Würzburg

Denker, Dichter, Männer des Glaubens

Zwei Persönlichkeiten, die das katholische Denken des 20. Denken maßgeblich mitgeprägt haben: Zum 130. Geburtstag des Philosophen Dietrich von Hildebrand und des Jesuiten Erich Przywara.

Denker, Dichter, Glaubensmänner
Der Philosoph Dietrich von Hildebrand und der Jesuit Erich Przywara feiern dieses Jahr ihren 130. Geburtstag. Foto: Paul Zinken (dpa)

Am 12. Oktober 1889 wurden zwei im 20. Jahrhundert bedeutende Männer der Kirche und des gläubigen Denkens geboren: in Florenz der Ostern 1914 unter dem Einfluss Max Schelers zum Katholizismus konvertierte personalistische Philosoph Dietrich von Hildebrand, Sohn des in den Adelsstand erhobenen Münchener Bildhauers Adolf von Hildebrand, und in Kattowitz der Jesuit Erich Przywara, der in allen geistigen Diskussionen des damaligen Katholizismus präsent war.

Zwei Jahre später wurde am selben Tag in einer Breslauer jüdischen Familie die spätere Philosophin, Konvertitin, Dozentin, Karmelitin und in Auschwitz ermordete Heilige Edith Stein geboren, die sowohl Hildebrand als auch Przywara gut bekannt war. Mit Hildebrand teilte sie in Göttingen die phänomenologische Schule Edmund Husserls und die des 1917 allzu früh im Krieg gefallenen Adolf Reinach, mit Przywara die Begeisterung für John Henry Newman und Thomas von Aquin, die sie auf seine Bitte kongenial übersetzte. Przywara beginnt einen Gedenkartikel zum zehnten Todestag Edith Steins mit dem Satz: „Edith Stein lernte ich kennen über Dietrich v. Hildebrand.“ In Deutschland sind die Männer dieses intellektuellen Dreigestirns anders als in Italien, Polen oder den USA, wo es eine aktive Hildebrand-Stiftung gibt, weniger bekannt.

Ein Philosoph der Liebe und Wertantwort

Um Dietrich von Hildebrand in seiner Einmaligkeit und Direktheit zu verstehen, hört man am besten auf ihn selbst. Der Beginn einer „Selbstdarstellung“ aus den letzten Lebensjahren ist einfach zu charakteristisch, um nicht zitiert zu werden: „Die philosophische Atmosphäre in meinem Elternhaus war stark von Kant gespeist. Aber während meine Mutter auch Kants Ethik liebte, huldigte mein Vater eher einem Relativismus in ethischer Hinsicht. Ich ging aber trotz der großen Liebe zu meiner ganzen Familie ganz meinen eigenen Weg. Als ich 14 Jahre alt war machte ich mit meiner ältesten Schwester einen Spaziergang, und sie versuchte mir auf dem Weg zu erklären, dass sittliche Gebote relativ seien und je nach der Zeit wechseln würden. Ich protestierte heftig und suchte ihr die absolute Gültigkeit von sittlich gut und böse zu zeigen, ihre absolute Unabhängigkeit vom Wandel der Zeiten.“ So wie Hildebrand von Jugend an von der Existenz und Erkennbarkeit der objektiven Wahrheit überzeugt war und sich nicht durch andere Ideen davon ablenken ließ, so hat er schon lange vor seiner Konversion die Göttlichkeit Christi geglaubt.

Durch Platon die Berufung zur Philosophie entdeckt

Durch die frühe Lektüre Platons entdeckte er seine Berufung zur Philosophie, die ihn schon mit 17 Jahren auf die Münchener Universität und schließlich nach Göttingen zu Edmund Husserl, seinem Doktorvater, und zu Adolf Reinach führte. Von 1918 bis 1933 war Hildebrand Philosophieprofessor in München und entwickelte seine phänomenologische Wertphilosophie. Aus seiner Überzeugung vom unbedingten Wert der Person gegenüber jedem Kollektiv heraus lehnte Hildebrand Nationalismus und Kommunismus gleichermaßen ab. Vor den Nazis floh er nach Wien, wo er Engelbert Dollfuß unterstützte mit der antinationalsozialistischen Zeitschrift „Der christliche Ständestaat“. 1938 musste er über mehrere Stationen in die USA fliehen, wo er in New York an der Fordham University der Jesuiten lehrte. Seine Werke „Metaphysik der Gemeinschaft“ (1975) und „Das Wesen der Liebe“ (1971) wurden zu Klassikern christlich inspirierter Philosophie. Karol Wojty³a, der spätere Johannes Paul II. lernte viel von Hildebrand für seine „Theologie des Leibes“.

