Santiago de Compostela

Der Weg nach Santiago de Compostela boomt 2019

Der Weg nach Santiago de Compostela boomt dank der „Touristenpilger“ schon vor dem Auftakt zum Heiligen Jahr 2021.

Santiago de Compostela
Baustelle Kathedrale: Spaniens Pilgermetropole macht sich frisch für das Heilige Jahr. Foto: Drouve

Der Jakobsweg ist und bleibt ein Phänomen. Das abgelaufene Jahr 2019 brachte einen neuen Rekord: Knapp 350.000 Ankömmlinge bekamen in Santiago de Compostela ihr Pilgerdiplom.

Die Massenbewegung auf dem Jakobsweg schreitet ungebremst voran – allen Unkenrufen zum Trotz, die Pilgerstrecke werde irgendwann an ihrem eigenen Erfolg zerbrechen. Das Jahr 2019 hat einen neuen Rekord beschert, wie aus den Statistiken des Pilgerbüros in Santiago de Compostela hervorgeht. Annähernd 350 000 Wallfahrer bekamen dort ihre „Compostela“-Urkunde – so viele wie niemals zuvor. Der Erhalt des Diploms war traditionell an die Voraussetzung geknüpft, per Stempelfolgen im Pilgerausweis lückenlos dokumentiert zu haben, mindestens die letzten 100 Kilometer bis zur Apostelstadt gewandert oder geritten beziehungsweise die finalen 200 Kilometer mit dem Fahrrad unterwegs gewesen zu sein.

Über 2.000 Pilger pro Tag im August

Im August trafen im Schnitt über 2.000 Pilger pro Tag ein und brachten die Herbergen und günstigeren Unterkünfte in Santiago de Compostela an den Rand der Aufnahmefähigkeit. Selbst gegen Jahresende waren die Ankünfte der Pilger überdurchschnittlich hoch (am 30. Dezember: 125). Dies unterstreicht die neueste Mode des Winterpilgerns – um den Massen aus dem Weg zu gehen und bei den Strapazen eine Schippe draufzulegen. Eine verstärkte Tendenz ist auch, Alternativen zur Hauptstrecke, dem „Französischen Weg“, anzugehen. Dahingehend im Aufwind stehen die Zubringerrouten aus Portugal.

Im dritten Jahr in Folge hat der Zulauf auf dem Jakobsweg eine neue Rekordmarke aufgestellt. 2017 wurde erstmals die 300 000er Schallmauer durchbrochen (301 036), 2018 schnellte die Zahl auf 327 378. Die Entwicklung in den letzten ein, zwei Jahrzehnten ist schier atemberaubend. In einem Jahr wie 2005 lag die Zahl der Ankömmlinge noch im fünfstelligen Bereich (93 924), zu Beginn der Neunzigerjahre sogar im vierstelligen (1992: 9 764).

Die Gründe für den Aufschwung sind so unterschiedlich wie die Herkünfte der Pilger. Glaubensmotive stehen heute nicht im Vordergrund, wenn es darum geht, auf den Jakobsweg aufzubrechen. Es ist eher die Sinnsuche in einer Welt, in der das digitale Bombardement zum Alltag und das Immer-erreichbar-sein-müssen zum Standard geworden ist. Jederzeit vermeint man in irgendeiner Form Druck zu verspüren, den Anschluss zu verpassen, beruflich oder privat. Eine Pilgerschaft mag dabei helfen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren, zu erden, seinen Mittelpunkt zu finden, einen Weg aus der künstlich aufgebauten Atem- und Rastlosigkeit zu finden, sich neue Ziele zu setzen.

Massenphänomen Jakobsweg als zweischneidiges Schwert

Eine tiefgläubige, erfahrene Pilgerin wie María Socorro Iriarte hält das Massenphänomen Jakobsweg für ein zweischneidiges Schwert. Die Arbeiterin aus dem nordspanischen Pamplona ist seit Mitte der Neunziger Jahre auf den unterschiedlichsten Strecken unterwegs gewesen und hat die Zahl ihrer absolvierten Jakobswege „nicht einmal gezählt“, wie sie sagt. Einerseits wertet sie es positiv, da die Anstiege zeigen, dass „Menschen aus der ganzen Welt eine Unruhe“ verspüren, ganz unabhängig davon, ob sie ein Buch oder ein Film zur Pilgerschaft inspiriert habe. „Da ist etwas im Innern jeder einzelnen Person, die sich auf die Suche begibt“, reflektiert die 56-Jährige, die langjähriges Mitglied in der Jakobswegvereinigung ihrer Heimatregion Navarra ist. Den Rucksack zu nehmen, die vertraute Umgebung zu verlassen, das sei immer noch etwas Besonderes. Andererseits seien zunehmend mehr Leute unterwegs, die sie „Touristenpilger“ nennt. Auch wenn Iriarte es nicht explizit sagt: Im Grunde trauert sie Zeiten hinterher, als sie von Beginn an in der Pilgergemeinschaft gespürt habe, „auf derselben Wellenlänge“ zu liegen. Obgleich sie sich prinzipiell für gutgläubig hält, traut sie nun nicht mehr jedem bedenkenlos über den Jakobsweg. Gewiss ein Zusatzgrund, sich anderen Pilgerzielen zugewendet zu haben. In Rom ist sie bereits gewesen, „von der eigenen Haustür weg, wie im Mittelalter“, sagt sie nicht frei von Stolz. Demnächst steht Jerusalem auf ihrem Plan.

Die Rekordankünfte im vergangenen Jahr in Santiago de Compostela kollidierten leider mit den Außen- und Innenrestaurierungen der Pilgerkathedrale. So konnte der Empfang am Sehnsuchtsziel kaum ernüchternder sein: überall Gerüste, Baulärm und Abdeckungen. Die Pilgermessen waren auf andere Gotteshäuser ausgelagert, der berühmte Weihrauchwerfer kam zur Zwangspause. Zum Glück war unter dem Hochaltar das Räumchen mit dem Reliquienschrein des Jakobus zugänglich, so wie immer, eine kleine Oase der Besinnung.

Die umfangreichen Instandsetzungen haben bereits ein Licht voraus auf 2021 geworfen. Spätestens dann soll wieder alles in perfektem Glanz erstrahlen. Der Grund: Da der Jakobustag 25. Juli auf einen Sonntag fällt, steht ein „heiliges Jakobusjahr“ an, wie zuletzt 2004 und 2010. Seinerzeit wurden vorangegangene Rekordmarken deutlich gebrochen. Man braucht kein Prophet zu sein, um damit auch 2021 wieder zu rechnen.

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