Würzburg

Der umkämpfte Zölibat

Was das Ringen zwischen Ost- und Westkirche bei Papst Sergios I. für Konsequenzen nach sich zog.

Russisch-orthodoxe Priester
Russisch-orthodoxe Priester sind nicht zum Zölibat verpflichtet, doch auch ihre Kirche wertschätzt die Ehelosigkeit um des Himmelreichs willen. Ein Blick in die Geschichte hilft, die unterschiedlichen Traditionen zu verstehen. Foto: Jean-Matthieu Gautier (KNA)

In den Hafen der spätantiken Großstadt Ravenna fährt eine imposante Flottille ein: Allen voran zieht das kaiserliche Flaggschiff ein, eine Galeere mit vier Ruderreihen, die alle Blicke auf sich zieht. Der Oberste General des Kaisers, der Monosstrategos, lässt Geschenke verteilen und lädt die Notablen der Stadt, den Erzbischof Felix und alle vornehmen Bürger zu sich an Bord. Aber statt eines feucht-fröhlichem Gelages folgt dem offiziellen Anlass ein grausamer Massenmord, dem niemand entkommen kann. Die unvorsichtigen Eingeladenen bekommen einen Knebel in den Mund, um mit gebundenen Armen ins Meer gestürzt zu werden. Noch in derselben Nacht dringen die Soldaten des Kaisers in die Stadt ein und legen an allen strategischen Ecken und Enden die letzte Kaiserstadt des Westens in Brand.

Alle brennenden Probleme mit einem Handstreich gelöst

Alle Pracht einer glanzvollen Zivilisation, die die Barbarenstürme der Skiren und Goten überlebt hat, sinkt sukzessive mit der Feuersbrunst in Trümmer, nur noch schwelende Überreste künden von dem unbarmherzigen Zorn eines Imperators. Was wie eine abgeschmackte Version eines historischen Thrillers oder gewaltverherrlichenden Computerspiels wirkt, ist leider alles gut bezeugte Historie, die man bei Agnellus von Ravenna nachlesen kann.

Aber was hat dies alles mit der Zölibatsdiskussion zu tun? Alle hitzigen Diskussionen, die in der Gegenwart über die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen und insbesondere über die Sinnhaftigkeit der Aufrechterhaltung des Zölibats geführt werden, würden sich erübrigen, wenn die Kirche des Westens im Jahre 691 dem Imperator mit der Goldmaske gefolgt wäre, Kaiser Justinanos II. (Kaiser von 685 bis 695 und von 705 bis 711).

Dieser „Macher“ unter den byzantinischen Kaisern mit Bärtchen und langgelockten Haaren hatte alle brennenden Probleme, die mit der Sperrigkeit der kirchlichen Lehren gegeben waren, mit einem Handstreich gelöst: Im Jahre 691 hatte er eine universale „Ökumenische“ Kirchensynode in seinen Kaiserpalast nach Konstantinopel berufen. Hatten die Konzilien im allgemeinen in einem Kirchengebäude an etwas abgelegenen Vororten Konstantinopels wie etwa Nikaia getagt, um ihren geistlichen Charakter und ihre Unabhängigkeit von der weltlichen Politik zu demonstrieren, so war diesmal alles anders: Die 227 Bischöfe trafen sich im „Trullanum“, dem Kuppelsaal des Kaisers, der selbstverständlich auch auf dem Thron Platz nahm, die Tagesordnung bestimmte und die Rednerliste festlegte.

Wertkonservative wurden mit dem Ausschluss aus der Kirche belegt

Damit waren alle unabwägbaren Risiken ausgeschaltet und das „Konzil“ beschloss erwartungsgemäß die Aufhebung des Zölibats für gottgeweihte Kleriker und die Möglichkeit einer zweiten oder dritten Eheschließung für alle in der Kirche mit priesterlichem Segen! Wertkonservative, die in reaktionärer Absicht den Zölibat oder die Unauflöslichkeit der Ehe immer noch verteidigen wollten, wurden im Vorhinein mit allen Bannflüchen und dem Ausschluss aus der Kirche belegt.

Somit hätte doch alles geregelt sein müssen, und tatsächlich gelten diese Kanones für die Ostkirchen bis heute. Kanon 13, der die Aufhebung der ehelichen zölibatären Enthaltsamkeit für Priester und Diakone beinhaltet, fiel dabei derart aus dem Rahmen der bisherigen kirchlichen Gesetzgebung, dass er nur grob sinnentstellende Zitationen einer Synode von Karthago anführen konnte, die dagegen gesprochen hatte, dass Priester ihre Frauen wegschicken sollten. Für die Aufhebung der gottgeweihten Enthaltsamkeit konnte er dagegen auf keinen einzigen Synodenbeschluss verweisen, der die Ausübung der Geschlechtlichkeit für die Priester gestattet hätte.

Der Zölibat hatte in der Gesellschaft der Spätantike eine andere gesellschaftliche Konnotation als in der Single-Gesellschaft von heute: Die schon in der Kindheit oder in der frühen Pubertät verheirateten Paare gelobten, wenn sich der Ehemann für einen geistlichen Beruf entschieden hatte, bei den Weihen eine gottgeweihte Enthaltsamkeit, die inkludierte, dass sie keine Kinder mehr zeugen, beziehungsweise die Ehe vollziehen durften, andernfalls wurde der Priester automatisch aus dem geistlichen Stand wieder entlassen.

