Vatikanstadt

Die Mär vom einsamen Reformer

Das "verflixte siebte Jahr" des Bergoglio-Pontifikats geht seinem Ende entgegen. Mit "Querida Amazonia" hat der Papst viele enttäuscht, die sich von der jüngsten Synode einen Paradigmenwechsel in der Kirche erhofft hatten. Die falschen Erwartungen liegen auch an dem falschen Bild, das sich viele von Franziskus machen.

Papst Franziskus: Reformer oder nicht?
Den nicht immer väterlichen Zug von Franziskus mussten schon die vier Kardinäle erfahren, die nach "Amoris laetitia" um die Klärung ihrer Zweifel baten. Foto: Stefano Spaziani (Romano Siciliani)

Wenn Papst Franziskus Ende März den Franziskanerkonvent in Assisi besucht, um dem prominent besetzten Kongress "The Economy of Francesco" (Die Wirtschaft des Franziskus) seine Aufwartung zu machen, wird er dort mit den Mönchen des Ordens und Gästen des Symposiums auch speisen. Als sich jetzt in Bari knapp sechzig Bischöfe des Mittelmeerraums zu einer Art kleinen Synode zusammenfanden, ging es am Sonntag nach der Papstmesse zu einem Mittagessen, bei dem die Bischöfe in einem Messepavillon der Stadt kulinarische Besonderheiten der Region Apulien verkosten konnten. Diese Einladung schlug Franziskus aus, nach dem Treffen mit den Bischöfen und dem Gottesdienst unter freiem Himmel war er sofort wieder weg. Der nicht überlange Hubschrauberflug erlaubte es ihm, das letzte sonntägliche Mittagsmahl vor der Fastenzeit wieder in Santa Marta einzunehmen.

Der Papst hat seine Vorlieben

Der Papst hat seine Vorlieben. Und wenn man seinem Vertrauten, Antonio Spadaro SJ, dem Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift "Civilt  Cattolica" glauben darf, war Franziskus sowieso kein Freund der von den italienischen Bischöfen initiierten Mittelmeer-Konferenz in Bari, sondern hätte es lieber gesehen, wenn es in absehbarer Zeit eine Synode der Kirche Italiens gegeben hätte. So zog es Franziskus vor, beim abschließenden Mahl der Mittelmeer-Bischöfe nicht dabei zu sein. Da ist der Papst dann alles andere als väterlich. Wie es zuletzt der Präfekt des Päpstlichen Hauses erfahren musste. Zwar hatte Erzbischof Georg Gänswein versucht, die vom französischen Verlagshaus Fayard verantwortete Präsentation des Kleriker-Buchs von Kardinal Robert Sarah mit dem Beitrag des Emeritus zum katholischen Priestertum als Gegenbuch zu den vermeintlichen Zölibatskurs von Franziskus zumindest in den weiteren Sprachausgaben zu korrigieren. Doch ausgerechnet ihn traf dann der Unmut des Papstes. Franziskus ordnete an, dass Gänswein seine Arbeit als Hauspräfekt bis auf weiteres nicht mehr ausüben soll. Es fällt schwer, darin nicht eine Art von Bestrafung zu sehen.

Den nicht immer väterlichen Zug von Franziskus mussten schon die vier Kardinäle erfahren, die nach "Amoris laetitia" um die Klärung ihrer Zweifel baten. Vor der Veröffentlichung der "dubia" hätte sie der Papst in aller Diskretion empfangen können - vor allem die Kardinäle Joachim Meisner und Carlo Caffarra empfanden es damals als eine Demütigung, dass Franziskus nicht mit ihnen sprach.

Schwer, den Papst als einsamen Mann darzustellen

Es ist darum schwer, den Papst als einsamen Mann darzustellen, wie es der ehemalige Vatikanist der Tageszeitung "La Repubblica" Marco Politi in seinem jüngsten Buch "La solitudine di Francesco. Un papa profetico, una chiesa in tempesta" (Die Einsamkeit von Franziskus. Ein prophetischer Papst, eine Kirche im Sturm) tut. Bei Herder kam das Buch jetzt auf Deutsch unter dem Titel "Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche" heraus. Franziskus fühle sich umzingelt, schreibt Politi. "Der heimliche Bürgerkrieg in der katholischen Kirche von heute ist etwas ganz anderes und sehr viel Aggressiveres als die theologischen Auseinandersetzungen und Dispute, die die Pontifikate Pauls VI., Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. in den vergangenen fünfzig Jahren geprägt haben. Die Feinde", mutmaßt der Autor, "wollen den Pontifex systematisch delegitimieren."

