Würzburg

Das Lebenswerk von Jörg Splett

Das Gebot der Stunde: Das Lebenswerk des Religionsphilosophen Jörg Splett als Aufgabe für die Kirche in Zeiten synodaler Debatten.

Jörg Splett
Jörg Splett, Religionsphilosoph. Foto: KNA

Als Jörg Splett 1971 an der Frankfurter Jesuitenhochschule St. Georgen den ordentlichen Lehrstuhl für Religionsphilosophie erhielt, waren die Studenten von der kritischen Theorie, von Adorno, Horkheimer und Marcuse geprägt. Auf die marxistische Jugendbewegung, die das absolute Nein gegenüber dem Gegebenen vertrat, antwortete Splett mit einer Philosophie aus dem Geist des Ja. Er stellte sich den Entlarvungsstrategien des aufgeklärten Denkens mit der Offenlegung ihrer unausgesprochenen Denkvoraussetzungen.

Glaube als Credo-Glaube

Kann das Denken von Jörg Splett heute Antworten geben? Sloterdijk nennt die Gegenwart eine „theoriemüde Zeit“, eine Zeit, die keinen Standpunkt mehr kennt, in der alle Weltsichten zerbrochen sind, sich jede Moral aufgelöst hat, alles irgendwie egal geworden ist. Geblieben sei von der kritischen Theorie lediglich der Betroffenheitsgestus, Kritik sei nur noch möglich, „sofern der Schmerz uns sagt, was ,wahr und falsch‘ ist“.

So wichtig demgegenüber eine innerkirchliche gegenseitige Bestärkung im Glauben ist, so kann doch die Antwort nicht Rückzug in die reine Innerlichkeit und das Wohlfühlen im religiösen Event sein. Hier setzt Spletts christliche Philosophie an, die der Glaubensbotschaft und ihrer theologischen Reflexion dienen will. Philosophie, verstanden als methodisches Nachdenken über Grundfragen mittels der natürlichen Vernunft, und Theologie sind für Splett keine Gegensätze. Gott, der den Menschen in der Schöpfung durch Anruf als Person erschafft und sich in der Erlösung durch Jesus Christus zum Partner des Menschen macht, wird als Liebe verstanden und damit als Person-Gegenüber und damit als dreifaltiges Mit-Sein.

Zentrale Bedeutung hat bei Splett der Glaubensbegriff: So wenig wie die Anerkennung des Anderen als Hypothese oder Theorie verstanden werden darf, so wenig ist auch der Glaube ein bloßes Vermuten oder Für-Wahrscheinlich-halten. Jeweils geht es um Kommunikation zwischen Personen. Zugleich ist der Glaube mehr als subjektiver Vertrauensglaube, sondern Credo-Glaube, der sich in Bekenntnissätzen aussagt.

„Was der Glaube der Kirche umfasst und was die Kirche lehrt (doctrina), hat seinen konkreten Ausdruck im Glaubensbekenntnis. Das ist darum wichtig, weil es auf das konkrete Wort Gottes eine konkrete Antwort geben muss, nicht aber ein bloßes zustimmendes Nicken oder Schulterzucken. Das Glaubensbekenntnis ist Symbolum, eine Erkennungsformel der Glaubenden. Erkennung hat dabei zwei Dimensionen: Glaubende erkennen und identifizieren sich als Glaubende, indem sie den Inhalt ihres Glaubens identifizieren: das Christusereignis.“
Jörg Splett „Christliche Theologie aus philosophischer Sicht“, Pneuma-Verlag

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Splett im vergangenen Jahr eine Einführung in die Theologie unter dem Titel „Christliche Theologie aus philosophischer Sicht“ veröffentlichte, die sowohl die Themenbereiche der Fundamentaltheologie wie der Dogmatik umfasst. Wie Franziskus von Heereman, Vorsitzender der 2018 gegründeten „Jörg Splett Gesellschaft für christliches Denken“, gegenüber dieser Zeitung äußert, war das Jahr 2019 von einem rapiden Nachlassen der Kräfte des 83-Jährigen gekennzeichnet.

Im Mai habe Splett sowohl Lehre wie Schreiben eingestellt. Für die „christliche Theologie“ sei ihm das Korrigieren der Fahnen schon nicht mehr möglich gewesen. Es brauche noch eingehende Forschung, ob hier wirklich eine Summe vorliege oder nicht eher ein Versuch, erstmals eine eigene dogmatische Schrift vorzulegen, dem sich manches Erhellendes entnehmen lasse, der aber als Ganzer hinter dem spekulativen Niveau von Spletts Gesamtwerk zurückbleibe, so von Heereman.

Jenes spekulative Niveau habe Spletts kurz zuvor erschienene Buch „Mensch-Sein“ noch fraglos durchherrscht. Schon auf der Tagung der „Jörg Splett Gesellschaft für christliches Denken“ in München habe sich kürzlich angekündigt, dass die Meinungen hier stark voneinander abweichen.

