Absage an die Nutzenlogik

Karol Wojtylas Überlegungen über Liebe und Verantwortung sind familienethisches Lesebuch und Zeitdokument zugleich

Soziologen diagnostizieren heute eine Pornographisierung der Gesellschaft. Schon Kinder können mit den neuesten Kommunikationsmitteln wie Handy oder Internet pornographische Bilder betrachten. Auch im Fernsehen laufen Sendungen, in denen Nacktheit ausgestellt ist, und zu denen Kinder und Jugendliche ungehinderten Zugang haben. Pornographische Begriffe haben Eingang gefunden in deren Alltagssprache. Die Jugendlichen werden ermuntert, in der Sexualität gleichsam wie bei einem wissenschaftlichen Experiment immer neue Entdeckungen zu machen, sie wie andere Waren auch zu konsumieren. Andererseits und gleichzeitig zeigen Studien über Einstellungen, Werte und Wünsche von Jugendlichen wie die Shell-Studie, dass nach wie vor unter ihnen eine ungestillte Sehnsucht nach Treue, Ehrlichkeit, Verständnis und vorbehaltloser Bejahung der eigenen und der anderen Person in der Partnerschaft herrscht.

Dieser paradoxe Befund macht darauf aufmerksam, dass junge Menschen, Eltern und Erzieher heute Anleitung dafür brauchen, wie sie die Liebe zu einem anderen Menschen leben können, ohne sie einerseits auf bloße Sexualität zu reduzieren, ohne andererseits aber auch Sexualität davon abzuspalten – und welches Ziel die Liebe zwischen Mann und Frau hat, nämlich Ehe und Familie. Es geht heute wieder darum, die gesamte Natur des Phänomens Liebe mit ihren geschlechtlichen, ethischen, metaphysischen und religiösen Dimensionen zu entdecken und zu vermitteln.

Einen gewichtigen Beitrag, dieser Aufgabe gerecht zu werden, hat der verstorbene Papst Johannes Paul II. vor seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche als Philosoph und Sozialethiker Karol Woijtyla in den fünfziger und sechziger Jahren an der Katholischen Universität Lublin verfasst. Diese Arbeit ist jetzt unter dem Titel „Liebe und Verantwortung. Eine ethische Studie“ wieder in deutscher Sprache verfügbar. Josef Spindelböck hat die Übersetzung besorgt.

Johannes Paul II. hat seine Sozialethik mit einer breit angelegten Kritik des Utilitarismus verbunden, der heute das Denken und Handeln der Menschen dominiert – wonach nämlich einer größtmöglichen Zahl an Menschen ein größtmöglicher Nutzen und ein größtmögliches Maß an angenehmen Empfindungen ermöglicht werden soll, wenn man von gelungenem Leben sprechen will. Dadurch aber wird der Mensch in eine Nutzenlogik gezwängt, die ihn zum Mittel für den Zweck des Genusses macht. Die Lektüre der knapp 420 Seiten von „Liebe und Verantwortung“ bringt dem Leser also immer wieder den Sinn einer Selbstverständlichkeit zu Bewusstsein, die heute jedoch alles andere als selbstverständlich ist: Dass der Mensch niemals als Mittel gebraucht werden darf – von sich selbst und von anderen, ja selbst von Gott nicht.

Die Menschen, und vor allem Jugendliche, können heute Sexualität mit der Sehnsucht nach Treue, Verlässlichkeit und gegenseitiger Anerkennung in der Partnerschaft und der Liebe, nach gelingender Familie integrieren, wenn sie die Versuchungen des utilitaristischen Menschenbildes durchschauen lernen, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind. Dieser Utilitarismus endet nämlich im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen immer wieder nur „in gegenseitiger sexueller Ausnutzung“ und „Enttäuschung“, wie Karol Wojtyla schreibt – und genau das ist es, was Menschen auf Dauer kaputt macht. Dagegen erlebt der Mensch für Karol Wojtyla eine Liebe im umfassenden Sinne des Wortes als befriedigend, wenn der „Wert der Person“ und die „innere Struktur der Freundschaft“ das erste, auslösende und entscheidende Moment der Beziehung ist. Sexuelle Attraktivität begleitet und unterstützt diesen Prozess, ist aber nicht sein Grund und seine Quelle. Es geht heute also in der Erziehung darum, den jungen Menschen klar zu machen, dass Sexualität nicht das primäre Kriterium von gelingender Partnerschaft sein kann, sondern die Persönlichkeit des anderen Menschen das Attraktive ist, das anzieht und anziehend macht. Karol Wojtyla hat dafür eine wichtige, lebenskluge, erfahrungsgesättigte Formulierung gefunden: „Wirkliche Liebe, eine Liebe, die innerlich vollständig ist, ist jene, bei der wir die Person um der Person willen erwählen: jene, bei der ein Mann eine Frau oder eine Frau einen Mann nicht nur als ,Partner‘ für das Sexualleben erwählt, sondern als die Person, der man das Geschenk seines eigenen Lebens geben will. Sexuelle Werte, die in ihren sinnlichen und emotionalen Reaktionen lebhaft präsent sind, tragen zur Entscheidung bei und machen sie zu einer intensiven psychischen Erfahrung, aber nicht sie sind es, die ihre Echtheit festlegen. Der eigentliche ,Kern‘ für die Wahl einer Person muss persönlich, nicht nur sexuell sein. Das Leben wird den Wert einer Wahl sowie den Wert und die wahre Größe der Liebe der Prüfung unterziehen“ – besonders, wenn die sexuelle Attraktivität nachlässt.

Wer also den modernen utilitaristischen Paradigmenwechsel von der Personalität zur Sexualität als entscheidender Größe von Liebe und Partnerschaft durchschaut, der letztlich die Institution der Ehe so entscheidend geschwächt hat, und wieder rückgängig macht, der kann auf dieser Grundlage dann alle anderen Aspekte der Familienethik verstehen und jungen Menschen heute vermitteln, wie sie Johannes Paul II. in „Liebe und Verantwortung“ ausbreitet: Von der Rehabilitierung der Keuschheit über die Metaphysik des Schamgefühls bis hin zur Problematik der Enthaltsamkeit, von Fragen der Verhütung über Geburtenkontrolle bis hin zur Abtreibung.

Allerdings, so bekennt der Rezensent, ist für ihn das Buch von Karol Wojtyla nicht allein als familienethisches Lesebuch von Interesse, sondern auch als politisches Zeitdokument. Geschrieben unter den Bedingungen einer kommunistischen Diktatur und in Vorlesungen vorgetragen worden ist es als eine einzige schallende Ohrfeige für die materialistische Ideologie des real existierenden Sozialismus und alles, auf was dieser so stolz gewesen ist – wie etwa seine „Sexualwissenschaft“. Karol Wojtyla verstand meisterhaft die Kunst der kleinen Nadelstiche. Seine Studien zeigen nachträglich, wie der Utilitarismus des Westens und der Materialismus des kommunistischen Denkens eine unheilvolle Allianz eingegangen sind, die bis heute die alltägliche Mentalität sowohl im „alten“ Europa als auch in den postsozialistischen Staaten prägen. Karol Wojtyla war ein mutiger, junger Philosoph gewesen – wer etwa die Philosophie liest, die zeitgleich in der damaligen DDR, der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten gelehrt worden ist, und von der westdeutschen Linken als fortschrittlich gefeiert wurde, kann in etwa ermessen, was dieser Mut Wojtylas bis heute wert ist.

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