Vorarlberg

Auswirkungen auf die ganze Kirche

Bischof Erwin Kräutler plädiert für die Weihe verheirateter Männer und Frauen, nicht nur in Amazonien.

Amazonas-Bischof Erwin Kräutler
Amazonas-Bischof Erwin Kräutler warb beim Heimatbesuch in Vorarlberg für eine "Kirche mit indigenem Antlitz" Foto: KNA

Tief im Westen, hinter dem Arlberg, liegt Vorarlberg. Zumindest aus österreichischer Sicht. Hier, im „Ländle“, wie die Einheimischen ihr Bundesland nennen, hat Bischof Erwin Kräutler seine Wurzeln. Hier kennt der Amazonas-Bischof die Seinen, und die Seinen kennen ihn.

Für die Präsentation seines neuen Buchs „Erneuerung jetzt. Impulse zur Kirchenreform aus Amazonien“ ist die Buchhandlung Arche viel zu klein; man verlegt den Auftritt kurzerhand in die gegenüberliegende Seekapelle. In der Arche gewährt mir der Amazonas-Bischof ein Interview. „Es geht nicht um den Zölibat. Der wird nicht abgeschafft“, insistiert er. Aber: „Neben dem Zölibat soll es neue Zugänge zum Weihepriestertum geben. Gerade in Gegenden, wo wahnsinniger Priestermangel herrscht, so dass die Leute das ganze Jahr hindurch nicht eine Eucharistiefeier haben, ist es notwendig, dass wir neue Wege finden.“ Das sei „ein Sinn der Synode“ gewesen. „Es ging um neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie.“

„Diakoninnen wären der erste Schritt“

35 Jahre war der gebürtige Vorarlberger Bischof der Prälatur Xingu im Amazonas-Gebiet, bis 2016. „Wenn die Menschen weder an Weihnachten noch an Ostern noch an Pfingsten eine Eucharistiefeier haben, dann fehlt was. Die evangelikalen, pfingstlerischen Kirchen nützen das weidlich aus, weil wir einfach nicht da sind.“ Ein Rezept fand der Bischof in all den Jahrzehnten nicht. Außer die Forderung nach „personae probatae“, also nach der Weihe bewährter Männer und Frauen.

Verheiratete geweihte Männer wären ja nichts Neues, meint Kräutler mit Verweis auf die mit Rom unierten Ostkirchen. Die Weihe von Frauen wäre jedoch wider alle Tradition und das Ende der Ökumene mit der Orthodoxie, gebe ich zu bedenken. „Das ist eines der größten Probleme“, zeigt sich Kräutler nachdenklich. Doch er bleibt bei seiner Agenda: „Wir können das nicht von vornherein ausschließen. Es ist ein Prozess. Diakoninnen wären der erste Schritt.“

"Es geht nicht darum, Indios zu taufen
und zu denken, sie hörten damit auf,
Indios zu sein und seien Christen"
Bischof Erwin Kräutler

Richtig in Rage gerät der 80-jährige Bischof bei der Frage, ob er sich tatsächlich gebrüstet habe, nie einen Indio getauft zu haben: „Alles Blödsinn! Kompletter Unsinn! Ich habe vor Jahren gesagt, wir müssen schauen, dass es eine katholische Kirche mit indigenem Antlitz gibt. Es geht nicht darum, Indios zu taufen und zu denken, sie hörten damit auf, Indios zu sein und seien Christen.“ Ob er nun getauft habe oder nicht? „Aber natürlich. Tausende Indigene!“ Das Gerücht komme „aus einer bestimmten Ecke. Die machen mir das Leben manchmal zur Hölle.“

Kräutler erzählt vom Polizeischutz, den er in Brasilien seit 13 Jahren habe, von Angriffen auf ihn in Europa, „so brutal und teuflisch, wie ich es nie erwartet habe“. Ob das Zitat zur Taufe eine Fälschung sei? „Es ist total aus dem Zusammenhang gerissen. Ich würde das nie so sagen.“ Die Taufe ist und bleibt heilsrelevant? „Ja, klar! Sicher!“

"Haben Sie das jetzt verstanden?"

