Regensburg

Die Faszination der Predigten Ratzingers

Der Theologe Christian Schaller spricht über Leitmotive in den Predigten Joseph Ratzingers/Benedikt XVI. und erklärt, wie der emeritierte Papst den Spagat meisterte, sowohl einfache Gläubige wie auch hochgebildete Theologen zu erreichen.

Der Theologe Christian Schaller
"Der immense Zuspruch, den der predigende Priester, Bischof und Kardinal immer bekommen hat, dokumentiert die Freude der Gläubigen, wenn sie Joseph Ratzinger hören konnten", meint Christian Schaller, stellvertretender Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. in Regensburg. Foto: Papst Benedikt Institut

Herr Dr. Schaller, worin liegt die Faszination des Predigers Joseph Ratzinger/Benedikts XVI.?

Bei der Erstellung des neuen Bandes der „Joseph Ratzinger Gesammelten Schriften“ fielen in besonderem Maß die stets neu entwickelten Gedanken des Predigers Joseph Ratzingers auf. Bei einem Zeitraum von über 60 Jahren Verkündigungstätigkeit hätte man Dubletten und Redundanzen erwarten können. Es zeigen sich aber eine beindruckende Vielfalt und ein immer neuer Blick auf ein Thema unseres Glaubens und seiner Geheimnisse, der auf eine Detailkenntnis, auf Kreativität und auf eine analytische Fähigkeit des Autors schließen lassen, die beeindruckend ist.

"Die Predigt ist keine pädagogische Lehrstunde,
sondern vielmehr Auslegung der Schrift
und der Lehre der Kirche"

Dabei versteckt er seine Kenntnisse der Heiligen Schrift, der Historie, der Theologie und ihrer Geschichte nicht in der oftmals verklausulierten Sprache der Experten oder hinter der Banalität dessen, der eigentlich gar nicht weiß, worüber er predigen soll, sondern schöpft aus dem reichen Fundus seines Wissens, um es menschengerecht zu vermitteln. Die Predigt ist keine pädagogische Lehrstunde, sondern vielmehr Auslegung der Schrift und der Lehre der Kirche – übertragen und für die Menschen so aufbereitet, dass sie einen Gewinn für ihr Leben davontragen. Diese Weite und diese Konkretisierung faszinieren gleichermaßen bei einem Gelehrten, der als Professor auf dem Katheder und als Priester auf der Kanzel stets der Verkünder des Glaubens ist.

Gibt es Leitmotive in seinen Predigten?

Eher die inhaltliche Ausrichtung an Jesus Christus, denn einzelne Motive kann als das tragendes Element seiner Predigten gesehen werden. Wie sehr er auf die zentrale Gestalt unseres Glaubens ausgerichtet war und ist, zeigt sich deutlich auch in seiner Fähigkeit, das Alte und das Neue Testament integrativ zu lesen und zu deuten. Es gibt nicht das erste Testament, das dann sinnlos geworden sei, weil ein zweites dazugekommen und dieses abgelöst hätte. Christus steht in der Kontinuität der einen Offenbarung Gottes, die sich an uns Menschen richtet, und auf die wir antworten müssen. Und genau diese Geschichte mit den Menschen mündet in der endgültig in Christus ergangenen Offenbarung in der Inkarnation, im Tod am Kreuz und schließlich in der Überwindung des Todes in der Auferstehung.

"Das Hören auf Gottes Wort, das
Sich-darauf-Einlassen und sein Leben
danach auszurichten, das gelingt nur,
wenn wir Christus aufnehmen"

Diese heilsgeschichtliche Dynamik findet sich dann weitergeführt in der Kirche und ihren von Christus zur Verfügung gestellten Heilsmitteln, den Sakramenten, und wird in Personen wie den Heiligen sichtbar-konkret in der Lebenswirklichkeit der Menschen. Das Hören auf Gottes Wort, das Sich-darauf-Einlassen und sein Leben danach auszurichten, das gelingt nur, wenn wir Christus aufnehmen. Dass diese Erkenntnis Realität in der Welt bleibt, wird die Liturgie als der zentrale Ort dieser Gottesbegegnung und der Selbstkonstitution der Kirche auf der Basis des gnadenhaften Gerufen-Seins von Christus notwendig. Insofern könnte man als ein weiteres Motiv in den Predigten Joseph Ratzingers diese Hinführung auf den Gottesdienst sehen. Theologie, Predigt wird zum Ernstfall in der betenden Kirche.

Wie kann man sich die Vorbereitung der Predigt vorstellen?

Seine Predigten sind ganz klassisch aufgebaut. Sie nehmen die Schriftlesungen des jeweiligen Tages und gelegentlich Texte aus dem Messformular. Auf diese Weise geht jeder Konzeption die intensive Beschäftigung mit der Heiligen Schrift mit den Mitteln der Exegese, der historischen Forschung und deren Vergewisserung bei Theologen der gesamten Kirchengeschichte voraus. Man spürt die Referenzgestalten, wie zum Beispiel den hl. Augustinus, die Väter, aber auch die Konzilien und die zeitgenössischen Theologen kommen zu Wort, um die Schrift zu deuten, zu interpretieren und verkündigend zu kommentieren – sie fruchtbar zu machen für unseren Alltag. Bei sogenannten „Besonderen Anlässen“ oder bei den Festen der Heiligen werden die geschichtlichen Hintergründe beleuchtet, die Biographie oder das Herausragende und Spezifische dieses Heiligen recherchiert, um sie, eingebettet in das Gesamt des Heilsplanes Gottes, als Verstehenshilfe für das von Gott uns zugedachte Heil den Menschen zu erläutern. Jede Predigt ist gut vorbereitet und auf die Hörerschaft zugeschnitten.

