Würzburg

„Dazu gehört wohl eine gewisse Tollkühnheit“

Warum heute in die katholische Kirche konvertieren? Ein Gespräch mit Bruder Pirminius Seber SJB über die Sehnsucht, Zeugnis für die Einheit abzulegen.

Bruder Pirmin
Das Wort Gottes als Leitstern auf einer ungewöhnlichen Lebensreise: Bruder Pirmin gehört inzwischen der katholischen Kirche an. Foto: Archiv

Sie sind Lektor und Kirchenmusiker aus Leidenschaft, wurden als Kind im Jahre 1989 protestantisch getauft und legten 2010 als Frater der ökumenischen Hochkirchlichen St.-Johannes-Bruderschaft die Gelübde ab. Danach empfingen Sie sukzessive die niederen Weihen, im Jahre 2018 wurden Sie zum Diakon geweiht. Eigentlich hätte alles für Sie weitergehen können wie bisher, doch am 21. Juni vollzogen Sie einen entschiedenen Schritt: Sie traten im pfälzischen Wallfahrtsort Maria Rosenberg in die römisch-katholische Kirche ein. Wie reagierte Ihr näheres und weiteres Umfeld?

Tatsächlich waren die Reaktionen recht verhalten, denn ich hatte den Schritt im Vorfeld nicht allzu groß angekündigt. Seit ich den Ruf in die Gemeinschaft der katholischen Kirche im vergangenen Jahr mit unüberhörbarer Klarheit vernommen habe, habe ich mich vor allem mit meinem geistlichen Begleiter und einigen Mitbrüdern immer wieder darüber besprochen, zudem ernsthafte Alternativen erwogen, bis ich meine Entscheidung als eine durch Gebet geläuterte auch meinen Oberen und dem größeren Kreis meiner Mitbrüder, Freunde und Familie mitteilen konnte. Aus den Reihen meiner Mitbrüder und Freunde hat mir der Übertritt vor allem erfreute Reaktionen eingetragen, nicht zuletzt auch die Bemerkung, wie tollkühn dieser Übertritt doch gerade zu dieser Zeit sei angesichts der Skandale, die bis in die höchste kirchliche Hierarchie hineinragen. Unsere katholische Kirche ist in ihrer irdischen Gestalt mitnichten in einem perfekten Zustand.

Worauf kommt es in dieser Zeit an?

Wir erleben gerade in unserem Land vielleicht die größte Krise seit der Reformation voller zumeist hausgemachter Probleme, wo eine mangelnde Katechese und Verkündigung der vergangenen Jahrzehnte die Glaubenswahrheiten an vielen Orten sehr verkürzt dargestellt hat und die Objektivität der Liturgie und Feier der Sakramente dem Subjektivismus unterworfen wurden, was letztlich insgesamt zu einem schmerzhaften Gläubigenmangel geführt hat, wie auch Papst Franziskus kürzlich konstatierte. Jeder kann hier sicher Beispiele aus eigener Erfahrung anfügen, aber eines ist ganz entscheidend: Wir sollen nicht eine perfekte Kirche suchen, sondern die Kirche: Christus hat ihr als das sichtbare Zeichen Seiner Gegenwart die Mittel des Heils anvertraut, in menschliche Hände gelegt, wie auch Er ganz Mensch geworden ist, was selbst dann wahr bleibt, wenn die Gestalt der Kirche doch mitunter sehr irdisch und so gar nicht himmlisch daherkommt. Dazu stehen zu können, ja, dazu gehört wohl eine gewisse Tollkühnheit.

Sie haben sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, immerhin sind Sie seit über 20 Jahren gläubiger Christ, der die Konfession seiner Kindheit und Jugend stets geliebt hat. Wie kam es zu diesem Schritt? 

