Heiligenkreuz

Der Zölibat in der Spätantike

Der Zölibat habe in der Gesellschaft der Spätantike eine andere gesellschaftliche Konnotation gehabt als heute, meint Pater Wolfgang Buchmüller, Rektor der "Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz".

Zölibat in der Spätantike
Die universale „Ökumenische“ Kirchensynode im Jahr 691 beschloss die Aufhebung des Zölibats für gottgeweihte Kleriker und die Möglichkeit einer zweiten oder dritten Eheschließung für alle in der Kirche mit priesterlichem Segen. Foto: Arno Burgi (ZB)

Der Rektor der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz Pater Wolfgang Buchmüller OCist zeichnet in einem Beitrag die spätantike Auseinandersetzung um die priesterliche Ehelosigkeit zur Zeit des Kaisers Justinanos II. (685-695 und 705-711) nach. 691 berief der Kaiser eine universale „Ökumenische“ Kirchensynode in seinen Kaiserpalast nach Konstantinopel ein. 227 Bischöfe versammelten sich, während der Kaiser die Tagesordnung bestimmte und die Rednerliste festlegte.

Mit Gegnern verfuhr der Kaiser unzimperlich

Beschlossen wurde die Aufhebung des Zölibats für gottgeweihte Kleriker und die Möglichkeit einer zweiten oder dritten Eheschließung für alle in der Kirche mit priesterlichem Segen. Mit Gegnern verfuhr der Kaiser nach Buchmüllers Darstellung unzimperlich: „Wertkonservative, die in reaktionärer Absicht den Zölibat oder die Unauflöslichkeit der Ehe immer noch verteidigen wollten, wurden im Vorhinein mit allen Bannflüchen und dem Ausschluss aus der Kirche belegt.“

Der Zölibat, so der Zisterzienser, habe in der Gesellschaft der Spätantike eine andere gesellschaftliche Konnotation gehabt als in der Single-Gesellschaft von heute: Die schon in der Kindheit oder in der frühen Pubertät verheirateten Paare gelobten, wenn sich der Ehemann für einen geistlichen Beruf entschieden hatte, bei den Weihen eine gottgeweihte Enthaltsamkeit, die inkludierte, dass sie keine Kinder mehr zeugen, beziehungsweise die Ehe vollziehen durften, andernfalls wurde der Priester automatisch aus dem geistlichen Stand wieder entlassen.

Die gottgeweihte Enthaltsamkeit hatte ihre Wurzeln in den Paulusbriefen

Diese gottgeweihte Enthaltsamkeit hatte ihre Wurzeln in den Paulusbriefen und wurde später von wichtigen Kirchenvätern wie Klemens von Alexandria, Origenes, Tertullian, Ambrosius, Augustinus und anderen vertreten, die sich selbst auf frühchristliche Gepflogenheiten beriefen. Origenes bringt es auf die Formel: Priester dürfen Kinder „zeugen“, aber eben nur geistliche, neue Christen, durch die Verkündigung des Wortes.

Warum alle heutigen Zölibatsdiskussionen nicht geführt werden müssten, wenn die Kirche des Westens im Jahr 691 Kaiser Justinanos II. gefolgt wäre, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie diese aktuelle Ausgabe der Zeitung hier.