Eichstätt

Die Bibel von innen erleben

Der Eichstätter Liturgiewissenschaftler Marco Benini erhält den Pius-Parsch-Preis 2019.

Marco Benini
Marco Benini will die sakramentale Dimension der Schrift wieder zum Leuchten bringen. Foto: KU/pde

Christlicher Gottesdienst ist ohne die Lesung der Heiligen Schrift nicht denkbar. Liturgie und Heilige Schrift sind vielmehr aufeinander bezogen. Sie bilden Räume personaler Christusbeziehung, von denen her sich das Leben der Gläubigen ordnet und auf Ihn hin ausrichtet. Dies wieder neu in Erinnerung zu rufen ist das bleibende Verdienst des Augustiner Chorherren Pius Parsch, der 1926 die Zeitschrift „Bibel und Liturgie“ gründete, um „diese zwei lauteren Quellen christlicher Frömmigkeit“ wieder neu zugänglich zu machen. Was Parsch weitergab war, was er selbst in der Neuentdeckung der Heiligen Schrift persönlich erlebt hatte, jener Wandel, der eintritt, wenn man über die Exegese und die historische Dimension der Offenbarung sein Ohr für das lebendige Wort Gottes öffnet und entdeckt, dass es einen ganz persönlich angeht.

Wie die Liturgie mit der Heiligen Schrift umgeht

Damit diese Erfahrung von Pius Parsch auch heute lebendige Wirklichkeit bleibt, hat die Liturgiewissenschaftliche Gesellschaft Klosterneuburg einen nach ihm benannten Preis ausgelobt, der in Abständen profilierten Theologen verliehen wird, deren Arbeiten das volksliturgische Apostolat Parschs weiteren Kreisen eröffnen und vermitteln.

Marco Benini ist in diesem Jahr für seine von der Katholischen Universität Eichstätt Ingolstadt angenommene Habilitationsschrift „Liturgische Bibelhermeneutik. Die Heilige Schrift im Horizont des Gottesdienstes“ mit dem Pius-Parsch-Preis ausgezeichnet worden. In ihr geht er der Frage nach, wie die Liturgie mit der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testamentes umgeht, welche unterschiedlichen Zugänge zur Schrift sie eröffnet, welches Textverständnis sie zugrunde legt und wie die Heilige Schrift die Liturgie inspiriert. Seine Untersuchung hat zwei große Teile, deren erster der Gliederung von Artikel 24 der Liturgiekonstitution folgt und so die Thematik an die Neuordnung der Liturgie innerhalb des Zweiten Vatikanums rückbindet. Untersucht werden die verschiedenen Textsorten und Elemente des Schriftgebrauchs in der Liturgie.

Die unterschiedlichen Dimensionen der liturgischen Bibelhermeneutik

Dabei geht es um die Perikopenordnung, die unterschiedlichen Funktionen der Psalmen als Verkündigung, Meditation oder Gebet, aber auch die Messorationen oder die Sakramentengebete, an denen deutlich wird, in welch enger Beziehung liturgisches Beten und Heilige Schrift zueinander stehen. Der zweite Teil der Habilitationsschrift des Liturgiewissenschaftlers reflektiert systematisch die unterschiedlichen Dimensionen der liturgischen Bibelhermeneutik. „Dazu gehört“, wie Jürgen Bärsch in seiner Laudatio zur Verleihung des Pius-Parsch-Preises am 7. Dezember in Klosterneuburg betonte, „dass in der Liturgie der biblische Text eben nicht philologisch-historisch seziert oder als ein Stück Weltliteratur gelesen, sondern als Gottes Wort gefeiert wird.“ Die Arbeit geht zudem der Frage nach, welche Bedeutung die Feier als Kontext für das spezifisch liturgische Schriftverständnis spielt.

Das Ergebnis der Forschungen Beninis zeigt, welch prägende Kraft von der Feier der Liturgie im Hinblick auf das Schriftverständnis ausgehen kann: „Die Liturgie“, so der Theologe, „gibt uns die Bibel gleichsam von innen, denn sie eröffnet einen Zugang aus der Feier des Glaubens. Die Liturgie versteht die Bibel nicht in erster Linie als ein Dokument der Vergangenheit, sondern als je neu, uns persönlich meinendes Wort Gottes. Es ist ein Medium der Gottesbegegnung. Wir nehmen in der Liturgie am Dialog Gottes mit seinem Volk teil: Er spricht zu uns durch sein Wort und wir antworten mit Gesang und Gebet (vgl. SC 33). Die Liturgie ist zugleich Interpretin der Schrift: Im Advent steht etwa die prophetische Dimension des Altes Testament im Vordergrund. Die Perikope des Hauptmanns mit dem ,Herr, ich bin nicht würdig, dass du einkehrst unter mein Dach…‘ (Matthäus 8, 8) erhält im Kontext der Messfeier eine tiefere Deutung auf die Eucharistie.“ Und Benini fährt fort: „Louis-Marie Chauvet hat die Natürlichkeit dieser Beziehung metaphorisch hervorgehoben: ,Die Bibel ist in der Liturgie wie ein Fisch im Wasser.‘ Bei Parsch muss diese Entdeckung ähnlich gewesen sein wie bei den Emmausjüngern, die mit dem Auferstandenen auf dem Weg waren, ohne ihn zu erkennen, denen dann beim Brechen des Brotes, bei der Feier der Eucharistie, Christus selbst aufging.“

Bibellektüre und Liturgie leben von lebendiger Erfahrung

Bibellektüre und Liturgie leben von lebendiger Erfahrung. Benini lehrt derzeit in Washington. Fragt man ihn danach, was die Feier der Liturgie dort von der in seiner Heimat Deutschland unterscheidet, sind die Antworten klar: „Das Durchschnittsalter der Gottesdienstteilnehmer in den USA ist deutlich jünger. Es sind sämtliche Altersstufen vertreten. Beim Betreten der Kirche begrüßen sogenannte „ushers“ die Ankommenden. Es werden am Sonntag stets zwei Lesungen und der Antwortpsalm vorgetragen. Niemand würde auf die Idee kommen, eine Lesung wegzulassen. Am Ende der Feier steht der Priester meist am Kirchenausgang zum Gespräch bereit. Die Beichte wird stärker nachgefragt.“

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