Mainz

Die Betriebstemperatur steigt

Enttäuschte Missbrauchsopfer und ein umstrittenes Arbeitspapier zur Ökumene setzen deutsche Bischöfe unter Druck.

Georg Bätzing und Reinhard Marx
Einträchtig zeigten sich Bischof Georg Bätzing und Kardinal Reinhard Marx nach dem Stabwechsel in Mainz. Foto: Harald Oppitz (KNA)

Mit programmatischen Ansagen hat der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung in Mainz die Gangart des Reformkurses verschärft: Bischof Georg Bätzing sagte vor Journalisten, man müsse „schärfen“, welche Aufgaben die deutsche Bischofskonferenz und die einzelnen Diözesen „in der Vielgestalt der deutschen Kirche“ zu erledigen haben. „Wir wollen nach vorne gehen.“ Mit Blick auf den Synodalen Weg stellte der Limburger Oberhirte in Aussicht, es könnten „Blockaden weggeräumt werde, die verhindern, dass das Evangelium bei Menschen guten Willens ankommt“. Der Nachfolger von Kardinal Reinhard Marx griff das Stichwort „Inkulturation“ aus dem nachsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“ des Papstes auf und zog die Linien nach Deutschland aus: „Wir stehen genau in der Spur dessen, was der Papst will.“

Nuntius erteilte nationalen Sonderwegen eine Absage

Beliebigen Interpretationen des Papstschreibens an das Volk Gottes in Deutschland und des Nachsynodalen Schreibens „Querida Amazonia“ hatte Nuntius Nikola Eterovic zum Auftakt der Vollversammlung das Wasser abzugraben versucht: Der Heilige Vater sehe offensichtlich eine Parallele zwischen Amazonien und Deutschland in Bezug auf die unverzichtbare Verkündigung. Es erscheine daher angebracht, „die kirchliche Vision zu bekräftigen“. Indirekt erteilte der Erzbischof nationalen Sonderwegen eine Absage und erinnerte die Bischöfe daran, dass „die allgemeinen Regeln für die ganze Kirche gelten“. Man könnte „statt Amazonien auch Deutschland nennen und auf diese Weise die Aktualität der Lehre des Bischofs von Rom auch für die Situation der pilgernden Kirche in Deutschland erschließen“.

Wieviele Hausaufgaben diesbezüglich zu erledigen sind, zeigen die widersprüchlichen Einschätzungen des Votums des Ökumenischen Arbeitskreises katholischer und evangelischer Theologen „Gemeinsam am Tisch des Herrn“. Während sich der ÖAK, dem Bätzing gemeinsam mit dem emeritierten Bischof von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, vorsteht, für eine „Öffnung von Eucharistie und Abendmahl für Christen anderer Traditionen“ ausspricht, haben Dogmatiker und Kirchenrechtler Bedenken angemeldet.

Der Interkommunion fehlt die theologische Begründung

Für die These des ÖAK, bei unterschiedlicher liturgischer Gestalt gäbe es eine Übereinstimmung im Hinblick auf den Sinngehalt der Feier von Eucharistie/Abendmahl, fehlen derzeit konsensfähige Argumente – und damit für die Interkommunion die theologische Begründung. Worauf der Vorsitzende seine Einschätzung stützt, das Papier „könne die Gewissensentscheidung Einzelner stärken“, blieb indes unklar. Von einem bischöflichen Konsens über die fachliche Qualität der „neueren theologischen und insbesondere liturgiewissenschaftlichen Erkenntnisse“ und des „theologischen Begründungsrahmens“ kann derzeit keine Rede sein – auch wenn mehrere Jahre an dem Papier gearbeitet wurde. Mehrere bischöfliche Kommissionen sollen sich das Papier nun anschauen.

Der Spannungsbogen in der Konferenz dürfte bis zur nächsten Synodalversammlung und der Herbstvollversammlung im September nicht abflachen. Enttäuscht haben Missbrauchsopfer den Grundsatzbeschluss der Bischöfe zur Kenntnis genommen, sich künftig an der geltenden zivilrechtlichen Schmerzensgeld-Tabelle für sexuellen Missbrauch zu orientieren. Betroffene können demnach mit Summen zwischen 5.000 und 50.000 Euro rechnen. Zwar versicherte der DBK-Missbrauchsbeauftragte Bischof Stephan Ackermann, bei Beantragung und Auszahlung des Geldes solle möglichst unbürokratisch verfahren werden. Doch bleibt der Beschluss deutlich hinter den Empfehlungen einer unabhängigen Arbeitsgruppe vom Herbst 2019 zurück. Diese sahen zwei Modelle vor: neben einem Schmerzensgeld von 10.000 Euro entweder einen Pauschale von 300 000 Euro oder eine Entschädigungssumme zwischen 40.000 und 400.000 Euro. Die Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“ hatte eine pauschale Entschädigung in Höhe von  300.000 Euro gefordert. Ob die Zahlungen mit Kirchensteuergeldern finanziert werden, entscheiden die Bistümer selbst.

Münchner Kanonist Haering skeptisch gegenüber Indult-Vorstoß

Mit den ersten Interviews nach der Wahl hat Bischof Bätzing die Betriebstemperatur weiter nach oben getrieben. Ohne Rücksprache mit den Bischöfen befürwortete der Vorsitzende Lockerungen im Zölibat und schloss eine Zulassung von Frauen zum Diakonat durch einen sogenannten Indult (Gnadenerweis der kirchlichen Autorität) nicht aus. Der Synodale Weg könne zu diesem Zweck einen entsprechenden Beschluss fassen und nach Rom übermitteln, sagte er am Sonntag im „WDR5“.

Der Münchner Kanonist Stephan Haering OSB zeigte sich gegenüber Bätzings Vorstoß skeptisch: „Ein Indult schafft ein Ausnahmerecht, das personale oder regionale Geltung besitzt“, erläuterte er gegenüber dieser Zeitung. Es handele sich also um eine spezielle Form des Privilegs, das angesichts besonderer Umstände gewährt werde – in der Regel auf begrenzte Zeit. Wörtlich sagte Haering: „Man kann sich schwer vorstellen, dass der Papst den Vorstellungen Bischof Bätzings entspricht und solches Ausnahmerecht für Deutschland schafft. Eine nachdrückliche Forderung des Frauendiakonats bietet keine sachliche Begründung für eine solche Maßnahme, ganz abgesehen von den dogmatisch-sakramentalen Aspekten der Frage.“ Darüber hinaus würde der Diakonat der Frau den Reformwünschen vieler Maria 2.0-Sympathisantinnen nicht Genüge leisten. Nach Auffassung der Mitgründerin von Maria 2.0, Lisa Kötter, wäre eine Zulassung von Frauen zum Weiheamt nur eine Zwischenlösung zur Abschaffung kirchlicher Hierarchien.

Nun bleibt abzuwarten, ob der Rücktritt von Reinhard Marx, der als Kardinal in engem Kontakt zum Papst und damit auch in einer gewissen Rechenschaftspflicht für die Ortskirche in Deutschland stand, die Bremsen für Experimente im Katholizismus nördlich der Alpen gelockert hat.

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