Lyon

Barbarin wieder im Visier der Medien

Vor dem Berufungsverfahren steht der Kardinal am Pranger.

Philippe Barbarin
Der Fall Barbarin steht pars pro toto für die Krise der Kirche in Frankreich. Foto: KNA

Der Primas von Gallien geht an diesem Donnerstag in Lyon in Berufung gegen seine Bewährungsstrafe. Kardinal Philippe Barbarin war im März in erster Instanz verurteilt worden, weil er einen Priester, der vor 1991 mehrere Minderjährige sexuell missbraucht hatte, nicht angezeigt hatte. In Frankreich besteht eine strafbewehrte Pflicht, Missbrauchsfälle der Justiz zu melden. Gegen das Urteil legte der Kardinal Berufung ein. Er hat sich seit dem Abschluss des erstinstanzlichen Verfahrens zurückgezogen und lässt seine Amtsgeschäfte ruhen.

Im Vatikan gilt noch immer die Unschuldsvermutung

Das Erzbistum Lyon wird derzeit vom emeritierten Bischof von Évry, Michel Dubost, verwaltet. Mit der Ernennung Dubosts als Administrator hatte der Papst bestätigt, dass er den von Kardinal Barbarin angebotenen Rücktritt vorerst nicht annimmt. Solange das Berufungsverfahren nicht abgeschlossen ist, gilt im Vatikan die Unschuldsvermutung.

Barbarin hatte mehrfach seine Unschuld beteuert. Da die ihm gemeldeten Missbrauchsfälle vor 1991 stattgefunden hatten und somit verjährt waren und das zum Zeitpunkt der Mitteilung volljährige Opfer selbst keinen Wert auf eine Anzeige gelegt habe, habe er sich nicht in der Pflicht gesehen, die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Wenige Tage vor dem Berufungsverfahren ist der Kardinal nun wieder in den medialen Fokus geraten. Frédéric Martel, Autor des Buchs „Sodom – Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“, veröffentlichte in der Zeitschrift „L'Obs“ einen Artikel, in dem ein ehemaliger Seminarist des Erzbistums Lyon dem Kardinal vorwirft, ihn sexuell belästigt zu haben. Der heute 44-jährige Benoit Quettier führt als Kronzeugen seinen leiblichen Bruder an, der zur selben Zeit Seminarist der Erzdiözese Lyon war. Barbarin selbst hat sich bisher nicht zu dem Fall geäußert.

Berufungsverfahren wohl erst im ersten Quartal 2020 abgeschlossen

Die Anwälte des Kardinals teilten mit, dieser habe Martel auf Anfrage ein Gespräch im April oder Mai 2020 angeboten. Beobachtern zufolge wird das Berufungsverfahren voraussichtlich im ersten Quartal 2020 abgeschlossen.

Unterdessen kursieren auf mehreren Online-Plattformen und in den sozialen Medien Berichte, die den Wahrheitsgehalt des in „L'Obs“ veröffentlichten Artikels bezweifeln. So zitiert die Plattform „Aleteia“ mehrere Personen, die von Martel genannt werden, ohne, dass dieser sie zuvor kontaktiert habe. Alle werfen dem Autor fehlerhafte Berichterstattung vor. Dieser habe mit dem Artikel die Thesen seines Buchs bestätigen wollen und lediglich Personen befragt, die er dafür instrumentalisieren könne.

Im Erzbistum Lyon wurden erneut kritische Stimmen zur Verurteilung von Kardinal Barbarin laut. Mehrere verweisen darauf, dass der Ausgang des Berufungsurteils langfristige Konsequenzen für den Umgang mit Missbrauchsopfern haben werde. Manche befürchten einen Boomerangeffekt: Wenn sich ein Erwachsener nicht mehr einem anderen Erwachsenen anvertrauen könne, ohne diesen damit de facto zu zwingen, die Justiz einzuschalten, könne niemand mehr frei sprechen, so der Tenor.

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