Die gottgeweihte Enthaltsamkeit hatte ihre Wurzeln in den Paulusbriefen

Diese gottgeweihte Enthaltsamkeit hatte ihre Wurzeln in den Paulusbriefen und wurde später von wichtigen Kirchenvätern wie Klemens von Alexandria, Origenes, Tertullian, Ambrosius, Augustinus und anderen vertreten, die sich selbst auf frühchristliche Gepflogenheiten beriefen. Origenes bringt es auf die Formel: Priester dürfen Kinder „zeugen“, aber eben nur geistliche, neue Christen, durch die Verkündigung des Wortes. Grundgelegt war der gottgeweihte Enthaltsamkeitszölibat durch das Beispiel des heiligen Paulus, der erklärt hatte, wer eine Frau habe, solle sich so verhalten, als habe er keine: „Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn. Er will dem Herrn gefallen… Wer seine Verlobte nicht heiratet, handelt besser.“ (1 Korinther 7, 32.38)

Kirchenrechtliche Relevanz hatte der Zölibat durch die Übernahme des Synodenbeschlusses von Granada-Elvira aus dem Jahr 303 durch die Päpste Damasus I. (366–384), Siricus (384–399) und Innocentius I. (401–417). Wenig bekannt ist hingegen, dass auch die staatliche Gesetzgebung die kirchlichen Kanones, die den Zölibat für die Bischöfe und Priester einschärften, für das Kaiserreich Byzanz übernahm. Für den griechischen Osten waren insbesondere die Gesetze des Kaiser Theodosios II. vom 8. Mai 420 und von Kaiser Justinianos I. vom 1. März 528, vom 29. Juli 531, vom 16. März 535 und vom 1. Mai 541 von Bedeutung, die die verschiedenen Aspekte des Zölibats für Diakone, Priester und Bischöfe regeln, alle aber in der oben angeführten Bedeutung einer ehelichen Enthaltsamkeit nach einer Weihe zu einem kirchlichen Dienstamt.

Wenn auch Justinianos II. durch dieselbe Synode im Trullanum den Patriarchen von Konstantinopel dem Papst in Rom hatte gleichstellen lassen, so war es ihm nur zu gut bewusst, dass die Beschlüsse seines „Konzils“ nur dann allgemeine Geltung beanspruchen konnten, wenn sie auch der Papst in Rom unterschrieb. In vollem Bewusstsein, was die Unterzeichnung eines solchen „Konzils“ für eine Aufweichung der Lehren des Evangeliums bedeutete, weigerte sich Papst Sergius I. (687 bis 701) von Anfang an standhaft, die brisanten Akten des II. Trullanums, die er als ungültig ablehnte, verlesen zu lassen und sie zu unterschreiben. Lieber wolle er sterben als solchen falschen „Neuerungen“ (novitates) zuzustimmen.

Alles hätte ein Happy End haben können, doch das Undenkbare geschah

Im Jahr 695 riss dem mächtigen Imperator in Konstantinopel schließlich der Geduldsfaden und er beauftragte seinen Protospartharios Zacharias, den Papst selbst in Rom festzunehmen und in seine Reichshauptstadt Konstantinopel zu überstellen. Da das weitere Schicksal des Papstes angesichts der Blendung und Verbannung von Papst Martinus I. 653 jedem klar gewesen sein dürfte, rebellierten die italienischen Truppen des Kaisers in Ravenna und in der Pentapolis gegen den Befehl Justinianos II. und marschierten auf Rom.

Ironischerweise musste sich der „Schwertträger“ des Kaisers, als der Lateran gestürmt wurde, ins Schlafzimmer des Papstes flüchten, um diesen um sein Leben anzubetteln. Die großflächige Revolte in Rom und Ravenna bildete 695 dann allerdings auch ein Signal für einen Aufstand gegen den „Macher“-Kaiser Justinianos II. in Konstantinopel, der ihn den Thron und seine Nase sowie seine Ohren kostete, die man ihm abschnitt, weil er einstens genauso mitleidlos mit seinen zwei jüngeren Brüdern verfahren war.

Damit hätte alles ein Happy End haben können, allein das Undenkbare geschah: Kaiser Justinianos II. gelang es im Jahr 705 mit Hilfe der Bulgaren, erneut die Macht an sich reißen. Der zurückgekehrte Kaiser errichtete ein Terrorregime und nahm blutige Rache an seinen Gegnern. Sein kaiserlicher Zorn konzentrierte sich leider auch auf die Residenzstadt des Westens, auf Ravenna, die aufmüpfige Stadt, in der er das zu Beginn geschilderte Massaker durchführen ließ.

Der aufgerissene Graben zwischen Ost und West blieb bestehen

Im Jahr 711 rebellierten seine Truppen allerdings ein weiteres Mal, sodass sich Justinianos zur Flucht wandte und sich schließlich widerstandslos festnehmen ließ. Pikanterweise ließ sein kaiserlicher Nachfolger ihn köpfen und seinen Kopf als Trophäe nach Ravenna und Rom übersenden.

Der aufgerissene Graben zwischen Ost und West blieb allerdings bestehen, in Konstantinopel galt fortan das Trullanum, in Rom nicht. Folglich blieb das Gelübde des Zölibats im Westen in alter Form bestehen, bis im Zuge der Gregorianischen Kirchenreform die Bestimmungen nochmals verschärft wurden und nun auch „Josephs-Ehen“ bei Priestern ausgeschlossen und verboten wurden.

Die übernatürliche Einstellung des Zölibats scheint aber wesentlich dazu beigetragen zu haben, dass die Kirche des Westens zur größten Religionsgemeinschaft der Welt aufgestiegen ist und diesen Platz bis heute behauptet hat.

Der Autor ist Zisterzienserpater und Rektor der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“