Chur

Die ganze Welt im Blick

1920, vor 100 Jahren, wurde Johannes Paul II. geboren. Er war ein Prophet und starker Fels. Erinnerungen.

Papst Johannes Paul II.
Gab das Gefühl, dass das Schiff Petri in festen und guten Händen liegt: Papst Johannes Paul II. Foto: KNA-Bild (KNA)

Als Johannes Paul II. Papst wurde, lebte ich in Castel Gandolfo und studierte am Lateran. Ich war 23 Jahre alt. Meine früheste Erinnerung geht also auf die Ta-
ge unmittelbar nach seiner Wahl zurück, als er in den Hof des Sommerpalastes in Castel Gandolfo hinunterstieg und es sich fügte, dass er ausgerechnet mir seine Hand reichte. Wir waren alle begeistert: Ein für päpstliche Verhältnisse junger, attraktiver und sportlicher Papst trat uns mit viel Ausstrahlung und Charisma entgegen und eroberte unsere Herzen im Nu. Bis dato war uns Karol Wojtyla unbekannt, und auch die Italiener mussten sich zuerst daran gewöhnen, einen Nichtitaliener auf dem Stuhl Petri zu sehen. Es wehte ein neuer Wind durch den Raum der Kirche, jener Wind, der beim Begräbnis von
Johannes Paul II. die liturgischen Gewänder der Konzelebranten blähte und die Seite des Evangeliars auf seinem schlichten Holzsarg umblätterte.

Von Anfang an große missionarische Dynamik

Johannes Paul II. in Mexiko
Papst Johannes Paul II. besuchte vom 6. bis 13. Mai 1990 Mexiko. Foto: KNA

Johannes Paul II. war ein Prophet und ein starker Fels. Seine Biographie ist beeindruckend wie auch seine natürlichen (künstlerisch-poetischen wie intellektuell-philosophischen) und übernatürlichen, geistlichen Gaben: sein Gebet, seine mystische Erfahrung und seine Leidenskraft, sein Weitblick. Von Anfang an entfaltete Johannes Paul II. eine große missionarische Dynamik. Seine vielen Reisen waren ein neues Phänomen und gaben vielen Kleingeistern, die an ihre Kosten erinnerten, Anlass zur Kritik. Johannes Paul II. war kein Mann, der sich im Vatikan festhalten ließ. Er hatte die ganze Welt im Sinn und wie Paulus drängte es ihn, ständig hinauszugehen. Im Hinblick auf die Leitung der Kurie brachte das auch Nachteile. Johannes Paul II. war ein großer Verkünder des Evangeliums: Auch er ging bis an die Ränder der Erde und trug alle Völker mit Ehrfurcht im eigenen Herzen. Seine symbolischen Gesten (etwa das Küssen des Bodens des besuchten Landes) waren anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Inzwischen sind uns päpstliche Symbolhandlungen vertraut und beeindrucken nicht mehr auf die gleiche Weise wie damals, als sie uns noch ganz neu vorkamen. Nur den Koran hätte er vielleicht besser nicht geküsst. Für mich, der ihm sonst sehr positiv gegenüberstand, ging das zu weit.

Ich empfinde unsere Zeit eher als eine dunkle. Wir kannten im letzten Jahrhundert Kriege und Verbrechen unglaublichen Ausmaßes. Seit den sechziger Jahren vermehren sich gesellschaftliche Zerfallserscheinungen. Eine Ideologie löst die andere ab und reißt viele mit sich. Auch die Kirche blieb nicht verschont. Vieles hat sich nach der Euphorie der Konzilszeit überhaupt nicht zum Besseren gewandelt. Ja, ich habe manchmal sogar gefragt, wo Christus in seiner von so vielen Flügelkämpfen zerrissenen Kirche spürbar bleibt. Jeder beruft sich ja mit seinen eigenen Reformvorstellungen auf Christus. Die Meinungen darüber sind nicht mehr kompatibel.