Recht präzise zeichnet Politi das Jahr 2018 nach, das zu einem "Scheitelpunkt" des Pontifikats geworden sei   mit dem verhagelten Besuch in Chile, den Missbrauchsfällen, vor allem dem Fall Fernando Karadima, dem Rücktritt aller chilenischer Bischöfe und den Anklagen des Ex-Nuntius Carlo Maria Vigano  sowie der Weigerung des Papstes und des Vatikans, auf Vigano  angemessen zu antworten (der mehrfach angekündigte Bericht zu Theodore McCarrick steht immer noch aus). Aber es war eben nicht nur ein "heimlicher Bürgerkrieg", in den der Papst hineingeraten war. Es waren auch Managementfehler, Fehleinschätzungen und mangelndes Fingerspitzengefühl auf Seiten des Papstes, etwa das lange Festhalten an dem Karadima-Schützling Bischof Juan Barros von Osorno oder später an dem homosexuell umtriebigen Bischof Bischof Gustavo Oscar Zanchetta aus Argentinien, die Franziskus in Misskredit brachten.

Schleier zwischen dem Papst und der Kurie

Ein Papst, der seit mittlerweile fünf Jahren kein Konsistorium mehr einberufen hat, auf dem er sich mit seinen Kardinälen aussprechen und diese sich untereinander besser kennenlernen könnten, steht in Sachen "Einsamkeit" erst einmal in der Bringschuld. Von Anfang an hat Franziskus einen Schleier zwischen sich und die Römische Kurie gelegt, als er auch räumlich zum Apostolischen Palast mit dem Staatssekretariat auf Distanz ging und sich seine eigene Kurie in Santa Marta aufbaute. Dort empfängt er Freunde aus Lateinamerika, italienische Journalisten, Vertraute und Ratgeber, er telefoniert und speist mit Gästen. Das Wort vom "einsamen Papst" will einem nicht so recht über die Lippen. Eher ist Franziskus unkonventionell, für viele auch unberechenbar.

In Deutschland ist der Synodale Weg so gut wie vor die Wand gefahren. Viele Bischöfe, Theologen, Gremienkatholiken und Verbandsfrauen schienen päpstlichen Rückenwind aus Rom zu spüren, als sie eine Debatte über die Schleifung des Zölibats und die Frauenweihe eröffneten. Die Hoffnungen richteten sich auf die Amazonas-Synode, die dann auch tatsächlich dem Papst nahelegte, "viri probati" weihen zu lassen und den Frauendiakonat weiter zu diskutieren. Mit seiner Entscheidung, beide Wege in dem postsynodalen Schreiben "Querida Amazonia" nicht einmal zu erwähnen und stattdessen die Bischöfe Lateinamerikas und der Welt ganz klassisch um die Entsendung von mehr Missionaren in das Amazonasgebiet zu bitten, hat der Papst seine Freunde unter den Befreiungstheologen und im panamzonischen Netzwerk REPAM enttäuscht - zugleich aber die Luft aus dem Synodalen Weg herausgelassen, der nun auch noch auf seinen bischöflichen Motor, Kardinal Reinhard Marx als gewichtigen Konferenzvorsitzenden, verzichten muss. Nach "Querida Amazonia" wird auf dem Synodalen Weg nichts mehr so sein, wie es vorher war, könnte man in Abwandlung eines Bonmots von Bischof Franz-Josef Overbeck sagen. Für viele ist Franziskus jetzt kein "Reformpapst" mehr. Aber ist er das je in der Art gewesen, wie sich manche diese "Reformen" vorgestellt haben?

Eine anstehende Reform: die der römischen Kurie

Ein Projekt dieses Pontifikats trägt tatsächlich den Namen "Reform" - die der Römischen Kurie. Im vergangenen Sommer meldeten zwei Mitglieder des Rats der den Papst beratenden Kardinäle Vollzug: Oswald Gracias und  Oscar Rodriguez Maradiaga kündigten das baldige Erscheinen der entsprechenden Konstitution an. Dann geriet der Entwurf der neuen Kurien-Verfassung in die Mühlen der vatikanischen Dikasterien und erntete vernichtende Kritik. Nun geht alles wieder von vorne los. Soeben erst lag der Entwurf der Konstitution zum soundso vielten Male auf dem Tisch des Kardinalsrats und im April wird er das wieder tun. Ein einsamer Papst? Bürgerkrieg in der katholischen Kirche? Das "verflixte siebte Jahr" des Bergoglio-Pontifikats geht seinem Ende entgegen. Eine Bilanz dieser Zeit müsste differenzierter sein.

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