Würzburg

Das Kirchenrecht verstehen

Unter Papst Franziskus erlebt das Kirchenrecht einen Aufschwung. Dazu bedarf es auch begleitender Fachliteratur, die es verständlich aufschließen. Ein neues Studienbuch tut genau das.

Codex Iuris Canonici
Die vielen gesetzlichen Änderungen durch Papst Franziskus zeigen, wie wichtig eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Kirchenrecht ist. Foto: KNA

Das Kirchenrecht hat gegenwärtig Hochkonjunktur. Wer etwa meint, in der Amtszeit von Papst Franziskus müsse in der Kirche das Recht hinter die Barmherzigkeit zurücktreten, täuscht sich sehr. Zum einen sind Recht und Barmherzigkeit für die Kirche zu keiner Zeit ein sich wechselseitig ausschließendes Gegensatzpaar gewesen, sondern verhielten sich stets zueinander wie zwei Seiten derselben Medaille, gehören also zusammen. Zum anderen begegnet uns in Papst Franziskus selbst ein eifrig tätiger Gesetzgeber.

Während die beiden Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in drei Jahrzehnten nur zweimal Änderungen des 1983 in Kraft getretenen Codex Iuris Canonici verfügt haben (1998, 2009), hat Papst Franziskus bereits viermal, nämlich in den Jahren 2015, 2016, 2017 und 2019, Bestimmungen des Codex geändert. Darüber hinaus hat der amtierende Papst viele weitere gesetzliche Anordnungen getroffen und neue Regelungen erlassen. Auch der Blick in die Geschichte der Kirche zeigt, dass gerade in Phasen der Erneuerung dem kirchlichen Recht stets besondere Bedeutung zugekommen ist.

Bewährte Lehrer des kanonischen Rechts

Das Kirchenrecht hat also Konjunktur. Gerade deshalb bedarf es einer seriösen Begleitung durch Fachpublikationen, die das Recht der Kirche kritisch erschließen und verständlich machen. Zu dieser Gattung zählt das vorliegende Studienbuch zum katholischen Kirchenrecht, das Ludger Müller und Christoph Ohly gemeinsam verfasst haben. Die beiden Autoren sind erfahrene Lehrer des kanonischen Rechts. Ludger Müller (*1952) hat von 2000 bis zum Eintritt in den Ruhestand 2017 als Professor an der Universität Wien gewirkt. Christoph Ohly (*1966) lehrt seit 2010 als Professor an der Theologischen Fakultät Trier und ist als Gastprofessor auch an der Universität San Dámaso in Madrid tätig. Die Zusammenarbeit dieser beiden Experten hat sich bereits bei der Herausgabe des vierten Bandes des Lehrbuchs zum kanonischen Recht (2013) von Aymans-Mörsdorf bewährt.

Das vorliegende Werk ist ein Studienbuch, das heißt, es hat vor allem die Bedürfnisse von Studenten im Blick, die sich im Rahmen ihres theologischen Studiums mit der behandelten Materie auseinandersetzen müssen. Darüber hinaus eignet es sich auch für alle anderen Interessierten, die einen guten Zugang zum katholischen Kirchenrecht im Allgemeinen und den wichtigsten Regelungsgebieten des kanonischen Rechts suchen.

Bei der Auswahl der behandelten Themen orientieren sich die Autoren an den Curricula des Kirchenrechts, wie sie für das Fachstudium der katholischen Theologie an den wissenschaftlichen Hochschulen im deutschen Sprachgebiet gelten. Der Stoff ist in drei große Teile gegliedert: Grundfragen des Kirchenrechts, Wesensvollzüge der Kirche, innere und äußere Verfasstheit der Kirche.

Konzentrierte Einführung für interessierte Leser

Im ersten Teil kommen die Grundlegung und die Quellen des Kirchenrechts sowie wichtige Teilbereiche aus den allgemeinen Normen des Codex Iuris Canonici (CIC) zur Darstellung. Der zweite Teil behandelt das Verkündigungs- und das Sakramentenrecht. Im dritten Teil geht es um die Verfassung der Kirche, vom Papst bis zur Pfarrei, sowie um Fragen des rechtlichen Staat-Kirche-Verhältnisses.

Die beiden Autoren haben sich die Arbeit gleichmäßig aufgeteilt. Ludger Müller verantwortet den ersten Teil und die Ausführungen zum Recht der Sakramente, während Christoph Ohly den Abschnitt zum Verkündigungsrecht und den gesamten dritten Teil verfasst hat. Das kirchliche Vermögensrecht sowie das Straf- und Prozessrecht sind nicht Gegenstand des Werks und werden allenfalls am Rande berührt.

Auf begrenztem Raum bietet der vorliegende Band eine konzentrierte und didaktisch gut angelegte Einführung in das katholische Kirchenrecht. Die Darstellung verliert sich nicht in Detailproblemen oder Spezialfragen. Die sparsam gesetzten Hinweise auf die einschlägigen Abschnitte kirchenrechtlicher Standardwerke und auf weiterführende Literatur überfordern einen Leser nicht, der das Buch begleitend zu einer Vorlesung oder zum Selbststudium nützt; sie eröffnen ihm aber den Zugang zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Gegenstand.

Alles in allem hat man es mit einem fachlich sehr kundigen und übersichtlich angelegten Studienbuch zu tun. Wer – gerade in kirchlich bewegten Zeiten – klare Auskunft zum katholischen Kirchenrecht sucht, kann sie hier finden.

Ludger Müller/Christoph Ohly: Katholisches Kirchenrecht. Ein Studienbuch.
Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2018, 334 Seiten, ISBN 978-3-8252-4307-4, EUR 29,99