Vatikanstadt

Die Kurie wird jesuitischer

Papst Franziskus beruft einen Ordensbruder an die Spitze des Wirtschaftssekretariats.

Juan Antonio Guerrero Alves
Juan Antonio Guerrero verstärkt die Reihen der Ordensleute unter den hauptamtlichen Mitarbeitern des Vatikan. Foto: KNA

Neben einem Jesuiten an der Spitze der Glaubenskongregation nun ein weiterer Mann der Gesellschaft Jesu auf dem Chefposten einer zentralen Behörde der römischen Kurie: Vergangene Woche hat Papst Franziskus den sechzigjährigen Spanier Juan Antonio Guerrero zum Präfekten des Wirtschaftssekretariats ernannt, ein Amt, aus dem Kardinal George Pell nach fünfjähriger Amtszeit im Februar dieses Jahres ausgeschieden war, nachdem er aber schon im Sommer 2017 wegen der Missbrauchsanklage im heimatlichen Australien Rom den Vatikan verlassen hatte. Guerrero ist Jesuit wie der Papst, spricht Spanisch wie der Papst und war Provinzobere der Gesellschaft Jesu wie der Papst – allerdings nicht in Argentinien, sondern in Spanien. Guerrero bleibt Ordensmann und wird – auf Bitte des Generaloberen der Jesuiten, Arturo Sosa – nicht zum Bischof geweiht.

Vatikanfinanzen scheinen vermintes Feld zu sein

Das unterscheidet ihn von einem anderen Jesuiten, der an der römischen Kurie unter Franziskus eine erstaunliche Karriere gemacht hat: Pater Michael Czerny SJ, einer der Architekten der Amazonas-Synode, der im Dikasterium für die integrale Entwicklung des Menschen Organisator der Sektion für die Migranten ist. Die förmliche Leitung dieser Sektion hatte Papst Franziskus selbst übernommen. An der jüngsten Synode nahm Czerny als einer der beiden Sonder-Sekretäre teil. Zwei Tage vor der Sonderversammlung zu Amazonien erteilte ihm Franziskus die Bischofsweihe, um ihn dann beim Konsistorium tags darauf in das Kardinalskollegium aufzunehmen. Eine außerordentliche Ehrung für einen Vatikanprälaten, der als Unter-Sekretär auf der dritten Stufe der Behörden-Hierarchie steht.

Die Berufung des Jesuiten Guerrero fällt in eine Zeit, in der die Vatikanfinanzen ein vermintes Feld zu sein scheinen. Die allerjüngste Personalie glich einem Paukenschlag: Rene Brülhart, der Schweizer Experte für die Bekämpfung von Geldwäsche, den noch Benedikt XVI. mit dem Aufbau der Finanzaufsichtsbehörde des Vatikans (AIF) beauftragt hatte und der 2014 von Franziskus zum Präsidenten der AIF ernannt worden war, kann nach Ablauf der fünfjährigen Amtszeit gehen. Der Papst, so teilte eine knappe Erklärung des vatikanischen Presseamts am Montag mit, werde nach seiner Rückkehr aus Asien einen Nachfolger Brülharts ernennen. Die Aufgabe des Entlassenen, des früheren Chefs der Finanzaufsicht im Fürstentum Liechtenstein und zeitweiligen Vize-Präsidenten der Egmont Group, eines internationalen Zusammenschlusses von Anti-Geldwäsche-Behörden, war es, im Vatikan für die Einführung und Befolgung internationaler Standards in der Finanztransparenz und Geldwäsche-Bekämpfung zu sorgen.

Dubiose Geldkonten bei der Vatikanbank

In dieser Position arbeitete Brülhart diskret, aber erfolgreich, er legte Jahresberichte vor, die einen schonungslosen Umgang mit dubiosen Geldkonten bei der Vatikanbank IOR belegten. Dann kam es zum Konflikt, weil die vatikanische Gendarmerie nach Anschuldigungen des Geldinstituts IOR und aus dem Büro des Generalrevisors des Vatikans am 1. Oktober dieses Jahres Computer konfiszierte, nicht nur im Staatssekretariat, sondern auch im Büro des Direktors der AIF, Tommaso di Ruzza. Der Konflikt wurde öffentlich, als Medien den „Steckbrief“ veröffentlichten, mit denen Gendarmerie-Chef Domenico Giani nach den Beschuldigten und vom Dienst Suspendierten, auch Tommaso di Ruzza, suchen ließ.

Giani musste daraufhin den Hut nehmen. Und Brülhart trat nur in Erscheinung, als er und sein „Board“ Direktor di Ruzza das uneingeschränkte Vertrauen aussprachen. Bei dem Konflikt zwischen Staatssekretariat und AIF auf der einen und dem IOR und dem Generalrevisor des Vatikans ging es um die Immobilie in London, die das Staatssekretariat als Anlageobjekt erworben hatte und dann, als sich Zahlungsschwierigkeiten einstellten, mit einer Finanzspritze des IOR in Höhe von 150 Millionen Euro in trockene Tücher bekommen wollte. Das entsprechende Verfahren vor der vatikanischen Gerichtsbarkeit steht noch aus.

Guerrero wird auch mit Kardinal Marx zusammenarbeiten

In diese Gemengelage kommt nun der studierte Ökonom und Theologe Guerrero. Er wird mit Kardinal Reinhard Marx, dem Koordinator des Wirtschaftsrats als dem Aufsichtsgremium des Wirtschaftssekretariats, zusammenarbeiten, aber auch dem Sekretariat wieder Leben einhauchen müssen. Der ehemalige Stellvertreter Kardinal Pells, der Malteser Erzbischof Alfred Xuereb, wirkt heute als Nuntius in Südkorea und der Mongolei. Guerreo wird sich aber ebenso mit der Vermögens- und Immobilienverwaltung des Vatikans, der APSA, ins Benehmen setzen müssen, die viele Kompetenzen, die zunächst dem Wirtschaftssekretariat unter George Pell zugewiesen waren, im Laufe der Zeit „zurückerobert“ hat.

Auch das mächtige Staatssekretariat jongliert – wie zuletzt die Affäre um die Londoner Immobilie gezeigt hat – mit Geldmitteln in Höhe von Hunderten von Millionen. Der Papst wollte mit dem Jesuiten Guerrero einen Mann des Vertrauens in die Abgründe der Vatikanfinanzen schicken. Für den Glauben ist ein anderer Jesuit, Kardinal Luis Ladaria SJ, als Präfekt der Glaubenskongregation, zuständig. Die für Franziskus zentrale Angelegenheit der Migranten ist Kardinal Czerny SJ anvertraut. Und ein weiterer Jesuit kümmert sich nun um das Geld.

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