Aus dogmatischer Sicht verdient das im Münchner Pneuma-Verlag erschienene Buch „Christliche Theologie aus philosophischer Sicht“ allerdings Beachtung wegen seiner klaren und eindeutigen Sprache. Beispiel: „Was der Glaube der Kirche umfasst und was die Kirche lehrt (doctrina), hat seinen konkreten Ausdruck im Glaubensbekenntnis. Das ist darum wichtig, weil es auf das konkrete Wort Gottes eine konkrete Antwort geben muss, nicht aber ein bloßes zustimmendes Nicken oder Schulterzucken. Das Glaubensbekenntnis ist Symbolum, eine Erkennungsformel der Glaubenden. Erkennung hat dabei zwei Dimensionen: Glaubende erkennen und identifizieren sich als Glaubende, indem sie den Inhalt ihres Glaubens identifizieren: das Christusereignis.“

Kirche gegen Vorwurf der Leibfeindlichkeit verteidigt

Dem heute meist vermiedenen Begriff Depositum fidei (Glaubensgut) gibt Splett in einer Begriffserklärung seinen ursprünglichen unverzichtbaren Sinn zurück: „Das Wort depositum meint zunächst juridisch die treuhänderisch anvertraute Sache, die der Treuhänder allerdings weder zur freien Verfügung über sie, noch als Eigentümer erhält. Der Herr des hier anvertrauten Glaubens ist der in Jesus Christus offenbare Gott selbst.“

Ausgangspunkt für den Gotteserweis ist bei Splett, der 1970 über „Die Rede vom Heiligen“ habilitierte, die Erfahrung, im Gewissen von einem unbedingten Anspruch getroffen zu sein: „Das Gute soll unbedingt sein. Das Böse auf gar keinen Fall.“ Die Unbedingtheit dieses Anspruchs wird als Anruf erfahren, dem als Antwort Verehrung gebührt. Splett bestimmt Gott daher als „das Woher des so einsichtigen wie kategorisch-unbedingten Gut-Sein-Sollens.“ Über diese Grunderfahrung, vom Licht des Unbedingten getroffen zu werden und sich seinem Anspruch zu stellen und nicht davor zu fliehen, wird das philosophische Fragen zum Antwort-Geben und zum Zeugnis.

Hinsichtlich Sexualität hat Splett die Kirche gegen den Vorwurf der Leibfeindlichkeit verteidigt und darauf hingewiesen, dass weder Eros noch Sexualität für sich genommen „über den Horizont von Begehren und Faszination hinaus“ so etwas wie personale Treue kennen. Umso mehr verwunderte Spletts Unterstützung für den Frankfurter „Offenen Brief“ (Februar 2019), da dort diesbezüglich Änderungen der kirchlichen Sexuallehre im Kontext der Aufarbeitung der Missbrauchskrise eingefordert worden sind.

Jörg Splett sieht Reformbedarf in der Kirche

Splett hat auf Nachfrage nie einen Hehl daraus gemacht, dass er bei manchen Punkten der derzeitigen kirchlichen Diskussionen dringenden Reformbedarf sieht. Andererseits unterstreicht von Heereman, dass Splett innerkirchliche Grabenkämpfe ein Gräuel gewesen seien, weil es ihm den Blick auf die beiden Urgeheimnisse des Christentums – Trinität und Inkarnation – zu verstellen schien – ganz abgesehen vom Schwund der Zeugniskraft einer Kirche, die sich im Gegeneinander aufreibt.

Wörtlich erklärt von Heereman: „Deshalb hat er sich sein Leben lang aus der Kirchenpolitik herausgehalten. Bleibt also die Frage, warum er die Erklärung unterschrieben hat und damit erstmals kirchenpolitisch Stellung genommen hat. Ich glaube, zwei Aspekte sind wichtig. Der eine ist, dass er gegen Ende seines Schaffens irgendwo zu Protokoll geben wollte, dass er trotz – oder vielleicht gerade aufgrund – seiner unbestrittenen, und von manch einem beargwöhnten, Kirchlichkeit echten Reformbedarf sieht. Der zweite ist der, dass er, gut dokumentiert bei einer Diskussion im Schülerkreis, im Nachhinein die enge Verbindung dieser Punkte mit der Missbrauchskrise für unglücklich hielt und bedauert hat.

Absolute Unerkennbarkeit der Wahrheit widerlegt

An der Letztzuständigkeit des Lehramtes für Fragen des Glaubens hat er nie Zweifel angemeldet, allerdings hat er in den letzten Jahren deutlicher als zuvor vertreten, dass diese die theologische, auch kontroverse Auseinandersetzung nicht verbietet, sondern voraussetzt.“

Auf der Münchner Tagung stellte von Heereman die Frage nach der Erkennbarkeit der Wahrheit in den Mittelpunkt. Er widerlegte mit Spletts Lehre von der Personerkenntnis die Behauptung einer absoluten Unerkennbarkeit der Wahrheit. Der andere sei uns als aufgegeben: Sei der Hüter deines Bruders. Dass der Splett-Schüler der ersten Stunde, Josef Schmidt SJ, die Wurzeln der interpersonalen Erkenntnislehre von Splett bis zu Fichte und Hegel zurückverfolgt, zeigt darüber hinaus, dass der heutigen Ideologie der radikalen Standpunktlosigkeit sehr wohl von Seiten der christlichen Philosophie begegnet werden kann. Der Anspruch, der uns trifft, verlangt die „Umgestaltung meiner selbst und meiner Welt, unsere Angleichung an unser wahres Wesen. Und das nicht irgendwie abstrakt allgemein, sondern praktisch konkret, nach dem ,Gebot der Stunde‘, in Antwort auf den jetzt gehörten Ruf.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .