Vatikanstadt

Amazonassynode: Kompromiss gesucht

Kardinal Schönborns Prognose für den Abschluss der Synode ist vorsichtig: Ständige Diakone statt "Viri probati" und statt Diakoninnen Frauen als Lektorinnen und Akolythen.

Amazonas-Synode: Was Kardinal Schönborn fordert
Am Samstag wird in Rom über das Schlussdokument der Amazonas-Synode abgestimmt. Foto: dpa

Schauen wir mal!“ Die Amazonas-Synode geht ihrem Ende entgegen und der Wiener Kardinal Christoph Schönborn wartet wie viele mit Spannung auf den entscheidenden Tag, wenn am Samstag in der Synodenaula des Vatikans das Schlussdokument zur Abstimmung steht. Auch Schönborn gehörte zu den Teilnehmern und Experten der Bischofsversammlung, die täglich um die Mittagszeit im Presseamt des Vatikans erscheinen, um den Journalisten ihre Sicht auf die Verhältnisse im Amazonasbecken darzustellen. Danach befragt, wie er zu einem amazonischen Ritus steht, antwortete er am Montag: „Ich als Bischof in Wien zähle 21 Riten, den griechisch-katholischen, den byzantinischen, den armenischen... Ich bin der Ordinarius für alle katholisch-orientalischen Riten, die über eine relative Autonomie verfügen, mit einer gewissen Kultur und einer gewissen Geschichte: Schauen wir mal!“

Gegenpol zum brasilianischen Kardinal Hummes

Schönborn stellte sich vor den Journalisten als eine Art Gegenpol zu seinem brasilianischen Amtsbruder Kardinal Cláudio Hummes dar, der in seiner Eröffnungsansprache zu Beginn der Synode sehr energisch dazu aufgerufen hatte, die Weihe verheirateter älterer Männer und die Stärkung der Ämter und Dienste der Frau zum Thema der Versammlung zu machen. Schönborn ist vorsichtiger. In der Synodenaula habe er seine Mitbrüder aus Lateinamerika gefragt, ob es nicht sinnvoller sei, es erst einmal mit Ständigen Diakonen zu versuchen, die verheiratet seien und mit ihren Familien in den Gemeinden lebten. Von diesen gebe es so wenige im Amazonasbecken – und er habe mit den etwa 150 ständigen Diakonen in seiner Erzdiözese beste Erfahrungen gemacht, berichtet er vor den Journalisten. Auch bei der Frauenweihe und einem möglichen Diakoninnenamt ist er vorsichtiger. Er gehe davon aus, so Schönborn, dass sich die Synode mehrheitlich für eine liturgische Beauftragung von Frauen, die in den Amazonas-Gemeinden eine wichtige Rolle einnehmen, als Akolythen und Lektoren aussprechen werde.

Die Synode hat eher appellativen Charakter

Die Amazonas-Synode dreht sich nicht nur um die Ämterfrage oder die Weihe von „viri probati“. Im Gegenteil. Das große Thema ist die umfassende Ökologie, bei dem die Synode aber kaum über den „Basistext“ der Versammlung, die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus, hinausgeht und das dort Gesagte allenfalls anhand der Verhältnisse und Umweltgefährdungen im Amazonasgebiet nochmals durchbuchstabiert. Die Synodalen sprachen in der Aula über die Ausbeutung der Rohstoffe zu Lasten der indigenen Bevölkerung, über die Anerkennung der Rechte der Indios auf ihren Grund und Boden oder die Bedeutung des Regenwaldes am Amazonas für das Weltklima. Aber hier hat die Synode eher appellativen Charakter, und dabei wird es wohl auch im Schlussdokument bleiben: Die Kirche ruft die Staaten, die internationale Gemeinschaft, die Vereinten Nationen und die großen Unternehmen am Amazonas dazu auf, Mensch und Natur wieder zu harmonisieren. Selber kann sie nur mit ihren bescheidenen regionalen Initiativen einen Beitrag dazu leisten.

Anders sieht es bei den Themen aus, bei denen sich manche Veränderungen in der Kirche wünschen – im Sinne der Vorhersage des Essener Adveniat-Bischofs Franz-Josef Overbeck, nach der Amazonas-Synode werde in der Kirche „nichts mehr wie vorher“ sein. Aber was soll anders werden? Bei den Beratungen im Plenum und in den zwölf Sprachkreisen ging es vor allem um die Inkulturation des Evangeliums in den Gemeinschaften der Indigenen und die Begleitung der oft weit auseinanderliegenden und schwer zu erreichenden Gemeinden im Amazonasgebiet. Von einer Besuchspastoral hin zu einer Pastoral der ständigen Begleitung, lautete das Motto. Die regelmäßige Feier der Eucharistie und die Rolle der Frau standen dabei im Vordergrund.

