Vatikanstadt

Die Kirche soll sich wandeln

Der Papst fordert in seinen Ansprachen zum Jahreswechsel den Mut zur Veränderung.

Weihnachtsansprache von Papst Franziskus
Keine Standpauke, aber klare Ansagen für die Kurie: Der Papst wandte sich Ende Dezember mit vergleichsweise milden Tönen an seine Mitarbeiter. Foto: KNA

Auch für einen Papst kann es – selbst an hohen Feiertagen – kleine Missgeschicke geben, die dann auch noch öffentlich werden. Seine Predigt zur Neujahrsmesse am 1. Januar war wohl schon geschrieben und in die verschiedenen Sprachen übersetzt, als Franziskus nach der Vesper im Petersdom am Vorabend seinen – inzwischen schon traditionellen – Besuch bei der Krippe auf dem Petersdom machte. Der Weg war gesäumt von Schaulustigen, als sich plötzlich, der Papst hatte einem Kind die Hand gereicht und wollte weitergehen, eine junge Asiatin seiner Hand bemächtigte und diese festhielt. Franziskus, der am nächsten Morgen in seiner Predigt die Gewalt an Frauen mit einer Schändung Gottes gleichsetzen sollte, reagierte erbost auf diese Form der Anhänglichkeit, schlug der Dame zwei Mal auf ihre Hand und ging sichtlich verärgert weiter. Und dann predigte der Papst am nächsten Morgen ausgerechnet über die Würde der Frau.

Der Pontifex entschuldigt sich öffentlich für Ungeduld

Beim Gebet des Angelus am Neujahrstag sollte sich Franziskus schließlich öffentlich entschuldigen: „Oft verlieren wir die Geduld, auch ich“, sagte er vor den Gläubigen auf dem Petersplatz. „Daher bitte ich um Entschuldigung für das schlechte Beispiel von gestern.“ Den Sozialen Medien entgeht nichts. Die päpstliche Begegnung mit der Asiatin und die Predigt zur Frauengewalt waren dann das Thema des Tages.

Bei der feierlichen Messe am Vormittag des Neujahrstags – die Kirche begeht den 1. Januar als Hochfest der Gottesmutter Maria und seit 1968 zugleich als Weltfriedenstag – war dann die Frau als Abbild Mariens ein Schwerpunkt der Predigt des Papstes. Franziskus erinnerte daran, dass „die Wiedergeburt der Menschheit“ in Jesus Christus mit einer Frau, mit der Gottesmutter, begonnen habe. Die Frauen seien Quellen des Lebens. „Und doch werden sie ständig beleidigt, geschlagen, vergewaltigt, dazu gebracht, sich zu prostituieren oder das Leben in ihrem Schoß auszulöschen. Jede Gewalt an der Frau ist eine Schändung Gottes, der von einer Frau geboren wurde“, sagte der Papst bei der Festmesse zum Hochfest der Muttergottes. Wie oft, fuhr Franziskus fort, werde der Leib der Frau „auf den profanen Altären der Werbung, des Gewinns und der Pornographie geopfert, ausgebeutet wie ein Nutzobjekt. Er muss vom Konsumismus befreit werden, er muss geachtet und geehrt werden; er ist das edelste Fleisch der Welt, er hat die Liebe, die uns gerettet hat, empfangen und zur Welt gebracht! Auch heute wird die Mutterschaft gedemütigt, weil das einzige Wachstum, das interessiert, das Wirtschaftswachstum ist.“

Für Frieden in Rom arbeiten

Einen besonderen Gedanken an seine Bischofsstadt Rom hatte Franziskus am Vorabend bei der Feier der Vesper im Petersdom gewidmet. An dem Gottesdienst nahm auch Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi teil, die Franziskus nach der Vesper als einzigen Ehrengast persönlich begrüßte. Gott verändere die Geschichte nicht durch die mächtigen Männer der zivilen und religiösen Institutionen, sagte der Papst, sondern durch die Frauen am Rande des Imperiums, wie Maria und Elisabeth. Und so wolle er alle Römer ermutigen, für den Frieden in der Stadt zu arbeiten.