Sicherer Halt und ein klarer Bezugspunkt

Johannes Paul II. und Mutter Teresa
Mutter Teresa während einer Audienz auf dem Petersplatz mit Papst Johannes Paul II. Foto: KNA

Johannes Paul II. war da für mich eine wirkliche Lichtgestalt, ein sicherer Halt und ein klarer Bezugspunkt. Er gab mir das Gefühl, dass das Schiff Petri in festen und guten Händen liegt. Er war inspiriert: Neu-Evangelisation war sein Reformansatz, und natürlich: missionarischer Eifer! Mit dem ersten Weltjugendtag hat er dort angesetzt, wo die Zukunft der Kirche liegt: bei der Jugend. Was aus diesem ersten, wahrhaft prophetischen Funken als Brand entstanden ist, ist gewaltig und macht mich heute noch sprachlos: Wie ein Papst bis ins hohe Alter und in extremer Gebrechlichkeit eine solche Anziehungskraft und Wachstumsdynamik unter den jungen Menschen in aller Welt auslösen konnte, ist sein Geheimnis! Johannes Paul II. hat manches anders und neu
gemacht. Er schrieb auch Poesie. Er war viel nahbarer als alle Päpste vor ihm. Er war eine Geistesgröße, an die viele seiner Gegner nicht im Geringsten heranreichten. Das Attentat führte allen vor Augen, dass gegen ihn gewaltige Kräfte aufstanden und ihn am liebsten beseitigt hätten. Es ist nicht gelungen.

Seine schwere Parkinson-Erkrankung war aus meiner Sicht eine wirkliche Kenosis. Er musste seine Vitalität und Kraft dahingeben, zusehends mehr und mehr gebeugt. Wenn ich sein Bild am Anfang und am Ende seines Pontifikates in meinen Erinnerungen wachrufe, bin ich erschüttert. Es wird einem auch vor Augen geführt, dass dieser Mann nach Heiligkeit strebte und darin bis zuletzt nicht nachließ. Sein fröhliches Sterben ist beeindruckend wie sein langes Pontifikat. Er hat seine Sendung durchgetragen, den guten Kampf gekämpft und ist als Sieger gestorben. Alle Welt pilgerte nach Rom und wollte ihn nochmals sehen und ihm die letzte Ehre erweisen. Während seines ganzen Pontifikates wurde er hart kritisiert. Er hatte viele Gegner. Aber beim Begräbnis und in den Wochen darauf war irgendwie alles anders: Niemand wagte es, undifferenziert und respektlos über ihn zu reden oder zu berichten. Für mich war das eine ganz frappante Erfahrung, wie der Heilige Geist die Stimmung in Kirche und Welt so völlig verändern kann, so dass niemand mehr es wagt, Ihm zu widerstehen.

Auf die Erneuerung von Ehe und Familie gesetzt

Papst Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger
Papst Johannes Paul II. (l.) und Kardinal Joseph Ratzinger, Erzbischof von München und Freising, begrüßen am 19. Novembe... Foto: Ernst Herb (KNA)

Johannes Paul II. war in vielen Dingen prophetisch. Von Anfang an hat er auf die Erneuerung von Ehe und Familie gesetzt, eine einzigartig dastehende Theologie des Leibes und der ehelichen Liebe entwickelt und institutionell verankert. Er hat Ideologien demaskiert und politische Systeme zum Einsturz gebracht. Er propagierte unermüdlich eine Kultur des Lebens gegen eine sprichwörtlich gewordene Kultur des Todes. Seine Lehre zusammen mit seinem kongenialen Kardinal Joseph Ratzinger gab sichere Orientierung in gesellschaftlichen und moralischen Fragen, wurde aber weitgehend nicht befolgt. Das wird sich rächen. Seine Enzykliken sind von höchstem Niveau und bleibender Gültigkeit. Genauso nachhaltig wirken seine Katechesen, vor allem über Ehe und Familie. Johannes Paul II. hatte den Puls immer am Leben und wusste, was unsere Zeit braucht. Er war selbst eine Antwort Gottes auf ihre Herausforderungen. Seine Strahlkraft bleibt ungebrochen.

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