Murnau

"Ein einziger Weg zu Gott"

Familienvater, Widerstandskämpfer, Gottsucher: Vor hundert Jahren wurde Christoph Probst geboren.

Christoph Probst.
Kurz vor seiner Hinrichtung ließ Probst sich katholisch taufen und empfing die heilige Kommunion. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Ich danke Dir, dass Du mir das Leben gegeben hast,;wenn ich es recht überblicke, so war es ein einziger Weg zu Gott. Da ich ihn aber nicht weit gehen konnte, springe ich über das letzte Stück hinweg.“ Diese Worte schrieb Christoph Probst kurz vor seiner Hinrichtung an seine Mutter.

Am 6. November 1919 in Murnau am Staffelsee als Sohn des Chemikers und Sanskritforschers Hermann Probst und seiner Frau Katharina geboren, wuchs Christoph aufgrund der freigeistigen Gesinnung seines Vaters konfessionslos auf, was nicht ausschloss, dass die Mutter mit ihrem Kind betete. Der Heranwachsende zog nach der frühen Scheidung der Eltern häufig um, da er abwechselnd bei beiden Elternteilen lebte. So besuchte er zunächst das Neue Gymnasium in Nürnberg, später die Internatsschule Marquartstein, um schließlich ans Neue Realgymnasium in München zu wechseln, wo ihn schnell eine enge Freundschaft mit Alexander Schmorell verband.

Nach dem Abitur am Landheim Schondorf und dem Arbeits- und Militärdienst in Oberschleißheim begann Probst im Sommer 1939 sein Medizinstudium in München, um es später in Straßburg und Innsbruck fortzusetzen.

Politisch illusionslos, philosophisch interessiert

Dabei hatte Christoph Probst das menschenverachtende Wesen des Nationalsozialismus sehr früh erfasst. Zu dieser klaren Erkenntnis verhalf nicht nur, dass Probst wie alle im engeren Kreis der Weißen Rose aus einer bildungsbürgerlichen Familie stammte, in der Philosophie, Literatur und Kunst humanistische und weltoffene Werte vermittelten. Die Nachbarschaft von Paul Klee und Emil Nolde in Murnau weckte ein tiefes Verständnis für moderne Malerei und ließen Christoph die Ignoranz der Nationalsozialisten begreifen, welche diese Kunst als „entartet“ diffamierte. Vor allem aber bewahrten die Schikanen, denen Christophs Stiefmutter Elise Rosenthal ausgesetzt war, vor jeglicher politischen Naivität und etwaigen Illusionen. Die zweite Frau seines Vaters stammte aus einer jüdischen Familie und unterstand den rassistischen Nürnberger Gesetzen.

Im August 1941 heirateten Christoph Probst und Herta Dohrn in Ruhpolding. Herta war die Stieftochter von Harald Dohrn, dem ehemaligen Geschäftsführer des Festspielhauses Hellerau. Trauzeuge war Alexander Schmorell. Das Paar hatte drei Kinder, Michael, Vincent und Katja, wobei das Mädchen Anfang 1943 – vier Wochen vor der Hinrichtung ihres Vaters – geboren wurde.

Verstärkt beschäftigt er sich mit christlicher Theologie und Literatur

Da Christophs Frau katholisch war, wurden die Kinder getauft. Probst, der sich immer sehr für philosophische und religiöse Fragen interessiert hatte und der als ein ausgesprochener Sucher des Metaphysischen bezeichnet werden kann, beschäftigte sich nun verstärkt mit christlicher Theologie und Literatur. Er las Sören Kierkegaard und Paul Claudel. Auch um die russischen Religionsphilosophen und Literaten – vor allem Berdjajew, Dostojewski und Leskow – im Original lesen zu können, lernte er die russische Sprache. Nikolai Semjonowitsch Leskows „lebensnahes alles durchglühendes Christentum“ wurde ihm dabei besonders wegweisend. „Denn es ist so echt, so selbstverständlich, einfach wie ein untrennbar mit dem menschlichen Leben verwobenes Element“, schrieb Christoph im September 1942 an seine Schwester Angelika. Mit seinem Schwiegervater Harald Dohrn, der Mitte der dreißiger Jahre zur katholischen Kirche konvertiert war, und nicht zuletzt mit dem russisch-orthodoxen Alexander Schmorell führte Probst lange Gespräche über den Glauben – und die immer bedrohlichere Weltlage.

Bei der Herstellung der Flugblätter leistete er beste Dienste

Doch während Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Jürgen Wittgenstein und Hubert Furtwängler von Ende Juli bis Anfang November 1942 bei ihrem Militärtransport von München über Warschau Richtung Moskau Zeugen einer Blutspur des Terrors und des Mordens wurden, welche die Freunde später gegenüber Probst kaum in Worte fassen konnten, leistete dieser seine Famulatur in einem Kurlazarett der Luftwaffe bei Garmisch-Partenkirchen ab. Da er nicht zur selben Studentenkompanie gehörte wie Schmorell, Scholl und Graf, eröffneten ihm diese erst gegen Ende 1942 die Existenz und Tätigkeit der Weißen Rose, deren Ziele Probst sofort unterstützte. Am Verteilen der Flugblätter im großen Stil und an der nächtlichen Anbringung regimekritischer Graffiti an den Häuserwänden der Münchner Innenstadt beteiligte Probst sich aus Rücksicht auf seine Familie nicht. Freilich half er nicht weniger mutig und umsichtig dabei, die Bestrebungen der Weißen Rose mit anderen Zellen an deutschen Universitäten zu vernetzen. Auch bei der Herstellung der „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland“, wie diese nun genannt wurden, leistete er beste Dienste.

