Vatikanstadt

Ein Denkanstoß, kein Affront

Die Debatte um den Essay Benedikts wirft Fragen um Konzil und Priesterbild auf.

Zölibats-Aufsatz von Benedikt XVI.
Der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping bewertet den Aufsatz Benedikts XVI. als "ein engagiertes Plädoyer für die Verbindung von Priesteramt und Zölibat". Foto: Wolfgang Radtke

Der Essay des emeritierten Papstes Benedikt XVI. im neuen Buch "Aus der Tiefe unseres Herzens" ruft in Theologenkreisen Kritik und Zustimmung hervor. Die Geister scheiden sich am Verständnis des priesterlichen Zölibats, aber auch an der Interpretation sowie der Frage, in welche Richtung das Zweite Vatikanum in dieser Frage weist: Für Benedikt XVI. ist die freiwillige Ehelosigkeit ein Wesensmerkmal des katholischen Priesters.  

Zeichen der Ganzhingabe an den Herrn

Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück bezeichnete den Aufsatz, in dem sich der emeritierte Papst für den priesterlichen Zölibat als Zeichen der Ganzhingabe an den Herrn ausspricht, als "indirekten Affront gegen verheiratete Priester". Im ORF sprach Tück am Sonntag von einer "ontologischen (wesensmäßigen) Verknüpfung", die Benedikt XVI. zwischen sexueller Enthaltsamkeit und priesterlichem Dienst herstelle. Dies sei ein "indirekter Affront" gegen verheiratete Priester der mit Rom verbundenen Ostkirchen und Konvertiten, die vom priesterlichen Zölibat dispensiert wurden.

Widerspricht der emeritierte Papst gar, wie Tück nahelegt, dem Zweiten Vatikanischen Konzil? Nein, antwortet der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping auf Anfrage. Der emeritierte Bischof von Rom habe mit seinem Essay nicht die Erklärung des Konzilsdekrets "Presbyterorum ordinis" (PO 16) in Frage gestellt, wonach die von Christus empfohlene "vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen [ ] in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen", vom Wesen des Priestertums selbst her aber nicht gefordert sei. Der Konzilstext verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf die Praxis der frühesten Kirche und die Tradition der Ostkirchen, in denen es neben zölibatären Priestern und Bischöfen "auch hochverdiente Priester im Ehestand" gebe ("Presbyterorum ordinis", Nr. 16).

Vorbehalte gegen "viri probati"

Hoping bewertet den Aufsatz Benedikts XVI. vielmehr als "ein engagiertes Plädoyer für die Verbindung von Priesteramt und Zölibat". Er sei aber kein Affront gegen verheiratete Priester in den Kirchen der Orthodoxie, der katholischen Ostkirche und vereinzelt auch im römischen Ritus. Benedikt XVI. unterscheide eine temporäre beziehungsweise funktionale, ausschließlich kultisch begründete Enthaltsamkeit, wie sie für die Priester des Jerusalemer Tempels gegolten habe, von einer ontologischen, die ganze Existenz bestimmenden Enthaltsamkeit des priesterlichen Zölibats. Mit seinen Vorbehalten gegenüber der Priesterweihe von "viri probati" stehe Benedikt XVI. nicht allein, erläuterte der Freiburger Dogmatiker und fügte hinzu: "Viele Bischöfe und Kardinäle sprechen sich dagegen aus. Einig ist sich Papst Franziskus mit seinem Vorgänger im Petrusamt in der Ablehnung eines optionalen Zölibats. Ob er für einzelne Ortskirchen der katholischen Weltkirche die Priesterweihe von ,viri probati  eröffnen wird, bleibt abzuwarten."

Ähnlich bewertet der französische Bischof Dominque Rey von Fr jus-Toulon die Wortmeldung Benedikts. In der Wochenzeitschrift "Valeurs actuelles" unterstrich er, Priester seien Jünger Jesu und ahmten ihn nach; der Zölibat gehöre unaufgebbar zum Priestertum. Das Priesterleben hätte nicht seinen vollen Sinn, wenn man dies in Frage stelle. Zwischen dem "Gesetz des Priestertums" und der "Wahl des Priestertums" bestehe ein Unterschied. Der Priester wähle die Bindung auf Lebenszeit, um sich ganz Gott hinzugeben und für die Menschen da zu sein, die ihn brauchen. Im priesterlichen Zölibat sieht der Oberhirte von Fr jus-Toulon Anspruch und Chance zugleich für die Ganzhingabe im Dienst am Nächsten. Reys Darstellung zufolge ist dieser Anspruch auch vermittelbar und kein Grund für den Priestermangel. Wörtlich erklärte er: "Viele junge Seminaristen ziehe dieser radikale Anspruch, heilig zu leben, an."

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