Ja, ich habe mich lange in der protestantischen Landeskirche besonders im kirchenmusikalischen Bereich als Organist engagiert und als ausgebildeter Lektor Wortgottesdiensten vorgestanden, bis ich als überzeugter „Katholik Augsburgischen Bekenntnisses“ in die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche konvertierte und damit den landeskirchlichen Protestantismus verlassen habe. Zentral bei allem war für mich immer die Frage: Was ist Gottes Wille für mein Leben, an welcher Stelle will Er mich haben? Daraus ist ein inniges Gebet geworden, das sich nicht zuletzt noch vor meiner Diakonenweihe im vergangenen Jahr intensivierte. Dass die Erhörung dieses Gebets nur wenige Monate später mit einer solchen Vehemenz und Eindeutigkeit kommen würde, wie ich es erfahren habe, konnte ich nicht ahnen. Zwar war ich seit meiner frühen Jugend auch immer zu einem großen Teil römisch-katholisch sozialisiert gewesen, bin im Internat des Instituts St. Dominikus in Speyer aufgewachsen, durfte hier auch meine Berufung zum verbindlichen geistlichen Leben entdecken, doch schien ein Übertritt nie eine Option. Zugleich weiß ich heute, es waren die Gebete vieler, die mich kennen, und nicht allein meine eigenen, die Gott nun auf diese Weise erhört hat. So ist mein jetzt erfolgter Übertritt zwar ein aus meiner Biographie nachvollziehbaren Gründen kein völlig überraschender, aber doch scheint es mir, als ob Gott mir noch den nötigen Schubser geben musste.

Im englischen Sprachraum gibt es die Redewendung „crossing the Tiber“, wenn jemand in die römisch-katholische Kirche eintritt. Können Sie damit etwas anfangen?

Sehr sogar. Ich bin ja direkt am Oberrhein aufgewachsen, und das Überqueren des Flusses war in meiner Kindheit immer etwas unglaublich Spannendes, wenn wir in die Großstadt Karlsruhe fuhren, um in beeindruckenden Kaufhäusern einkaufen oder auf den großen Weihnachtsmarkt zu gehen. Da ich noch nie in Rom war, sind mir die Ausmaße des Tibers zwar nicht ganz so vertraut, aber der tatsächliche, äußere Vollzug dieses innerlich längst erfolgten Schrittes, der die Konversion bildet, kann ich mit ähnlich kindlich-gespannten Gefühlen beschreiben. Mir ist natürlich klar, dass mit der englischen Redewendung insbesondere auf die Zugehörigkeit zum Papsttum angespielt wird, die der Konvertit als Katholik eingeht, aber das war in erster Linie in der Form gar nicht in meinem Fokus: Der römische Papst als Patriarch des Westens, der den Vorsitz in der Liebe innehat, das war schon als Lutheraner meine Sichtweise, aber ich bin jetzt nicht zum „Papsttum“ übergetreten, sondern zur katholischen Kirche. Ich denke, die dienende Funktion des Papsttums, das die apostolische Einheit repräsentiert und sicherstellt, sollte auch heute wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden, statt einer triumphalistischen Sichtweise unbezwingbarer Überlegenheit, die sicherlich in manchen Bereichen der Kirche vorhanden ist. Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit steht uns Katholiken schlecht an.

Der Umgang mit der Realpräsenz, also der wirklichen Gegenwart Jesu Christi in den gewandelten Gestalten von Brot und Wein als Leib und Blut ist Ihnen als Ex-Lutheraner vertraut. Im Gegensatz zu den anderen protestantischen Denominationen beruft sich die lutherische Kirche auf eine prädikative Bedeutung der Einsetzungsworte. Dennoch gibt es im Umgang damit in der römisch-katholischen Kirche wesentliche Unterschiede. Können Sie uns das kurz erläutern und gab es da eine Gewöhnungsphase für Sie? 

