Würzburg

Aus Liebe an der Wahrheit festhalten

Wahrheit und Mission hängen unauflöslich zusammen. Über den dauernden Missionsauftrag der Kirche.

Die Kirche und der Auftrag zur Mission
Aus Liebe an der Wahrheit festzuhalten ist der bleibende Auftrag der missionarischen Kirche, denn sie ist der eine Heilsweg für alle Menschen guten Willens. Foto: stock.adobe.com

Wahrheit und Mission hängen unauflöslich zusammen. Christus hat gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Jo 14, 6). Dieses Selbstzeugnis hat er mit seinem Tod und seiner Auferstehung als wahr erwiesen. So kann er an seine Jünger den Anspruch stellen: „Gehet hin in alle Welt, lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, und des Sohns und des Heiligen Geistes“ (Mt 28, 19). Mit Meinungen missioniert man nicht. Beliebigkeiten führen nicht in die Welt hinaus. Religiöses Gefühl formt sich nicht zur Lehre für alle. Es geht um Wahrheit, sonst bleibt man zuhause.

Mittler, Gesandter, Missionar

Seinem Wesen nach war Christus Mittler, Gesandter, Missionar. Das „Wort ist Fleisch geworden“ (Jo 1, 14). Diese Fleischwerdung der ewigen Wahrheit, die Annahme unserer menschlichen Natur, ist für die göttliche Person Christi bereits missio, der Auftrag des Vaters für die Erlösung der Welt. Wie das Sein des Gottmenschen von diesem Auftrag geprägt war, so auch sein Handeln. Er hat verkündet, er hat Wunder gewirkt, er hat das Leben eines Wanderpredigers geführt, um zu missionieren: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1, 15). Mit Christus ist die Wahrheit im tiefsten Sinne des Wortes „unter die Leute gekommen“. Denn wer würde sich ohne die Wahrheit bekehren? Wer an das Evangelium glauben, wenn es nicht wahr wäre?

Der volle Wahrheitsanspruch Christi ist es, der die Kirche zur Mission antreibt. Weil der Geist Christi sie „in die ganze Wahrheit einführt“ (Jo 16,13), hat sie dazu Berechtigung und Pflicht. Wer nicht die Wahrheit spricht und lebt, ist kein Missionar. „Es gäbe keine Heiden mehr, wenn wir wahre Christen wären!“ (Hl. Johannes Chrysostomos, Hom. X in I Tim., Migne, PG 62.551). So kann Papst Franziskus sagen: „Ein Getaufter, der nicht die Notwendigkeit spürt, das Evangelium zu verkünden, Jesus zu verkünden, ist kein guter Christ.“ (Angelus, 15.7.2018).

Unlösbarer Zusammenhang zwischen Wahrheit und Mission

Im ersten Abschnitt seines Missionsdekrets "Ad gentes" hat das zweite Vatikanische Konzil diesen unlösbaren Zusammenhang zwischen Wahrheit und Mission unterstrichen: „Auch die Apostel, auf die die Kirche gegründet worden ist, haben, den Spuren Christi folgend, ‚das Wort der Wahrheit verkündet und Kirchen gezeugt‘.“ Es geht also um die unmissverständliche Predigt über Christus, das fleischgewordene „Wort der Wahrheit“ mit allen daraus folgenden Lehr- und Lebenskonsequenzen. Nur die Kirche, die als „‚Säule und Feste der Wahrheit‘ errichtet“ ist, kennt ihre Gesamtheit (1 Tim 3, 5; vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 8).

„Was ist Wahrheit?“, diese von einem ironischen Agnostizismus geprägte Frage des Pilatus tötet dagegen jede Missionstätigkeit in ihrer Wurzel. „Die immerwährende missionarische Verkündigung der Kirche wird heute durch relativistische Theorien gefährdet, die den religiösen Pluralismus nicht nur de facto, sondern auch de iure (oder prinzipiell) rechtfertigen wollen“, sagt die Kongregation für die Glaubenslehre in ihrer Erklärung Dominus Iesus vom 6. August 2000 (Nr. 4). Die Gründe für diesen missionsgefährdenden Relativismus laufen alle auf die Leugnung der Möglichkeit klarer Wahrheitserkenntnis heraus und damit auch auf die Leugnung des Nichtwiderspruchsprinzips. Wenn nichts wahr ist, dann ist auch das nicht wahr. Wenn aber alles wahr ist, auch das Gegenteil, dann ist ebenfalls nichts wahr. Damit wird nicht nur Mission unmöglich, sondern auch Offenbarung, Theologie und jeder nicht bloß rein subjektive Glaube. Religion und Moral schrumpfen zu einem unverbindlichen pseudo-humanistischen Wohlfühlethos, das nur mehr ein Feindbild kennt: Die Wahrheit und ihre Bekenner.

Kirche hält an ihrer Verkündigungsmission fest

Diesem intoleranten Liberalismus gegenüber hält die Kirche an der Wahrheit und an ihrer Verkündigungsmission fest: „Um dieser relativistischen Mentalität, die sich immer mehr ausbreitet, Abhilfe zu schaffen, muss vor allem der endgültige und vollständige Charakter der Offenbarung Jesu Christi bekräftigt werden. Es ist nämlich fest zu glauben, dass im Mysterium Jesu Christi… die Fülle der göttlichen Wahrheit geoffenbart ist…“ (Dominus Iesus, Nr. 5). Papst Johannes Paul II zieht daraus den einzig möglichen Schluss: „…diese endgültige Selbstoffenbarung Gottes ist der tiefste Grund, weshalb die Kirche ihrer Natur nach missionarisch ist. Sie kann nicht davon absehen, das Evangelium, d.h. die Fülle der Wahrheit… zu verkünden.“ (Enzyklika Redemptoris missio, 5).

