Würzburg

Die eine wahre Religion

Die katholische Kirche ist Empfängerin der göttlichen Offenbarung. Doch der Triumph der wahren Religion kann nicht mit einem Triumphalismus der Menschen einhergehen.

Ausstellung zu Michelangelos Fresken
Der Glaube hat seinen Ursprung in der Offenbarung. Gottes Wort fordert den Menschen zur Antwort heraus. Ausschnitt aus Michelangelos "Erschaffung des Adam". Foto: dpa

Der Schöpfer und Vater aller Menschen, der uns ins Leben ruft und vor dem wir unser Leben zu verantworten haben, überlässt uns auf der Suche nach unserer eigentlichen Herkunft und Zukunft nicht einer verschwommenen Ahnung, sondern offenbart sich in einem überreichen Licht, so dass unsere Antwort auf seinen Ruf im „Licht des Glaubens“ erfolgen kann (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 26). Paulus sieht dies in Einheit mit der grundsätzlichen Transparenz der Schöpfung, dass nämlich „aus der Finsternis das Licht aufstrahle“ (Gen 1, 3), wobei derselbe Gott „auch in unseren Herzen das Licht aufleuchten lässt zur Erkenntnis der göttlichen Herrlichkeit“ (2 Kor 4, 6).

Allerdings ist dieses Licht nicht von überwältigender und unausweichlicher Aufdringlichkeit. Die Weisheit, welche die bewohnte Welt durchwaltet, ist ein menschenfreundlicher Geist. In ihm ist die Kenntnis jeder wahren Stimme, aber er erschließt sich nur einer reinen Absicht und Aufnahmebereitschaft (Weish 1, 1-10). Die Weisheit „spannt sich aus von einem Ende zum anderen in guter Kraft und regiert das All in handsamer Weise“ (8, 1). Dieses fortiter et suaviter (zitiert im konziliaren Dekret über die Religionsfreiheit Nr. 1) schenkt ausreichende Überzeugung, um glauben zu können, und lässt genügend „Spielraum“, um sich auch entziehen zu können.

Das „Spiel der Gnade“ zwischen Gott und der Seele finden wir im Hohenlied Salomos (5, 2-16), da der Geliebte im schlafenden und zugleich wachenden Herzen pocht und die Freundin ruft, sich aber zurückzieht, da sie nicht sogleich entgegenkommt. In den Sprüchen Salomos spielt die Weisheit als Himmelsbraut vor Gott und zugleich auf dem Rund seiner Erde, sie hat ihre Freude bei den Menschenkindern (8, 30-31). „Spiel“ meint hier nicht bloßen Schein wie in der Welt der alten Veden, sondern das Oszillieren von Ruf und Antwort hin zu wirklicher Übereinstimmung, frei von aller Voreiligkeit und Einbildung.

Sich von der Gnade einladen und ergreifen lassen

Auge und Ohr öffnen sich nur dann, wenn wir hören und sehen wollen. Das, was zirkulär erscheint, ist kein Teufelskreis, sondern der sich uns eröffnende Kreislauf der Gnade: eine erste zuvorkommende Gnade ist vor aller Antwort vorgegeben und so aufgegeben, dass sie zu einer entsprechenden Antwort einlädt. Diese kann nur kraft eben derselben Gnade in die vernommene Stimme einstimmen, ist aber auch frei, sich zu verschließen. Das einzige, was wir aus uns selbst vermögen, ist, „nein“ zu sagen. Nicht „nein“ zu sagen bedeutet sich freiwillig aus der geschenkten Ergriffenheit ergreifen zu lassen.

Die göttliche Wahrheit fällt nicht wie ein Meteorit vom Himmel, sondern ergeht als An-Spruch und kann nur in entsprechender Bereitschaft vernommen werden. Es geht nicht um bloße Information, sondern um eine performative, das heißt umgestaltend wirkende Offenbarung, da sich der Erkannte im Erkennenden wirksam erweist und sich der Erkennende allererst im Erkannten selbst erkennen kann. In diesem Sinn schreibt Paulus: „Nun aber seid ihr Gott Erkennende, vielmehr von Gott Erkannte“ (Gal 4, 9).