Ein Hauptunterschied liegt vor allem darin, dass sich die lutherische Sakramentsfrömmigkeit in erster Linie auf die Messfeier selbst beschränkt und immer auf den leiblichen Empfang unter beiderlei Gestalt in der Kommunion zielt - übrigens wie auch in der Ostkirche, die ebenfalls keine eucharistische Anbetung außerhalb der Liturgie kennt - weniger auf die Anbetung der heiligen Gestalten selbst. Freilich blieb auch im Luthertum bis zur Aufklärungszeit hier und da der Tabernakel beziehungsweise das Sakramentshaus und mancherorts sogar die Aussetzung in der Monstranz in Gebrauch; insgesamt war aber das reformatorische Anliegen vielmehr die häufigere Kommunion der Gläubigen in Verbindung mit der Beichte, denn das war im 16. Jahrhundert gar nicht mehr so selbstverständlich und blieb es ja auch bei den Katholiken bis weit ins 20. Jahrhundert nicht. In der Praxis werden also die nach der Kommunion übriggebliebenen Elemente vom Zelebranten verzehrt, damit Leib und Blut des Herrn nicht verunehrt werden können. Und es ist richtig: Nach der lutherischen Lehre werden Brot und Wein auf dem Altar durch den dazu ordinierten Diener zum Leib und Blut Christi konsekriert und nicht subjektiv im Glauben des Einzelnen während des Empfangs, auch wenn viele landläufige Meinungen das Gegenteil als lutherische Position behaupten. Hier sind wir Katholiken und Lutheraner uns also so nah, dass für mich nie ein großer Spagat nötig war - und seit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist ja auch die altkirchliche Form der Gläubigenkommunion unter beiderlei Gestalt wieder in der katholischen Kirche möglich und ausdrücklich erwünscht. Was die eucharistische Anbetung betrifft, ist diese schon seit vielen Jahren ein zentraler Bestandteil meiner persönlichen Frömmigkeit: Stille werden vor Gott, Seine Gegenwart spüren, alles vor Ihn bringen, der sich uns in verhüllter Gestalt leiblich hingibt - das hat mich immer schon tief bewegt.

Persönlichkeiten wie Gertrud von le Fort und Adrienne von Speyr gaben als Gründe für ihren Übertritt zum römisch-katholischen Glauben unter anderem auch an, dass sie ihren Beitrag zur Einheit der Christenheit persönlich leisten wollten. Können Sie das nachvollziehen?

Genau diese brennende Sehnsucht nach der sichtbaren Einheit aller Christen in der Una Sancta war es, die auch mich schon immer bewegt und auf meinem Weg angetrieben hat und dies auch weiterhin tut. Als Getaufte gehören wir ausnahmslos alle zu dem einen Leib Christi, und allein diese Tatsache verpflichtet schon jeden Christen an seinem Standort zum leidenschaftlichen Kampf für die Einheit. Da ich als Konvertit zwar einen Standortwechsel nicht zuletzt aus ekklesiologischen Gründen vollzogen habe, hört meine Existenz „zwischen den Stühlen“ dennoch nicht auf: Gerade meine Bruderschaft, der ich nach wie vor angehöre, will bewusst in diesen Riss treten, um von hier aus ihren Beitrag zur Una Sancta leisten, im Selbstverständnis einer Ökumene der katholischen Fülle statt des „kleinsten gemeinsamen Nenners“ - das ist sicherlich für viele Zeitgenossen ganz anders als das, was landläufig sonst mit dem Ökumenebegriff verbunden wird und, zugegeben, ein wirkliches Spannungsfeld. Gleichzeitig bleibe ich auch dem konfessionellen Luthertum, das sich in seinem Selbstverständnis der Bekenntnisschriften in Kontinuität der ungeteilten Kirche sieht, innerlich verbunden. Dort lernte ich in jungen Jahren beispielsweise den ehrfürchtigen Umgang mit dem Altarsakrament sowie die kniende Mundkommunion kennen, was ich als Protestant zuvor nie gesehen hatte. Als Kirchenmusiker durfte ich erleben, wie etwa die erhebenden Kompositionen Buxtehudes oder Bachs in ihrer liturgischen Bestimmung zur Messliturgie erklangen, der reiche Schatz des Kirchenliedes - ich darf dankbar sein für so vieles. Es ist die Geschichte, die zu mir gehört, in der ich Gottes Weggeleit und Seine sanfte Führung erkennen durfte. Gerade wir Konvertiten, die wir die schmerzhaften Trennungen der Christenheit gleichsam als Narben am eigenen Leib tragen, haben eine besonders hohe Berufung, in Liebe für die Einheit Zeugnis zu geben.