirchenrechtlers Christoph Ohly und des römischen, in Theologie und Bioethik promovierten Dozenten Ralph Weimann gewinnt der neue Schülerkreis an Profil.

Karl-Heinz Menke
Karl-Heinz Menke, Mitglied der Internationalen Theologenkommission. Foto: Elisabeth Rahe (KNA)

Doch die Zeiten ändern sich nicht nur, sie sind auch hitziger geworden. Und so sind die beiden Schülerkreise erstmals in die Öffentlichkeit gegangen: mit einem Symposium in Rom und einer Tagungsbotschaft, die Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Einheitsrats, am Ende des Treffens verlas. Koch, der kein Student Ratzingers war, aber zu einer Art „Spiritus rector“ der Schülerkreise geworden ist, sprach vor etwa 250 Teilnehmern des Symposiums. Wegen des großen Interesses musste der Ort der Tagung vom ursprünglich vorgesehenen Campo Santo in die große Aula des Augustinianums neben den Kolonnaden des Petersplatzes verlegt werden.

Nach "Worten und Wegen der Hoffnung" suchen

Eine Woche vor Beginn der Amazonas-Synode behandelte das Symposium „Aktuelle Herausforderungen des kirchlichen Weiheamtes“. Die Tagungsbotschaft wurde deutlich: „In einer ,Zeit des Leidens’, überschattet durch den Skandal des Missbrauchs, stellen wir uns dieser Herausforderung, um ,nach Worten und Wegen der Hoffnung’ zu suchen, damit in den ,Zeiten der kirchlichen Reinigung’ von neuem die Schönheit und Bedeutung des kirchlichen Weiheamtes als ein Geschenk des Herrn an seine Kirche erkannt und angenommen werden kann.“

Die Gleichgestaltung mit Christus, so heißt es in der Botschaft weiter, unterscheide sich nicht allein dem Grade, sondern dem Wesen nach vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen. Der Priester handle „in der Person Christi, des Hauptes der Kirche“, er sei kein Funktionär, vielmehr vollzieht er im Sein mit Christus seine von Gott her kommende Sendung. „Dies wird besonders deutlich in der heiligen Vollmacht, von Sünden loszusprechen, Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi zu verwandeln, sowie die anderen Sakramente zu feiern.“

Christoph Ohly
Der Trierer Kirchenrechtler Christoph Ohly Foto: Veit Neumann

Auf der Amazonas-Synode wird es nicht nur um die „viri probati“ gehen. Aber in dieser Frage wird sie von den Veränderern gemessen werden, wie es bei den beiden Synoden zu Ehe und Familie 2014 und 2015 signalhaft um die Kommunionzulassung der Wiederverheirateten ging. Mit Blick auf die Weihe verheirateter Männer formuliert die Tagungsbotschaft der Ratzinger-Schüler deshalb eindeutig: Der Priester repräsentiere auf sakramentale Weise Christus als den guten Hirten. Von daher müsse auch sein Lebensstil im Einklang mit dem Lebensstil Christi stehen. Und diese Präsenz Christi dürfe nicht allein auf die sakramentale Handlung beschränkt werden, sondern müsse im täglichen Leben erkennbar und wirksam werden. „Daraus ergeben sich die Verpflichtungen zum Gehorsam und zum Zölibat als Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, die menschlicher und geistlicher Ausdruck der sakramentalen Gleichgestaltung des Priesters mit Christus sind.“ Der Zölibat sei daher gemäß der ständigen Tradition der lateinischen Kirche „ein sprechendes Zeugnis der glaubenden Hoffnung und der großherzigen Liebe zu Christus und seiner Kirche“.

Tendenzen, die Sakramentalität der Kirche zu hinterfragen

Welchen Infragestellungen das so verstandene Weiheamt der katholischen Kirche ausgesetzt ist, hatte zuvor der Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke in seinem Hauptvortrag über das sakramentale Amt erläutert. Der biblische, im Alten wie im Neuen Testament bezeugte Gott begegne seinem Bündnispartner nicht unmittelbar, sondern mittelbar im Medium geschaffener und geschichtlicher Zeichen – man könne auch sagen „inkarnatorisch“ statt „inspiratorisch“, so Menke. Nichts sei dabei Zufall, auch nicht, dass die „Zwölf“ die ersten waren, die den eucharistischen Leib Christi empfingen, die ersten Ortskirchen gründeten und bestimmten Personen die Hände auflegen. Es gebe nun starke theologische Tendenzen, die die Sakramentalität der Kirche insgesamt und die Unterscheidung des besonderen Priestertums der Ordinierten vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften hinterfragten.

