Vatikanstadt

"Absurder geht es kaum"

Die "Bild"-Zeitung belastet den emeritierten Papst, ohne Beweise nennen zu können.

Papst Benedikt und Georg Gänswein
Am Pranger der Boulevard-Medien stehen derzeit Benedikt XVI. und sein langjähriger Sekretär Erzbischof Georg Gänswein. Foto: dpa

Wir sind Papst“ titelte die „Bild“-Zeitung begeistert nach der Wahl von Benedikt XVI. im Jahr 2005. Dass das längst vergessene Zeiten sind und sich die Zeitung wie ein Blatt im Winde gedreht hat, konnte man noch im Februar dieses Jahres lesen, als „Bild“ nach dem Missbrauchsgipfel im Vatikan „12 Thesen für einen Neuanfang in der katholischen Kirche“ veröffentlichte. Thesen, denen aber jede Stichhaltigkeit fehlte, wie die These „12. Sprich, Benedikt!“ zeigt: „Papst Benedikt, der frühere Kardinal Joseph Ratzinger“, heißt es da, „kennt die dunkelsten Geheimnisse der jüngsten Kirchengeschichte“ (das kann kein Papst). „Als Präfekt der Glaubenskongregation war der Schutz des Vatikan seine Pflicht“ (das ist Aufgabe der Schweizer Garde, der Kardinalpräfekt muss den Glauben schützen). „Was passierte in der Vatikanbank?“ (Papst Benedikt hat dafür die AIF, die Aufsichtsbehörde des IOR, eingerichtet). „Wie viele Missbrauchsfälle sind bekannt, wie lange schon?“ (das versuchen Bischöfe in aller Welt derzeit aufzuarbeiten). „Was trieb ihn in den Rücktritt?“ (seine angeschlagene Gesundheit, wie man weiß). „Benedikt, sprich zu den Gläubigen – sie haben ein Recht darauf!“ (kein Gläubiger hat ein Recht darauf, dass ein emeritierter Papst spricht).

Dann kam jetzt die Unterstellung, der deutsche Papst haben einen „Sextäter im Vatikan“ gedeckt. Vergangene Woche hat das Boulevardblatt seine Verdachtsberichterstattung über Benedikt XVI. und dessen Privatsekretär Georg Gänswein fortgesetzt. Dem ersten Artikel vom 30. Oktober, der die Behauptung aufstellt, der deutsche Papst und Gänswein hätten die homosexuellen Übergriffe eines Vatikan-Prälaten gedeckt (siehe DT vom 31. Oktober), ließ „Bild“-Autor Nikolaus Harbusch einen Tag später einen zweiten Beitrag folgen, in dem er Aussagen eines anderen Priesters zitierte, der der „Bild“-Zeitung die perversen homosexuellen Praktiken schilderte, mit denen der beschuldigte Prälat seinen vermeintlichen Opfern zu Leibe rückte. Dieser zweite Priester ist relativ leicht zu identifizieren.

Nicht nur in Rom ist auch bekannt, wer der Prälat und das erste, am 30. Oktober von „Bild“ genannte Opfer sind. Aber der Prälat hat alles, was zu seiner Identifizierung durch Medien-Berichte führen könnte, für die Zeit einer Voruntersuchung der Ingolstädter Staatsanwaltschaft durch anwaltliche Verfügungen unterdrücken lassen. Und der von „Bild“ zunächst erwähnte Priester, der wie der beschuldigte Prälat inzwischen aus den vatikanischen Diensten entlassen worden ist, befindet sich in einer medizinisch instabilen Verfassung und genießt in gewisser Weise Opferschutz.