Rom sei nicht nur eine komplizierte Stadt mit vielen Problemen, Ungleichheiten, Korruption und sozialen Spannungen. Rom sei auch eine Stadt, in die Gott sein Wort sende, das durch den Geist in den Herzen der Einwohner nistet und sie zum Glauben, zur Hoffnung trotz allem, zur Liebe und zum Kampf für das Wohl aller Menschen ansporne.

"Ich hoffe, sie wählen jemanden,
der sich diesem wichtigen Amt
voll und ganz widmen kann"
Papst Franziskus

Wie jedes Jahr hatte zuvor die traditionelle Weihnachtsansprache des Papstes an die römische Kurie für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Die Veränderungen in der Welt, in der Kirche und in der Kurie waren seine Themen, als er am 21. Dezember die Kardinäle und führenden Mitarbeiter des Vatikans empfing. Am gleichen Tag wurde auch bekannt, dass der langjährige Dekan des Kardinalskollegiums, der 92 Jahre alte ehemalige Staatssekretär Angelo Sodano, von seinem Amt zurücktritt und der Papst in Zukunft den von den Kardinälen zu wählenden Dekan des „Roten Senats“ für eine Amtszeit von fünf Jahren und nicht wie bisher auf Lebenszeit ernennen wird. „Ich hoffe, sie wählen jemanden, der sich diesem wichtigen Amt voll und ganz widmen kann. Danke“, fügte Franziskus sybillinisch an.

Mit Blick auf die Kurienreform und vor allem die beiden Kongregationen für die Glaubenslehre und für die Evangelisierung der Völker machte Franziskus deutlich, wie sehr sich die Zeiten auch für die Kirche geändert hätten: Diese beiden Dikasterien seien zu einer Zeit gegründet worden, „in der es einfacher war, zwischen zwei ziemlich klar abgegrenzten Bereichen zu unterscheiden: einer christlichen Welt auf der einen Seite und einer noch zu evangelisierenden Welt auf der anderen. Diese Situation gehört jedoch der Vergangenheit an. Menschen, denen das Evangelium noch nicht verkündigt worden ist, leben keineswegs nur in den nicht-westlichen Kontinenten, sondern überall, vor allem in den riesigen städtischen Ballungszentren, die ihrerseits eine besondere Seelsorge erfordern.“ Und mit Blick auf die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts stellt Franziskus ernüchtert fest: „Brüder und Schwestern, wir haben keine christliche Leitkultur, es gibt keine mehr! Wir sind heute nicht mehr die Einzigen, die Kultur prägen, und wir sind weder die ersten noch die, denen am meisten Gehör geschenkt wird.“ Wie sich diese globale Veränderung jedoch auf die Konstitution zur Kurienreform auswirken wird, ließ der Papst noch offen.

Kardinal Martinis Worte als Kompass

Als wolle er die Kurie auf tiefgreifende Einschnitte vorbereiten, schloss Franziskus mit einem Zitat von Kardinal Carlo Maria Martini SJ: „In seinem letzten Interview wenige Tage vor seinem Tod“, sagte der Papst, „sprach Kardinal Martini Worte, die uns nachdenken lassen: ,Die Kirche ist zweihundert Jahre lang stehengeblieben. Warum bewegt sie sich nicht? Haben wir Angst? Angst statt Mut? Wo doch der Glaube das Fundament der Kirche ist. Der Glaube, das Vertrauen, der Mut‘.“

Doch worauf bezog sich Martini mit dem Wort von der stehengebliebenen Kirche? Der ehemalige Erzbischof von Mailand hatte drei Wochen vor seinem Tod Ende August 2012 in einem Interview für den „Corriere della sera“ von der „müden Kirche“ des Westens gesprochen, die sich in drei Punkten ändern müsse: Erstens sei wegen der Missbrauchsskandale eine tiefgreifende Bekehrung nötig. Die Menschen würden auf die Sexualmoral der Kirche nicht mehr hören. Zum zweiten nannte Martini damals das Wort Gottes, die Bibel, die in jedem Menschen wirken müssten und höher zu bewerten seien als der Klerus oder das Kirchenrecht. Und drittens seien die wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommuniuon zuzulassen, denn die Sakramente seien nicht dafür da, die Menschen zu disziplinieren, sondern sollten auch denen helfen, die in komplexen familiären Situationen leben würden. Zumindest in diesem dritten Punkt ist Franziskus seinem großen Vorbild Martini bereits gefolgt.

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