Viele Sprachgruppen befürworten die „viri probati“

Fast alle abschließenden Berichte der Sprachkreise behandelten die Weihe von bewährten verheirateten wie ledigen Männern, die in diesen Gemeinden mit oder ohne eigene Familie leben. Viele Sprachgruppen befürworten die „viri probati“. Einige sprachen auch den Diakonat für die Frau an, wenn diese Leitungsaufgaben in den Gemeinden wahrnehmen. Doch die Mehrzahl der Gruppen plädierte für neue Formen der Beauftragung oder ein besonderes Amt für die Frauen.

Der Rahmen, in dem etwa die Weihe von „viri probati“ stattfinden könnte, wäre der mehrfach angesprochene „amazonische Ritus“, der nicht nur die Liturgie umfasst, sondern das gesamte liturgische, theologische, disziplinäre und spirituelle Patrimonium der Indigenen am Amazonas. Erzbischof Rino Fisichella, Präsident des vatikanischen Rats für die Neuevangelisierung, sah vor Journalisten darin eine Möglichkeit, die „Kirche mit einem amazonischen Gesicht spürbar und erkennbar“ zu machen. Es gebe heute ungefähr 23 Riten, die sich von den ersten Jahrhunderten an in der mit Rom verbundenen Kirche herausgebildet haben. Einige byzantinische Ostkirchen und die Kopten kennen ein verheiratetes Priestertum. Ein „amazonischer Ritus“, in dem es auch verheiratete Priester gibt, ginge aber weit über die Frage der „viri probati“ oder von möglichen Diakoninnen hinaus. Er beträfe die Sprache, indigene Riten und Symbole, spirituelle Besonderheiten oder auch das, was manche Synodenteilnehmer die „indigene Theologie“ nennen. Er könnte sogar ein besonderes Kirchenrecht beinhalten. Dem Vernehmen nach kam dieser Vorschlag aus einer Sprachgruppe, die der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria, moderiert.

Die entscheidene Schlussphase der Synode

Die Ergebnisse der Sprachgruppen wie die Zusammenfassungen der Kurzreferate in der Synodenaula flossen in den Entwurf des Schlussdokuments ein, über das die Bischofsversammlung bis zur Abstimmung über die einzelnen Abschnitte am Samstag beraten wird. Die hauptsächliche Redaktionsarbeit kam dem Generalrelator der Synode, Kardinal Hummes, und seinen beiden Sondersekretären, Kurienkardinal Michael Czerny SJ und Bischof David Martinez der Aguirre Guinea OP aus Peru, sowie deren engsten Mitarbeitern zu. Kardinal Schönborn, der mit anderen vom Papst zusätzlich in das Redaktionskomitee berufen wurde, erklärte, dass alle weiteren Mitglieder dieses Komitees den Entwurf nur gegenlesen und allenfalls einige Korrekturen hätten einbringen können, die Hauptarbeit habe bei Hummes und seinen beiden Sondersekretären gelegen. Bis Dienstagabend hatten dann die Sprachgruppen Zeit, ihre Änderungsvorschläge zu dem Schlussdokument zu erarbeiten.

Anschließend lag dann wiederum beim Redaktionskomitee die Aufgabe, die Vorschläge aus den Sprachzirkeln zu verwerfen oder in den Entwurf einzuarbeiten. Es ist die entscheidende Schlussphase der Synode. Während sich viele Teilnehmer der Versammlung zwei Tage frei nehmen konnten, erarbeitet das Team um Kardinal Hummes die endgültige Fassung des Synodendokuments, mögliche vertrauliche Rückfragen bei Papst Franziskus oder einzelnen Synodalen nicht ausgeschlossen. Erst am Freitag Nachmittag bekommt das Plenum das schriftliche Ergebnis der knapp dreiwöchigen Beratungen in die Hand. Jeder hat einen Tag, um zu entscheiden, ob nach der Synode in der Kirche „nichts mehr wie vorher“ ist. Nur die Absätze des Schlussdokuments gelten als angenommen, die bei der Abstimmung eine Zweidrittelmehrheit erhalten.