Das zweite, in dem „Bild“-Artikel vom 31. Oktober zitierte Opfer heißt Francesco Lepore, hat – damals noch als Priester – von 2003 bis 2006 im Vatikan als Latinist gearbeitet, wurde im Anschluss daran auf eigenen Wunsch aus dem priesterlichen Dienst entlassen und ist heute Chefredakteur des italienischen LGBT-Onlinedienstes „Gaynews.it“. Seit dem Sommer zirkuliert im Internet ein Video, in dem Lepore über die Zeit im Vatikan berichtet und auch auf den Prälaten zu sprechen kommt, der Priester in seiner Umgebung homosexuell bedrängt hat. Merkwürdigerweise hält Lepore ein Telefonbuch des Vatikans aus der lange zurückliegenden Zeit in der Hand und zeigt mit dem Finger auf die Seite, wo sich sein Eintrag zufälligerweise direkt neben dem des beschuldigten Prälaten befindet. „Bild“ berichtete anhand von Zitaten von Lepore am 31. Oktober auch über die Vorlieben des homosexuellen Prälaten, sich mit Schuhen sexuell erregen zu lassen. Eine Gemeinsamkeit in den Schilderungen der Übergriffe auf den andern Priester, über die sich „Bild“ im ersten Artikel zu dem ehemaligen Vatikanprälaten ausgelassen hatte.

Der Fall Lepore ist aus zweierlei Gründen interessant. Zum einen muss er sich in den Jahren 2003 bis 2006 abgespielt haben, in der Zeit, in der der Ex-Priester im Vatikan gearbeitet hat. Also in den letzten Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. oder am Anfang der Papstjahre von Benedikt XVI. Zum anderen schildert er das Treiben von zwei homosexuell veranlagten Geistlichen, wobei der Prälat, um dem es „Bild“ vor allem geht, zu perversen und gewalttätigen Praktiken neigte. Aber es ging eben nicht um den Missbrauch Minderjähriger oder den Besitz beziehungsweise die Verbreitung von kinderpornografischem Material, wo von Anfang an schon ein Straftatbestand bestanden hätte. Aber auch dann, wenn ein Vatikanmitarbeiter Opfer von sexuellen Übergriffen wird, hat er alle Möglichkeiten, sich zum einen an seine Vorgesetzten zu wenden – im Falle des vatikanischen Staatssekretariats wäre das im Fall der ersten Sektion der Substitut, im Fall der zweiten der Leiter der für die auswärtigen Beziehungen zuständigen Sektion – oder er erstattet Anzeige bei der Gendarmerie oder beim Staatsanwalt des Vatikans. Das ist offensichtlich in keinem der beiden von „Bild“ genannten Fälle geschehen. Aber zu suggerieren, dass solche sexuellen Übergriffe in jedem Fall auf dem Schreibtisch des jeweils amtierenden Papstes landen, ist eine Konstruktion, für die man erst einmal Beweise sehen möchte.

Zum anderen zitiert „Bild“ in dem Artikel vom 30. Oktober aus zwei Mails von Erzbischof Gänswein von Ende 2012 und Anfang 2013, also aus einer Zeit, in der der beschuldigte Prälat längst schon den Vatikan verlassen hatte. Und der Ex-Priester Lepore, an dem sich der Prälat ebenfalls ausgelassen hatte, hatte schon 2006 seine Tätigkeit im Vatikan aufgegeben. Da will „Bild“ den Eindruck erwecken, dass die geschilderten Übergriffe in der Endzeit des deutschen Pontifikats geschehen seien.

Der erste Artikel von letzter Woche gipfelte in der Behauptung, Benedikt XVI. sei dem beschuldigten Prälaten zu Dank verpflichtet gewesen, weil dieser einen Journalisten über die Anti-Ratzinger-Verschwörung der „Sankt-Gallen-Mafia“ in der Villa Nazareth während des Vorkonklaves von 2005 informiert hatte, diese somit öffentlich wurde und dann doch Ratzinger statt Kardinal Jorge Mario Bergoglio Papst werden konnte. Zu dieser Spekulation meinte jetzt der fragliche Journalist gegenüber der „Tagespost“ nur: „Absurder geht es kaum. Wirklich jeder, der Joseph Ratzinger kannte, wusste, dass er niemals Papst werden wollte. Er wollte zurück nach Bayern, um in aller Ruhe noch ein paar Bücher über Jesus zu schreiben. Das war alles, was er wollte und sich ersehnte. Er hatte fertig, als er gewählt wurde.“

Fazit: Entweder liefert „Bild“ zu seinen „schweren Vorwürfen gegen den deutschen Papst“ die entsprechenden Belege und Beweise nach, oder man muss sich fragen, warum das Boulevardblatt, das Benedikt XVI. zu dessen Amtszeit wie eine Ikone behandelt hat, ihn heute angreift.