Gäbe es eine Top-Ten-Liste der Ratzingerpredigten, welche gehörten aus Ihrer Sicht zu den Favoriten?

Das ist naturgemäß schwer zu beantworten. Alle Predigten dienen an den jeweiligen Tagen, an denen sie gehalten worden sind, einer tiefgehenden geistlichen Schriftlesung. Sie können Predigenden und Hörenden eine Begleitung durch das Kirchenjahr sein, Impulse und Gedanken zu einem besseren Verstehen des Festgeheimnisses werden oder auch den Blick auf geschichtliche Situationen lenken oder an Persönlichkeiten erinnern, die uns noch gut im Gedächtnis sind, wie die Predigt beim Requiem für den heiligen Johannes Paul II. – die unvergessen bleiben wird und die den dritten Teilband abschließen wird.

"Mit nur zwei Sätzen aus den Schriftlesungen
des Tages werden der Advent und die Liebe
Gottes zu den Menschen auf wunderbare
Weise miteinander verknüpft"

Einige Predigten, die einen fast ausschließlich persönlich-biographischen Bezug haben, werden dann noch in Band 15 aufgenommen werden – es bleibt also noch spannend. Als Einstimmung auf den Advent möchte ich die in München am 5. Dezember 1981 gehaltene Predigt „Sehen mit den Augen des Herzens“ empfehlen. Mit nur zwei Sätzen aus den Schriftlesungen des Tages werden der Advent und die Liebe Gottes zu den Menschen auf wunderbare Weise miteinander verknüpft. Eine gute Hinführung auf diese schöne Zeit im Jahr.

Ist Kardinal Ratzinger/ Papst Benedikt auch mal angeeckt mit einer Predigt?

Sicherlich wird es unter den Zuhörern immer jemanden gegeben haben, der mit irgendwelchen Details nicht einverstanden war. Aber der immense Zuspruch, den der predigende Priester, Bischof und Kardinal immer bekommen hat, dokumentiert die Freude der Gläubigen, wenn sie Joseph Ratzinger hören konnten. Da ich ja selbst aus München stamme, kenne ich den überfüllten Dom noch sehr gut. Und bei späteren Begegnungen und Predigten in Rom oder an anderen Orten war es nicht anders. Ratzinger faszinierte durch die Sprache, die literarische, ja fast poetische Weise seines Sprechens und durch die inhaltliche Dichte seiner Gedanken, die einen bestärkt und getragen hat.

Papst Benedikt hat vor sehr gemischtem Publikum gepredigt: einfache Gläubige hörten zu, aber auch wissenschaftlich hochgebildete Theologen. Wie hat er diesen Spagat gemeistert, so dass jeder etwas mitnehmen konnte?

Das konnte nur ein bescheidener Diener des Wortes schaffen. Es ging nicht um die Selbstpräsentation, sondern um die Erfüllung des Sendungsauftrages „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Wort Gottes“. So muss sich ein guter Prediger auf die Menschen einlassen, deren Lebensvoraussetzungen wahrnehmen und sie so erreichen, dass sie sich angesprochen fühlen und verstehen, was die Heilige Schrift uns an diesem Tag in der Liturgie sagen will.

"Seine Predigten wurden als Bereicherung,
als Inspiration empfunden"

Ob bei einem Kongress der Bildungskongregation oder vor den Jugendlichen bei der Korbinianswallfahrt in Freising, ob im Münchener Dom oder in einem kleinen Konvent in Rom – seine Predigten wurden als Bereicherung, als Inspiration empfunden. Das gelingt nur, wenn man auf die Belange und Nöte, auch auf die Freude der Hörer achtet und auf das, was ihnen an diesem Tag wichtig ist.

Papst Franziskus hat den Deutschen den Primat der Evangelisierung ans Herz gelegt. Welchen Nutzen können die Leser unter diesem Gesichtspunkt daraus ziehen?

Evangelisierung bedeutet nicht Strukturen mit der Schablone zu zeichnen und dann darauf hoffen, dass sich die Arbeit von alleine macht. Ebenfalls ist das Wesen der Kirche nicht mit politisch-soziologischen oder nationalen Strukturen zu erfassen oder gar zu ändern. Da bleibt immer die Frage: Wer setzt die Strukturen? Wer entscheidet? Wer setzt seinen Willen durch…? Nein, Evangelisierung heißt, am Menschen orientiert den Glauben zu verkünden und ihn zu einer persönlichen Entscheidung zu motivieren. Glaube bedeutet nicht, irgendeiner Gruppe mit bestimmten, zum Teil skurrilen Zielen anzugehören, sondern Glied am Leib Christi zu sein, der die Kirche ist, und dessen Haupt Christus selbst ist. Insofern sind Schriftlesung, Gebet, Theologie, Sakramente – der persönliche Glaube – die zentralen Themen der Verkündigung des Reiches Gottes. Dazu muss sich der Mensch bekennen. Dazu muss er sich frei entscheiden können. Die Predigten Joseph Ratzingers sind dazu eine außergewöhnlich wertvolle Hilfe.

Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.:
Gesammelte Schriften; Predigten (Homilien – Ansprachen – Meditationen), Herder, Freiburg, 2019, gebunden, 712 Seiten, Band 14/1: ISBN: 978-3-451-38114-0; 640 Seiten Band 14/2, ISBN: 978-3-451-38614-5; 872 Seiten, (Band 14/3); ISBN: 978-3-451-38814-9; 245 Euro (Band 14/1: 80 Euro; Band 14/2: 75 Euro, Band 14/3: 90 Euro)

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