Zweifel, „ob der heutige Christ in Ordnung sei“

Unter diesen Vorzeichen gestaltete sich Christoph Probsts religiöses Ringen weiter. Man darf dabei nicht übersehen, dass die katholische Kirche nach Ansicht der Weißen Rose nicht deutlich und entschieden genug Stellung gegen den nationalsozialistischen Staat, gegen Krieg und Judenverfolgung bezog. Wütend fragte Hans Scholl einmal während eines internen Treffens, warum „die katholische Kirche sich nicht öffentlich gegen die Gräuel“ auflehne? Freilich hatte Christoph Probst in seinem Schwiegervater Harald Dohrn einen Katholiken vor sich, der diese harsche Kritik an seiner Kirche teilte. Dohrn bezweifelte überhaupt, „ob der heutige Christ in Ordnung sei“, wie er es in dem Gespräch mit Scholl formulierte, denn ein Jünger Jesu müsse Widerstand gegen das Böse leisten, „selbst wenn es ihn das Leben kosten würde“. Tatsächlich wurde Harald Dohrn am 29. April 1945, kurz vor Einmarsch der Amerikaner, als Regimegegner von einem SS-Kommando im Perlacher Forst erschossen.

Stalingrad erschütterte Probst ganz besonders

Stalingrad erschütterte alle im Kreis der Weißen Rose, Christoph Probst aber ganz besonders. Nach dem Treffen von Roosevelt und Churchill in Casablanca, von dem Probst durch eine englische Radiosendung erfahren hatte, verfasste er einen leidenschaftlichen Text, in welchem er die von den anglo-amerikanischen Staaten geforderte bedingungslose Kapitulation als einzigen ethisch legitimen Ausweg darlegte: „Sollen dem Sendboten des Hasses und des Vernichtungswillens alle Deutsche geopfert werden? Ihm, der die Juden zu Tode marterte, die Hälfte der Polen ausrottete, Russland vernichten wollte, ihm, der euch Freiheit, Frieden, Familienglück, Hoffnung und Frohsinn nahm (…). Das soll, das darf nicht sein! Hitlers Regime muss fallen!“

Dieser Aufruf wurde von der Gruppe als Grundlage für das siebte Flugblatt der Weißen Rose akzeptiert. Hans Scholl trug den Entwurf bei sich, als er mit seiner Schwester Sophie am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität Exemplare des sechsten Flugblatts verteilte. Als die Geschwister Scholl verhaftet wurden, gelang es Hans nicht mehr, das Manuskript zu vernichten, und so hatte die Gestapo einen Beweis gegen Probst in der Hand. Dieser wurde in Innsbruck, wo er gerade studierte, verhaftet und nach München gebracht. Während der Gerichtsverhandlung am Volksgerichtshof bat der junge Familienvater wegen seiner drei Kinder und seiner Frau, die noch am Kindbettfieber litt, um Gnade. Doch Roland Freisler zeigte sich wie immer unbarmherzig. Am 22. Februar 1943 wurden Christoph Probst und die Geschwister Scholl zum Tode verurteilt.

Leben mit Christus, in der Wahrheit und ohne Angst

Die Verurteilten wurden unverzüglich ins Gefängnis Stadelheim gebracht, wo Christoph den diensthabenden katholischen Geistlichen um die Taufe bat. Hans, Sophie und Christoph hofften, gemeinsam die Kommunion aus der Hand des katholischen Priesters empfangen zu können. Als dies nach damaliger Auffassung und Praxis verwehrt wurde, kommunizierte Christoph Probst allein in seiner Kerkerzelle, während die Geschwister Scholl das Abendmahl beim evangelischen Gefängnisgeistlichen nahmen. Darauf wurde Christoph Probst mit der Guillotine hingerichtet.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat 2012 Alexander Schmorell heiliggesprochen. Die römisch-katholische Kirche prüft seit 2018 die Möglichkeit eines Seligsprechungsprozesses für Willi Graf. Wäre ein solches Verfahren nicht auch für den Märtyrer Christoph Probst wünschenswert – gerade in Zeiten zunehmender rechtsradikaler und antisemitischer Umtriebe und Gewalt? Auf die Frage, was dessen Leben uns Heutigen zu sagen habe, antwortete seine Schwiegertochter Barbara Probst-Polášek einmal: „Dass man eigentlich nur mit Christus leben kann, dass man in der Wahrheit bleiben muss und dass man keine Angst haben darf – und auch keine Angst zu haben braucht.“