Kräutler signiert ein Buch, verabschiedet sich. „Haben Sie das jetzt verstanden?“, ruft er mir nach. Ja, hab ich. Drüben in der Seekapelle warten Einheimische, die ihren Bischof Erwin seit Jahrzehnten verstanden haben. Man kennt einander, und das schon lange, wie nicht nur der Altersdurchschnitt nahelegt. Kräutler kommt, Kniebeuge vor dem Tabernakel, Begrüßung in Vorarlberger Mundart, dann wechselt er ins Hochdeutsche. Der Amazonas-Bischof schildert Anfeindungen, Widerstände gegen seine Agenda und einen gut zuhörenden Papst.

Bei der Synode sei es um die klimaregulierende Funktion des Amazonasgebiets für den Planet Erde gegangen. Und um neue Wege für die Kirche: „Alte Wege müssen überarbeitet werden oder sind obsolet.“ Noch vor Weihnachten erwarte er das Nachsynodale Apostolische Schreiben des Papstes, so Kräutler. Der Abschlusstext der Synode sei „nicht exzellent, aber ziemlich gut“. Beim Frauen-Diakonat habe er mehr erwartet. Es seien ja mehrheitlich Frauen, die die Wortgottesdienste halten. „Warum kann eine solche Frau nicht zum Priestertum berufen werden?“ Der Amazonas-Bischof denkt nicht nur an Amazonien. Die Synode habe „Auswirkungen auf die ganze Kirche“. Auch in Österreich gebe es Priestermangel und „Blaulichtpriester“. Darum: „Es gibt gut vorbereitete Pastoralassistenten und -assistentinnen, die die Chance bekommen sollten.“ Allerdings geht es ihm bei der Forderung nach der Weihe von Frauen gar nicht um den Priestermangel: „Das ist eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit.“

Brutaler Angriff auf die indigenen Völker

Kräutler wirbt dafür, die „Ausdrucksformen der Indigenen in unsere Liturgie zu integrieren“. Etwa die Figur der Pachamama. „Es gibt Leute, die meinen, die Pachamama sei eine Göttin“, sagt er, um auf Rückfragen zu versichern, jene Katholiken, die die Figuren nach Rom gebracht haben, seien „weit davon entfernt, sie als Gottheit zu verehren“. Dieses „Symbol der Fruchtbarkeit“ in den Tiber zu werfen, sei „ein brutaler Angriff auf die indigenen Völker“ gewesen.

An diesem Abend in der Seekapelle zu Bregenz gibt es keine Widerworte gegen Bischof Kräutlers Forderungen nach einem amazonischen Ritus und nach „personae probatae“. Dafür stehende Ovationen und heimatliche Verbundenheit. „Griaß' dahoam“, ruft „der Erwin“, wie die Moderatorin den Bischof nennt, einem zu. Was er inhaltlich zu sagen hat, kennen die Seinen längst. An einer Stelle ist er nicht mehr sicher, ob es eine Formulierung von ihm oder von Paul Zulehner ist. „Ist ja egal!“, meint er.

Zulehner und Kräutler spielen einander die Bälle seit Jahren zu

Stimmt. Ist wirklich egal, denn Zulehner und Kräutler spielen einander die Bälle seit Jahren zu. Vor wenigen Tagen startete der gleichfalls in die Jahre gekommene emeritierte Wiener Pastoraltheologe eine Online-Petition „#Amazonien auch bei uns!“. Die Amazonas-Synode sei „ein historisches Ereignis für die Weltkirche“, das „in unsere Ortskirchen Bewegung bringen“ solle. Auch Zulehner fordert, dass „Personen, die sich in den Gemeinden bewährt haben und von diesen vorgeschlagen werden, über den Weg des Diakonats der Zugang zur Priesterweihe eröffnet“ werde. Das ist es, was Bischof Kräutler mit „personae probatae“ meint.