Daraus folgt ebenso eine weitere wichtige Grundlage der Mission: „Wie es nur einen einzigen Christus gibt, so gibt es nur einen einzigen Leib Christi, eine einzige Braut Christi: ‚die eine alleinige katholische und apostolische Kirche‘.“ (Dominus Iesus, 16). Diese Kirche ist zum Heile notwendig. Sie ist kein Heilsweg neben anderen, sondern der eine Heilsweg, den Christus selbst zu diesem Zweck gestiftet hat. Wer wider besseres Wissen nicht in sie eintritt oder nicht in ihr bleibt, kann nicht gerettet werden (II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 14; vgl. Dekret Ad gentes, 7; Dekret Unitatis redintegratio, 3; KKK, 846-848; Dominus Iesus, 20).

Es gibt keinen zur Kirche alternativen Heilsweg

Natürliche Wahrheiten oder Teilwahrheiten aus der Offenbarung sind auch in anderen Glaubensgemeinschaften vorhanden (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 15 u. 16, Erklärung Nostra Aetate, 2). Das darf die Kirche und ihre Glieder aber nicht davon abhalten, missionarisch zu sein. Natürlich kann Gott „Menschen, die das Evangelium ohne ihre Schuld nicht kennen, auf Wegen, die er weiß, zum Glauben führen“. Diese Wege sind jedoch geheimnisvoll und unbekannt. Es gibt keinen zur Kirche alternativen Heilsweg. Daher liegt „auf der Kirche die Notwendigkeit und zugleich das heilige Recht der Evangeliumsverkündigung.“ (Dekret Ad gentes, 7). Das bekräftigt auch Papst Franziskus: „…die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch; wäre sie dies nicht, dann wäre sie nicht mehr die Kirche Christi, sondern ein Verein unter vielen anderen, der sein Ziel bald erreicht hätte und dann verschwinden würde.“ (Botschaft zum Weltmissionssonntag 2017)

So gilt nach wie vor, was die Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis humanae ohne Umschweife gleich in ihrem ersten Abschnitt festhält: Die „einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten. …Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren“. Wir sind als Katholiken gerufen, diese Suchenden zu finden und mit ihnen in Dialog zu treten, um ihnen die Wahrheit anzubieten, die sie retten kann. Nur wenn sie auf die Wahrheit stößt, findet die menschliche Freiheit ihre eigentliche Würde. Diese Würde dürfen wir niemandem vorenthalten. Das ist unser missionarischer Auftrag.

"Der umfassendere Zweck des Dialogs besteht darin,
aus Liebe an der Wahrheit festzuhalten und damit
dem göttlichen Sendungsauftrag zu gehorchen,
den unser Herr Jesus Christus der Kirche anvertraut hat"
Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog

Die Einladung des Konzils zum Dialog mit Menschen, die die volle Wahrheit Christi noch nicht angenommen haben (z.B. Ad gentes, 11), muss also sehr ernstgenommen werden. Dieser Dialog ist kein small talk, sondern ein Dialog der Wahrheit (Erklärung Dignitatis humanae, 3). Nach Papst Paul VI. wird „von jedem Träger der Evangelisierung…erwartet, dass er die Wahrheit verehrt, umso mehr als ja die Wahrheit, die er vertieft oder mitteilt, nichts anderes ist als die geoffenbarte Wahrheit… Er wird die Wahrheit niemals verraten noch verbergen… Er verweigert sich der Wahrheit nicht.“ (Apost. Schreiben Evangelii nuntiandi vom 8. 12. 1975, 78). Dieser Logik folgend kann der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog im Jahre 2008 feststellen: „Der umfassendere Zweck des Dialogs besteht darin, aus Liebe an der Wahrheit festzuhalten und damit dem göttlichen Sendungsauftrag zu gehorchen, den unser Herr Jesus Christus der Kirche anvertraut hat.“ (Dialog in Wahrheit und Liebe: Pastorale Orientierungen für den interreligiösen Dialog, Nr. 35).

Aus Liebe an der Wahrheit festzuhalten ist der bleibende Auftrag der missionarischen Kirche, denn sie ist der eine Heilsweg für alle Menschen guten Willens. Mission ist nicht in unser Belieben gestellt, ebenso wenig wie Festhalten an der Lehr- und Lebenswahrheit des katholischen Glaubens. Beides ist Auftrag und Verpflichtung, nicht nur für die ganze Kirche, sondern für jeden einzelnen. Hieran hat sich bis heute nichts geändert. Es ist die fleischgewordene Wahrheit selbst, die uns und allen, zu denen die Kirche missionarisch gesandt ist, zuruft: „Wenn ihr in meinem Worte bleibt, seid ihr in Wahrheit meine Jünger; ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch freimachen.“ (Jo 8, 31-32)

Der Autor, Msgr. Dr. theol. Dr. iur. can. Rudolf Michael Schmitz, ist Staatlicher Professor der Republik Kyrgyzstan, Herausgeber der theologischen Zeitschrift DIVINITAS

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