Pamplona

Corona: Erstarrter Glaubensalltag in Spanien

Gespenstische Bilder, geisterhafte Ruhe: Spanien ist im Alarmzustand, das alltägliche Leben erstarrt. Katholiken bleibt nur die Flucht in virtuelle Glaubenswelten. Ein Lagebericht.

Kathedrale von Pamplona
Keine Seele ist da, obwohl die Kathedrale von Pamplona derzeit weiter öffnet. Foto: Drouve

Allabendlich Glockenschlag acht Uhr öffnen viele Bürger ihre Fenster, treten hinaus auf Balkone. Sie applaudieren, pfeifen, hupen, klacken mit Kastagnetten, trommeln mit Holzlöffeln auf Kochtopfböden. Überall im Land bekunden Menschen auf diese Art ihren Dank für das Arzt- und Pflegepersonal, das in Spanien im Kampf gegen die Corona-Pandemie ganze Arbeit leistet. In der am Jakobsweg gelegenen Altstadt von Pamplona verhallen die Töne minutenlang in den Gassen. Dann kehrt die Ruhe zurück. Eine geisterhafte Ruhe. Ein Mann führt seinen Hund aus. Die Müllsauganlagen vibrieren. Sonst regt sich nichts mehr in der Dunkelheit. Das Leben, eine Schockstarre.

Messen auf Youtube-Kanälen, im Fernsehen und Radio

Seit vergangenen Sonntag herrscht in Spanien Alarmzustand und damit eingeschränkte Bewegungsfreiheit, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Schulen und Universitäten haben bis auf weiteres den Betrieb eingestellt. Sämtliche Kultureinrichtungen, Restaurants und Cafés sind auf behördliche Anordnung geschlossen. Das bringt viele Geschäftsleute, Selbstständige an den Rand des Ruins. Ob Vater Staat Fall hilft, ist ungewiss. Verlassen darf das Haus nur, wer das Notwendigste einkaufen, zum Arzt, zur Arbeit oder Apotheke muss. Wer sich in den Vorgaben der Ausgangssperre widersetzt, zum Vergnügen spazieren geht oder Sport treibt, riskiert harsche Strafen von 100 Euro bis hin zur Inhaftierung. Ob das in angemessenem Verhältnis steht, sei dahingestellt. Laut Zeitungsberichten sind bereits einige Spanier mit Geldbußen belegt worden.

Und wie steht es um Glaubenspraxis und Gotteshäuser? Es gibt zwar Kirchen und Kathedralen, die weiterhin öffnen, damit man für ein Gebet kurz hineinhuschen kann. Stichproben zeigen aber, dass kaum eine Seele das Angebot wahrnimmt. Die Stimmung drinnen ist so gespenstisch wie draußen. Bänke und Kapellen sind verwaist, die Weihwasserbecken leer. Alles Weitere ist ebenfalls anders als sonst. Hochzeiten und Taufen werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Messen finden hinter verschlossenen Toren ohne Teilnehmer statt. Ein Segen für viele ist im Gegenzug das Internet mit virtuellen Glaubenswelten. Pfarreien sind dazu übergegangen, Messfeiern auf Youtube-Kanälen zu übertragen. Eine traditionellere Empfehlung hat Kardinal Juan José Omella gegeben, der Vorsitzende der Spanischen Bischofskonferenz: Gottesdienste live im Fernsehen zu verfolgen. Dazu findet sich auf der Webseite der Bischofskonferenz eine eigens aufgestellte Liste mit Kanälen und Zeiten, ergänzt durch einen Überblick von Radiosendern. So überträgt „Radio María“ täglich um zehn Uhr eine Messe, „Cope“ sonntags um neun Uhr.

Gebete und virtuelle Kerzen als Grüße

Jetzt, da der persönliche Trost und Zuspruch in Krisenzeiten umso nötiger täte, dürfte es nicht jedem leichtfallen, sich mit Alternativen abzufinden. Die Option eines TV-Gottesdienstes hat Cory Iriarte mit ihren Eltern bereits am Sonntag gezogen, da alle Kirchen in ihrem Stadtteil geschlossen waren. „Wir haben uns zu dritt aufs Sofa gesetzt und eingeschaltet“, so die 56jährige Arbeiterin aus Pamplona. Etwas Besonderes haben sie zu diesem Anlass nicht aufgestellt oder aufgehängt – einfach deshalb, weil ihr Haus ohnehin davon voll ist. Kreuze, kleine Bronze- und Holzskulpturen. Maria, die heilige Familie und Apostel Jakobus, dessen Grab Cory in Santiago de Compostela so oft bei ihren Jakobspilgerschaften besucht hat. Abends ist für Cory und ihre betagte Eltern der Gang auf den Balkon ein Pflichttermin, um in die Finsternis hinein zu applaudieren. Dieses Gefühl, isoliert zuhause zu sein und „plötzlich zu spüren, dass alle andern auch da draußen sind“ und Ähnliches erleben, findet sie „einfach großartig“. Und noch etwas Neues ist ihr im Leben unter weitgehender Quarantäne aufgefallen: ein Plus an Kommunikation mit Tiefgang. Übers Handy schicken ihr befreundete Gläubige mehr und mehr virtuelle Grüße: brennende Kerzen, Impulse, Gebete. „Die Menschen haben einfach noch mehr Lust, zu kommunizieren“, sagt sie. Besonders originell fand sie ein kurzes Lehrvideo, das sich an Kinder, aber eigentlich an alle richtete: Gründliches Händewaschen sollte so lang sein wie das Vaterunser zu beten.

Die Krise mit Gottvertrauen meistern

Niemand kann absehen, ob, wie und wann sich die Lage weiter verschärft. Vorbeugung, Angst, Panik, Hysterie – all das verläuft fließend ineinander. Derzeit greift der Alarmzustand in Spanien bis Ende März. Exemplarische Blicke in Supermarktregale belegen, dass gehamstert bzw. nicht mehr nachgeliefert worden ist. Klopapier und Nudeln sind mancherorts ausverkauft, Chips und Bier knapp. Die Einschnitte ins Alltagsleben sind enorm und für Südländer vielleicht noch schwerer verkraftbar als für Mitteleuropäer. Denn in normalen Zeiten begreift man Cafés und öffentliche Plätze als verlängerte Wohnzimmer. Nun ist man gezwungen, die Zeit im echten Wohnzimmer zu verbringen, rumzukriegen. Irgendwie. All dies werden Gläubige mit Gottvertrauen meistern – und, wenn es sein muss, auch über das Monatsende hinaus.