Bischöfe wollen Missbrauchsopfern Schmerzensgeld zahlen

Die deutschen Bischöfe wollen Missbrauchsopfer künftig finanziell entschädigen. Die vorgeschlagenen Summen gehen in die hunderten Millionen Euro.

Stephan Ackermann: Für Unrecht Verantwortung übernehmen
Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und für Fragen des Kinder- und Jugendschutzes, während einer Pressekonferenz zur Entschädigung von kirchlichen Missbrauchsopfern am 25. September 20... Foto: KNA

Missbrauchsopfer in Deutschland können künftig mit beträchtlichen finanziellen Entschädigungen durch die Kirche rechnen. Bis zu 400 000 Euro könnten Betroffene künftig von Bistümern und Orden erhalten. Dies geht aus einem Arbeitspapier hervor, das eine unabhängige Arbeitsgruppe im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) erarbeitet hatte. An die Stelle der bisherigen Anerkennungsleistungen soll damit ein System von Schmerzensgeldzahlungen treten.

Bischöfe wollen Selbstverpflichtung nachkommen

„Es geht durch die Verantwortungsübernahme für geschehenes Unrecht“, erklärte der DBK-Beauftragte für Missbrauchsfragen, Triers Bischof Stephan Ackermann, am Mittwoch in Fulda. Die Bischöfe wollen damit einer Selbstverpflichtung nachkommen, welche sie im zurückliegenden Jahr nach der Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie über sexuellen Missbrauch im Bereich der Kirche ausgesprochen hatten.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach Veröffentlichung der Studie kam nun das Papier in die Beratungen der deutschen Bischöfe. Geschrieben hatte es eine vierköpfige Expertengruppe. Dieser gehörten der Bayreuther Jurist Stephan Rixen, die Mediatorin und Rechtsanwältin Bettina Janssen, die frühere nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötte sowie als Betroffenenvertreter Matthias Katsch an. Nach stundenlangen Beratungen am Vortag hätten die „Bischöfe den Auftrag gegeben, auf der Basis dieses Vorschlags, die Weiterentwicklung unseres Systems zu bearbeiten“, erklärte Ackermann nun. Weiter konkrete Ergebnisse waren bis zum Redaktionsschluss dieser Zeitung nicht bekannt.

"Sehr offen, sehr ernsthaft im Ringen um eine Lösung"

Matthias Katsch, Gründer und Sprecher der Betroffenenvereinigung "Eckiger Tisch", erklärte am Mittwoch, er habe das Gespräch mit den Bischöfen als „sehr offen, sehr ernsthaft im Ringen um eine Lösung“ empfunden. Es sei für ihn als Betroffenen eine sehr besondere, aber auch keine einfache Situation, in dieser Sache vor den Bischöfen zu stehen. Den Geschädigten gehe es in erster Linie darum, dass die Kirche als Institution Verantwortung übernehme und die Betroffenen für die Folgen aus den Missbrauchstaten entschädige.

Als Empfänger der finanziellen Entschädigung werden im Arbeitspapier neben den unmittelbar vom Missbrauch betroffenen "auch Angehörige bzw. Hinterbliebene" genannt, die "die Folgen des sexuellen Missbrauchs in unmittelbarer Nähe des Opfers miterlebt und im Alltag geteilt haben".

Die von den Experten vorgeschlagenen Summen gehen dabei deutlich über die bisher gezahlten Summen im Rahmen des "Verfahrens zu Leistungen in Anerkennung zugefügten Leids" hinaus. Laut Angaben der DBK wurden bis Anfang des Jahre an 1.900 Personen solche Leistungen gezahlt. Dabei war ein Betrag von 5 000 Euro die Regel.

"Grund-Schmerzensgeld" von 10 000 Euro für jeden Betroffenen

Nach dem Entwurf der Expertengruppe könnte künftig ein "Grund-Schmerzensgeld" von 10 000 Euro an jeden Betroffenen gezahlt werden. Damit seien bereits "minder schwere Fälle wie Grenzverletzungen und sexuelle Belästigungen" erfasst. Für die darüber hinaus gehenden Leistungen hat die Arbeitsgruppe den Bischöfen nun zwei Lösungen vorgelegt.

