Nursia

"Die Liturgie ist wichtig, weil Gott wichtig ist"

Rod Dreher fand dort seine "Benedict Option", junge Männer aus Deutschland treten hier in die Arena des geistlichen Kampfes: Ein Besuch bei den Benediktinern von Nursia.

Junge Benediktiner von Nursia
"Die wichtigste Sache ist Gott. Der Mensch in der Welt kann von der Benediktsregel die Liebe lernen", meint Pater Benedict. Foto: Simon Kajan

Wir kommen alle aus dieser modernen Gesellschaft, die einen Groll gegen Gott pflegt. Speziell aus einer Kirche, die in den letzten 50 oder 60 Jahren von dieser Zurückweisung Gottes geprägt war; damit wir kleine Götter werden können. Die Mönche haben dagegen zu kämpfen." Pater Benedict Nivakoff steht als Prior des Klosters San Benedetto in Monte derzeit einer kleinen Gemeinschaft von 16 Mönchen vor.

Die junge, vor allem US-amerikanisch geprägte Gemeinschaft fand sich zunächst um den Liturgiewissenschatler Cassian Folsom OSB in Rom zusammen. In Nursia lebten sie ab dem Jahr 2000 mitten in der Stadt, sangen in der Basilika das Offizium, betrieben eine kleine Brauerei. Aber dem bereiteten die Erdbeben des Jahres 2016 ein Ende, die Basilika stürzte ein, die Räume des Klosters wurden unbewohnbar. Die Neugründung des Klosters vor den Stadtmauern erlaube nun eine Rückkehr zu den Wurzeln. Die Schwierigkeiten des Mönchs sind, wie für den Christen, schließlich dieselben geblieben: Der Ernst der eigenen Bekehrung; der Kampf darum ein Heiliger zu werden. "Wir wollen unser Leben bekehren. Aber wir können auf die Tradition schauen. Wir müssen nichts Neues erfinden. Das macht es einfach", so der Prior.

Blick auf die Tradition macht vieles einfach

Der Tagzeiten werden nach dem aktuellen Sonnenstand für jeden Tag neu bestimmt. An diesem Sonntag stehen die Mönche bereits um 2.34 Uhr auf. Es folgt die Matutin. Zwölf Psalmen, zwölf Lesungen aus der Schrift und den Kirchenvätern. Die Liturgie folgt hier der den alten Rubriken, wie sie bereits lange vor dem 2. Vatikanischen Konzil vereinfacht wurden.

Da das eigentliche Klostergebäude sich noch im Bau befindet, ist der Konvent in einem hölzernen Provisorium untergebracht. Das heißt Kapelle, Kapitelsaal, Refektorium und Dormitorium auf engstem Platz. Das Innere der Klausur mutet daher fast wie der Innenraum eines U-Bootes an.  Bettreihen, abgetrennt durch Lesepulte und Regale, die die Reste der vom Erdbeben verschütteten Bibliothek aufgenommen haben.

In der Kapelle dominieren warme Holztöne, Ikonen, ein farbenfroher Hochaltar. Zum Konventamt versammelt sich eine kinderreiche und junge Gemeinde, die in der Abtei einen geistlichen Bezugspunkt gefunden hat. Die strenge Fastenpraxis folgt der Tradition: in der Vorfasten- und Fastenzeit nur eine Mahlzeit am Tage. Mutig ist aber vor allem, dass sich die Mönche zur Wiedereinführung der Dormitorien entschieden haben, jenen Schlafsälen, die schon vor langem in den meisten Klöstern verschwanden. Dabei ist es Pater Benedict wichtig, dass die Askese kein Selbstzweck ist, sondern ein Werkzeug, um in der Liebe zu wachsen: "Die wichtigste Sache ist Gott. Der Mensch in der Welt kann von der Benediktsregel die Liebe lernen."

