Caravelí/Würzburg

"Da kann man nur Feuerwehr machen"

Sexualmoral und Zölibat als Themen der Amazonassynode? Das geht an der Realität der Kirche vor Ort völlig vorbei, sagt Bischof Reinhold Nann. Die Probleme im Urwald sind ganz andere.

Waldbrände am Amazonas
Das Löschflugzeug, das im brasilianischen Amazonasgebiet den Bränden beizukommen sucht, erinnert Ortskundige auch an die Härten der ordentlichen Seelsorge in der Region. Foto: dpa

Wird die Amazonas-Synode im Oktober zur Zäsur für die katholische Weltkirche? Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck erwartet jedenfalls, dass die hierarchische Struktur der Kirche genauso auf den Prüfstand gestellt wird wie ihre Sexualmoral und das Priesterbild. Auch die Rolle der Frau in der Kirche müsse überdacht werden. Doch wie denken die Gläubigen in der krisengeplagten Region selbst darüber? Bischof Reinhold Nann, der im peruanischen Amazonasgebiet als Seelsorger wirkte und seit zwei Jahren Prälat der Territorialprälatur Caravelí ist, winkt gegenüber dieser Zeitung ab. Natürlich seien diese Fragen „irgendwie mit drin in der Amazonassynode, aber sie treffen nicht den Kern“.

Eine Pfarrei erstreckt sich über 800 Kilometer

Der 59-Jährige, der als Fidei-donum-Priester nach Peru ging, kennt die Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Zu seiner einstigen Pfarrei gehörten 37 Dörfer am Putumayofluss. Sie verteilten sich auf ein Gebiet von 800 Kilometer Länge. In nur drei Dörfern gab es überhaupt Katecheten. Das weiteste Dorf war vier Tagesreisen entfernt. „Da kann man nur Feuerwehr machen“, erinnert er sich. Derzeit arbeitet er in den Anden. Keine dreihundert Kilometer von seinem Bischofssitz entfernt entspringt der Amazonas. Die Kultur der Andenbewohner und jene der Amazonasbewohner sind einander in vielem ähnlich. In beiden Regionen fallen die Armut der Bevölkerung, ihre tiefe Naturverbundenheit und ein eklatanter Priestermangel auf.

Das geht an der Seelsorge nicht spurlos vorüber. Bisher, stellt der aus dem Erzbistum Freiburg stammende Geistliche fest, sei die Kirche am Amazonas bisher schlicht unfähig gewesen, ihre hierarchische Struktur präsent zu machen – ganz zu schweigen von ihrer Sexualmoral. „Die Leute leben ihre Moral, nicht die kirchliche, was vor allem mit der ganz großen Abwesenheit der Kirche in ihrem Leben zu tun hat. Aber das ist kein großes Thema bei uns. Hier geht es vor allem um die Umwelt und die Inkulturation.“

Die Rolle der Frau sei allerdings auch in Perú ein Thema, räumt der Schönstatt-Priester ein. Es werde über ein neues Amt für Frauen nachgedacht, eine Art „Gynakolytat“, das dem Diakonat gleichgestellt wäre. Dieser Vorschlag kam im Juli 2018 beim fünften gesamt-amerikanischen Jahrestreffen der Päpstlichen Missionswerke im bolivianischen Santa Cruz de la Sierra zum ersten Mal ins Spiel. 2.500 Missionare aus 25 Ländern, darunter die lateinamerikanischen Staaten, USA und Kanada, trafen sich bei der alle vier Jahre in einem Land Amerikas stattfindenden Begegnung.