Gerhard Ludwig Müller
Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller Foto: Francesco Pistilli (KNA)

Konkret nannte der Dogmatiker die Arbeiten von Edward Schillebeeckx und Leonardo Boff, die „den Christozentrismus des sakramentalen Denkens durch die Inspirationslogik einer pneumatozentrisch gewendeten Ekklesiologie überwinden“ wollten. Für beide sei nicht „die sakramental strukturierte Gesamtkirche, sondern die inspirierte Ortsgemeinde das entscheidende Subjekt der Kirche“. Laut Boff solle jeder Getaufte sein Charisma realisieren zum Aufbau der Gemeinde. „Es gibt“, so betonen Schillebeeckx und Boff unisono, „keine sakramentale Repräsentation des ontologischen und chronologischen ,Voraus’ Christi gegenüber der Gemeinde.“

Marianne Schlosser
Die deutsche Theologin Marianne Schlosser. Foto: Vatican Media (KNA)

Schillebeeckx und Boff, die, würde ersterer noch leben, beide sehr erfreut über das „Instrumentum laboris“ zur Amazonas-Synode mit seinem neuen Paradigma des Indios als „theologischem Ort“ für die heutige Inspiration der Weltkirche gewesen wären, vertreten eben – zusammen mit vielen protestantischen und auch katholischen Theologen – jene Inspirationslogik, die ausblendet, dass Christus der gesamten Kirche in Gestalt des apostolischen Amtes „urteilend und richtend“, wie Menke sagte, gegenübersteht. Der Dogmatiker wörtlich: „Das Neue Testament kennt keine inspiratorische Selbstoffenbarung Gottes neben der inkarnatorischen des Christusereignisses. Im Gegenteil: Eine Gemeinde erweist sich in dem Maße als Frucht des Heiligen Geistes, in dem sie sich über ihre eigenen Plausibilitäten hinaus verweisen lässt auf den Fleisch gewordenen Logos, der ihr zunächst als der historische Jesus und nach dessen Erhöhung zum Vater sakramental begegnet – nicht zuletzt auch in der Gestalt des sakramentalen Amtes.“

Schlosser: Zölibat ist Ruf in die persönliche Nachfolge Christi

Die Wiener Professorin für Spiritualität Marianne Schlosser, wie Menke Trägerin des Ratzinger-Preises, konzentrierte sich in ihrem Vortrag nochmals ganz auf den Zölibat. Nach katholischem Verständnis bedeute die Priesterweihe nicht nur die Befähigung zu einer Funktion in der Kirche, sondern den Ruf in die persönliche Nachfolge Christi. Damit erscheine das zölibatäre Leben unter vielerlei Hinsicht angemessen: Es sei die Lebensweise Jesu, der sein Leben gegeben habe für die Menschen, bis zum Tod.

Kurt Koch
Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Foto: Harald Oppitz

Da es im Neuen Testament kein anderes Priestertum gebe als das der Teilhabe am Priestertum Christi, sei auch das Teilen der Lebensweise Jesu angemessen für diejenigen, die in Dienst genommen seien, um sein Wort zu verkünden und „in seiner Person“ zu handeln. Der Zölibat sei ein sprechendes Zeugnis der glaubenden Hoffnung auf das ewige Leben. Durch den Verzicht auf Ehe und eigene Familie solle die großherzige Liebe zur „Familia Christi“ wachsen, wie auch die persönliche Verbundenheit mit dem Herrn. Auch sei, so Schlosser, die Ehe keine periphäre Angelegenheit der Menschen. Ein verheirateter Priester könne seiner Frau nie so gehören wie ein Laie. Und wer sich wie der geweihte Amtsträger um das ewige Heil zu kümmern habe, müsse vermeiden, sich in der Welt häuslich einzurichten.

In seinem Statement nahm Kardinal Gerhard Müller die Amazonas-Synode, aber auch den „Synodalen Weg“ in Deutschland schon etwas direkter in den Blick. Es sei nur noch bestürzend, dass in manchen kirchlichen „Reformtexten“ Gott, Christus, die Heilige Schrift entweder überhaupt nicht vorkommen oder unter „dem Wust von sozio-psychologischer und pastoraler Betroffenheitsrhetorik“ ersticken würden. So würden im „Instrumentum laboris“ der kommenden Synode Schrift und Tradition kaum noch zitiert.