In großer Loyalität zu Papst Paul VI. lehnte Hildebrand negative Folgen des Konzils und der Liturgiereform leidenschaftlich ab. Schriften wie „Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“ (1969), „Zölibat und Glaubenskrise“ (1970) und „Der verwüstete Weinberg“ (1973) zeugen von der Kirchentragödie einer Selbstsäkularisierung. Spirituell wichtig sind seine Arbeiten „Über das Herz“ (1967) und „Die Umgestaltung in Christus“ (1971, zuvor unter dem Pseudonym Peter Ott). Hildebrand verstarb ohne Verbitterung 1977 in New Rochelle, New York. Seine zweite Frau Alice setzte seinem Leben mit der Biografie „The Soul of a Lion“ (2000; deutsch 2003) ein schönes Denkmal, zu dem Joseph Kardinal Ratzinger das Vorwort schrieb.

Ein jesuitischer Denker und Dichter des Göttlichen

Erich Przywara kannte Hildebrand durch dessen Münchener Vortragsabende. Der im damaligen „Drei-Kaiser-Eck“ geborene oberschlesische Jesuit blieb seiner Herkunft stets verbunden. Nach der Ordensausbildung in Holland (wegen der Kulturkampfgesetze) kam Przywara nach München, wo er bis 1942 bei der Ordenszeitschrift „Stimmen der Zeit“ publizistisch aktiv war. Karl Barth begegnete er 1929 in Münster und nahm an dessen Thomas-Seminar teil.

Barth war von seiner intellektuellen Brillanz beeindruckt, sah allerdings in der katholischen „Analogia entis“, der Przywara 1932 sein Hauptwerk widmete, zunächst eine „Erfindung des Antichristen“, wegen der er nie katholisch werden könne. In seiner späteren „Kirchlichen Dogmatik“ nahm Barth diese harte Ablehnung zurück. Przywara gilt – wie auch Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar bestätigten – in seinen Schriften, zuletzt „Humanitas“ (1952), und Monografien (unter anderem über Augustinus, Kant, Kierkegaard, Hölderlin) als einer der schärfsten und am schwersten verständlichen Denker seines Ordens. Immer erscheint das „in“ und „über“ Gottes in Anführungszeichen. Manche Lektüre löst fast physischen Schmerz aus und man spürt, dass Przywara aufgrund seiner in Schüben erlittenen Erkrankung psychisch nicht immer im Gleichgewicht war.

"Vielen, die Przywaras theoretische
Denkbewegungen mitzuvollziehen
suchten, ist sie als eine Art
tantalische Qual erschienen"
Hans Urs von Balthasar, Przywaras Schüler, Freund und Verleger

Hans Urs von Balthasar, sein Schüler, Freund und Verleger, meinte: „Vielen, die Przywaras theoretische Denkbewegungen mitzuvollziehen suchten, ist sie als eine Art tantalische Qual erschienen.“ Aber er bedauert auch, dass man sich zu wenig mit ihm auseinandersetzte, seiner manchmal „negativen Theologie“ aus dem Weg ging, trotz seines „elementaren, geradezu alttestamentlichen Sinn(es) für die Göttlichkeit Gottes […] Wohl als einziger besaß er die Sprache, in der das Wort ,Gott‘ ohne die leichte Übelkeit anzuhören ist, die das laute Gerede unserer Durchschnittstheologen verursacht“. Das „Deus semper maior“ seines Ordensvaters Ignatius von Loyola war ihm Grundmelodie. Przywara lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1972 in Murnau, schrieb auch viele Gebete und geistliche Lyrik in Anlehnung an Hölderlin und den Expressionismus. „Katholische Krise“ (1967) hieß nachkonziliar seine letzte Aufsatzsammlung. Eine schön komponierte Rezeption enthält das Buch „Zerspringender Akkord“ (Würzburg 2000) des heutigen Speyerer Bischofs Karl-Heinz Wiesemann.

Beide gläubigen Denker, der personalistische Philosoph und der ignatianische Theologe, zeigen in einmaliger Weise die Größe, Tiefe und Weite der katholischen Geisteswelt auf. Während Przywara eher Spezialisten anspricht, wird man dem philosophischen Werk Dietrich von Hildebrands als Widerpart gegen den Werte-Relativismus im 21. Jahrhundert auch im deutschen Sprachraum eine fruchtbare Neuentdeckung wünschen.