Leiden annnehmen und sich aufopfern

Das aszetische Leben der Menschen in der Welt bestehe vor allem darin, das Leiden anzunehmen und aufzuopfern, gerade angesichts dessen, was Gott heute in der Kirche zulasse. Daraus werde ein neuer Frühling erwachsen, aber man müsse annehmen, dass wir im Winter leben. Und der Frühling beginne, so Pater Benedict, für den Christen, wenn er stirbt. Gerade die Mönche leben nicht in der Erwartung des Frühlings in dieser Zeit, sondern sie gehen ins Kloster in der Erwartung des ewigen Lebens.

Die Regel des Heiligen Benedikt sei gerade deswegen auch heute anziehend. Es gäbe heute zwar viele neue Gemeinschaften, aber Pater Benedict berichtet von seiner Suche nach etwas, das seit Jahrhunderten erprobt ist. Ihr Gründer sei trotz der vielen Abteien und Traditionen immer noch der Mönchsvater: "Das verhilft uns zu einer historischen Perspektive, zu Objektivität."

Dabei verschließt der Prior auch nicht die Augen vor den Schwierigkeiten eines jungen Konvents. Die alten Mönche, die monastische Lebensweisheit in ein Kloster einbrächten, gäbe es in Nursia noch nicht: "Das ist ein Kreuz!" Jedes Kloster habe seine Geschichte und diese bringe gleichermaßen Segen und Schwierigkeiten.

"Wir gehen innerlich in die Wüste, in die Distanz,
um mit unseren Leidenschaften
zu kämpfen und Christus zu folgen"
Bruder Bonifatius

Die Benediktinerklöster in Deutschland und Frankreich seien auch von ihrer Geschichte geprägt   vor allem durch die politischen Begleitumstände während ihrer Gründungszeit im 19. Jahrhundert. Aber die äußeren Umstände der Gründung des Klosters in Nursia seien ganz andere, nämlich von unseren Zeitumständen geprägt. Für die jungen Amerikaner gehe es darum auch äußerlich in die Fremde zu gehen: "Es ist unser Weg, den früheren Mönchen nachzufolgen. Sie wollten in die Wüste. Wir gehen innerlich in die Wüste, in die Distanz, um mit unseren Leidenschaften zu kämpfen und Christus zu folgen. Die Mönche hier versuchen für Gott wirklich alles zu geben, hier ist die Liturgie wichtig, weil Gott wichtig ist." So fasst Bruder Bonifatius seine ersten Eindrücke von dem Kloster zusammen. "Gott wollte mich hier haben", ist sich der Stuttgarter sicher, der seit September 2018 im Noviziat ist. Es freut Pater Benedict, dass in den letzten Jahren drei deutschsprachige Männer in Nursia eingetreten sind, war doch der Mettener Benediktiner-Kardinal Augustin Mayer OSB maßgeblich an der Gründung der Gemeinschaft beteiligt.

Benediktinerkonvent von Nursia
Da das eigentliche Klostergebäude sich noch im Bau befindet, ist der Konvent in einem hölzernen Provisorium untergebrach... Foto: Kajan

Gerade im Hinblick auf die Situation der Kirche, den schlechten Beispielen von Priestern und Bischöfen, könne die Frustration ein Grund werden, Mönch zu werden: "Nicht jeder ist gerufen nur am Rand der Arena sitzen zu bleiben, einige sind gerufen in die Arena einzutreten, um mit den wilden Tieren zu kämpfen. Und wenn der starke deutsche Charakter und Geist einige junge Männer antreibt mit den wilden Tieren zu kämpfen, dann sollten sie es tun," so Pater Benedikt.

Sein Kloster-Provisorium wird bald abgelöst werden. Der erdbebensichere Neubau für bis zu 40 Mönche zeichnet sich bereits ab, und schon im Herbst soll die Kirche aus dem 16. Jahrhundert ("Die Gegenreformation ist für uns heute eine Inspirationsquelle", so Pater Benedikt) fertiggestellt sein, wenn bis dahin die notwendigen Mittel aufgetrieben sind. Aber dabei ist dem Prior wichtig, dass die kleinen und großen Spender wissen, dass sie mit ihrer Gabe ein Gebet zu Stein werden lassen, dass sie wirklich an einer Stätte des Gebets mitbauen.

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