Die Betroffenenverbände selbst präferierten dabei die Variante einer pauschalen Enschädigungssumme. Dazu schlagen sie 300.000 Euro als Betrag vor. Ein solches Vorgehen wäre laut Katsch "schonender und fairer", da es eine erneute Untersuchung und Gewichung der einzelnen Fälle nicht nötig machen würde. Zudem wäre es deutlich schneller abzuwickeln. Auch könnte dann gegebenenfalls auf eine gesonderte Erstattung der Therapiekosten verzichtet werden, heißt es im Papier. Der zweite Vorschlag sieht gestufte Entschädigungsbeträge zwischen 40 000 und 400 000 Euro vor. "Sie gestattet eine Betrachtung des Einzelfalls, und kann verhindern (...), dass bei den Betroffenen der Eindruck entsteht, die ihnen zugesprochene Entschädigungssumme sei dem erlittenen Unrecht nicht adäquat", heißt es dazu im Papier. Alle Zahlen orientieren sich laut den Experten an den Summen, die etwa als Schmerzensgeld für persönliche Ehrverletzungen oder im Rahmen von Entschädigungen für Opfer staatlicher Gewalt gezahlt werden.

"Wir wollen [...] eine Anerkennung haben,
die Betroffene wirklich als angemessen und als
Genugtuung empfinden, das muss [...]
aber auch leistbar sein für Bistümer und Orden"
Bischof Stephan Ackermann

Wie Ackermann erklärte, gebe es innerhalb der Bischofskonferenz bislang keine Präferenz für die eine oder die andere Lösung. Zudem gehe es in den weiteren Beratungen "auch um die Höhe, das muss man ganz ehrlich sagen". „Wir wollen auf der einen Seite eine Anerkennung haben, die Betroffene wirklich als angemessen und als Genugtuung empfinden, das muss auf der anderen Seite aber auch leistbar sein für Bistümer und Orden."

Würden allein die bislang im Rahmen der Anerkennungsleistungen erfassten Personen nun ein solches Schmerzensgeld erhalten, ging die vorgeschlagenen Zahlungen insgesamt in die mehreren Hundert Millionen Euro. Um diese Summen überhaupt koordinieren und leisten zu können, schlägt die Arbeitsgruppe daher einen bundesweiten Entschädigungsfonds vor. Darin sollen neben den Bistümern auch Ordensgemeinschaften entsprechend ihrer finanziellen Möglichkeiten solidarisch einzahlen. Der Fonds soll zudem selbst und unabhängig von der Kirche über die Anträge auf Entschädigung bescheiden. Dazu sollen entsprechende Kommissionen eingerichtet werden, denen neben Vertretern der Betroffenenverbände auch Vertreter der Kirche angehören sollten. Die Antragsprüfung würde nach dem Vorcschlag der Experten "in aller Regel ohne persönliche Anhörung" erfolgen. Zudem solle die Entscheidung auf einer reinen Plausibilitätsprüfung basieren, das heißt, ein faktischer Nachweis der Missbrauchstat wäre nicht zwingend erforderlich. Das Arbeitspapier dazu: "Insgesamt muss der Grundsatz 'im Zweifel für den Betroffenen bzw. die Betroffene' gelten."

Richtungsentscheidung von Seiten der Bischöfe nötig

Von Seiten der Bischöfe sei nun zunächst eine Richtungsentscheidung nötig, welches der vorgeschlagenen Entschädigungsmodelle weiter verfolgt werden soll, erklärte Ackermann. Deutlich machte er dabei, dass die entsprechenden Beschlüsse so bald wie möglich fallen sollen. Die nächsten konkreten Schritte in der Aufarbeitung der Missbrauchskrise wolle er jedenfalls bis zum Ende des Jahres gehen.

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie diese aktuelle Ausgabe der Zeitung hier.