Das unmittelbare Ergriffen-Sein entzieht dem Geschöpf allerdings nicht seine Eigenständigkeit, so dass die erkannte Wahrheit auch in differenzierende Worte gefasst werden kann und muss. Hier kann und soll das kirchliche Lehramt verbindliche Formulierungen verkünden. Die so gefassten Wahrheiten können aber nur ein Hinweis sein, ein Rahmen, innerhalb dessen die unendliche Tiefe des sich offenbarenden Geheimnisses aufleuchtet. Nur im Nachvollzug kann die Wahrheit lebendig werden. Sie kann nicht als Spruchsammlung eingesteckt und anderen auferlegt werden. Auch ein Kanon des kirchlichen Lehramtes ist keine Kanonenkugel, die ohne entsprechende Hermeneutik auf vorgebliche Häretiker geschleudert werden kann. Die recht verstandenen Aussagen, vor allem die in mühsamen Auseinandersetzungen geformten Sätze des Credo von Nizäa und Konstantinopel, bieten dem Glauben sichere Orientierung.

Die Wahrheit eröffnet sich nicht dem Anmaßenden

Aber das Glauben erschöpft sich nicht im festen Für-wahr-Halten dieser Sätze, sondern ist die entsprechende Antwort auf den sich offenbarenden Gott, sofern es sich wirklich um die göttliche Tugend des Glaubens handelt. Feste Strukturen und formelhafte Überlieferung werden nicht abgelehnt, können aber nur überzeugen, wenn sie von entsprechendem Leben beseelt sind. Die Kirche des lebendigen Gottes eröffnet uns als „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1 Tim 3, 15) das Heilswerk Christi, das uns ergreifen und in ein „neues Geschöpf“ verwandeln will (Gal 6, 15). Es geht um die innere Einstellung, Paulus würde sagen, um den lebendig machenden Geist und nicht den tötenden Buchstaben (2 Kor 3, 4-6). Wir sollen unser Herz aufrecht machen und „beglaubigt sein vor Gott“ (Ps 78, 8). „Beglaubigt“ wird im Hebräischen mit derselben Wurzel ausgedrückt, die wir aus dem „Amen“ kennen: so ist es ganz fest. Das Festgemacht-Sein in Gott ist eine Beglaubigung, die uns von Gott als dem Gläubiger geschenkt wird, aber vom Gläubigen in rechter Weise empfangen werden will.

Die glaubwürdige Gabe, der anvertraute „Kredit“, ist somit auch der Willkür ausgeliefert, und folglich ist die wahre Religion der Verfälschung ausgesetzt. Schon die Aussage „wir haben die wahre Religion“, birgt die Gefahr der Vereinnahmung und Bevormundung. Die wahre Religion eröffnet sich nur demjenigen, der auf jegliche Anmaßung verzichtet. Ihr Anspruch lässt uns immer als „unnütze Knechte“ zurück (Lk 17, 10). Wahre Autorität als Vaterschaft kann nur jeweils neu empfangen werden, kniend vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus (Eph 3, 14-15).

Nach Joh 17, 21 hängt die Glaubwürdigkeit der einen wahren Religion vor der Welt auch von der Einheit unter den Gläubigen ab. Der Triumph der wahren Religion kann nicht mit einem Triumphalismus der Menschen einhergehen. Wer von uns kann selbstsicher beanspruchen, er bete an im Geist und in der Wahrheit (vgl. Joh 4, 23)? Äußere Kriterien ließen sich dafür nicht anführen und letztlich kommt es aus dem Sein in Christus (vgl. Gal 3, 26). Dieses neue Sein will den ganzen Menschen ergreifen und verwandeln. Mit der bloßen Gebetsformel „durch Christus unseren Herrn“ ist es nicht abgetan.