Es braucht dringend Seelsorger

Angesichts der unterschiedlichen Herkunft der Teilnehmer lässt sich kaum verlässlich sagen, inwieweit dieser Gedanke tatsächlich von der indigenen Bevölkerung Amazoniens mitgetragen wird. Bischof Nann selbst hat einen jungen Klerus, „der aber bei weitem nicht ausreicht. Meine Prälatur ist dünn besiedelt mit überwiegend armen Kleinbauern. Von 22 Pfarreien sind nur fünfzehn besetzt. Jeder Pfarrer hat zwischen zehn und fünfzig Dörfern zu betreuen. Wenn ich mehr Priester hätte, könnten sie von den mageren Einnahmen dieser Dörfer kaum leben. Ich bräuchte also nebenamtliche Priester, die noch einen Zivilberuf haben oder ,Viri probati‘. Die gibt es aber nur verheiratet.“

Reinhold Nann
Bischof Reinhold Nann ist seit zwei Jahren Prälat der Territorialprälatur Caravelí. Foto: KNA

Doch Männer in sakramentaler Ehe sind eine seltene Spezies in einer Region, in der ein Großteil der Laien unverheiratet zusammenlebt. Wie die Kirche unter diesen Bedingungen vor Ort präsenter werden kann, ist die eigentliche Crux. Es könne nicht sein, dass ein Dorfbewohner tagelang unterwegs sein müsse, um einen pastoralen Mitarbeiter der katholischen Kirche zu treffen. Wörtlich stellt Bischof Nann fest: „Die Kirche darf sich nicht nur über die Sakramente definieren. Armut, Exklusion und Umwelt sind die Themen.“

Mit Nachdruck räumt er mit der Vorstellung auf, die katholischen Gläubigen in der Amazonasregion quäle bitterer eucharistischer Hunger. Nüchtern beschreibt er die Folgen des Glaubensmangels: „Im Amazonas ist Eucharistie im Unterschied zum Andengebiet nicht wirklich von den Bewohnern gefragt. Ein Wortgottesdienst ist für die meisten genauso wie eine Messe. Nur wir Theologen meinen, die Eucharistie wäre das Wichtigste.“ Daher könnten gut ausgebildete Katecheten sehr gut den Priester ersetzen. Seiner Auffassung nach sollten diese Katecheten auch „eine Art Amt“ haben, das ihren Dienst in den Augen der Mitbewohner legitimiere.

Die Menschen brauchen Katechese

Aufgrund seiner seelsorglichen Erfahrung kennt er die Nöte des Klerus. Rückblickend beantwortet er die Frage, was ihm während seiner Zeit als Pfarrer einer Amazonasgemeinde am dringendsten gefehlt habe mit bemerkenswerter Klarheit: „Ich hätte zunächst Geld und Personal gebraucht für die Schulung und Neugewinnung von Katecheten. Später hätte ich sie zu Kommunionhelfern und Ständigen Diakonen gemacht. In meiner Pfarrei waren die ,Viri probati‘ noch nicht dran. Es hätten Leute aus dem Dorf sein müssen, Indigene. Man hätte sie erst auf ihren Dienst vorbereiten müssen.“

Ohne Katecheten wäre die ordentliche Seelsorge in der Region kaum vorstellbar. Mit den Katecheten, die Bischof Nann und seine Priester ausbilden und begleiten, gibt es kaum Spannungen. Aus den Familien der Katecheten gehen zudem viele Priester- und Ordensberufe hervor. Der Bischof selbst spürt bei diesen Laien keine Resignation, eher die Freude, der Dorfgemeinde als Diener des Wortes einen wichtigen Dienst erweisen zu dürfen.

Mit Blick auf Europa empfiehlt Nann mehr Nüchternheit. „In Europa gibt es viele überzogene Erwartungen und Befürchtungen.“ Doch die Amazonassynode sei kein allgemeines Konzil. Sie werde die Kirche nur besser für die Rahmenbedingungen des Amazonasgebiets aufstellen. Europa müsste für seine Kirchenreform schon eine eigene europäische Synode machen, denn die Amazonas-Synode sei und bleibe eine lokale Synode. Allerdings mit einer Ausnahme. „Was das Klima und den Umweltschutz betrifft, wird sie allerdings universale Bedeutung haben“, zeigt er sich überzeugt. „Für mich als Bischof in Peru ist die Synode eine große Hoffnung: Die Kirche wird wirklich zur Ortskirche und kümmert sich ganz konkret und direkt um die Menschen und um die Umwelt mit all ihren Problemen – und das mit direktem Rückenwind von Papst Franziskus.“