Absage an die Anonymisierung

Der Hamburger Mariendom hat seit Mittwoch ein Kolumbarium. Von Claudia Kock
Foto: Kock | Kreuz und Stele im Hamburger Kolumbarium.
Foto: Kock | Kreuz und Stele im Hamburger Kolumbarium.

Hamburg (DT) Der Hamburger Mariendom hat am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel eine neue Begräbnisstätte erhalten: ein Kolumbarium, in dem in den kommenden Jahren bis zu 1 560 Gläubige ihre letzte Ruhestätte finden sollen. Etwa hundert Personen haben bereits Interesse einem der Urnengräber angemeldet; die erste Beisetzung wird am kommenden Montag stattfinden. Der Mariendom ist die erste katholische Kathedrale in Deutschland mit einem Urnenfriedhof.

An Grabstätten mangelt es in Hamburg nicht. Der im Norden der Stadt gelegene Friedhof Ohlsdorf ist mit 391 Hektar der flächenmäßig größte Friedhof der Welt, daneben gibt es zahlreiche weitere Friedhöfe, die zu einem großen Teil überkonfessionell oder auch interreligiös genutzt werden. Ein rein katholischer Friedhof wurde in der evangelisch-lutherisch geprägten Hansestadt, in der gegenwärtig etwa 183 000 Katholiken leben – etwa zehn Prozent der Bevölkerung – erst 2008 eingerichtet. Er liegt direkt beim Mariendom im zentralen Stadtteil St. Georg und war bisher nur den verstorbenen Mitgliedern des Domkapitels vorbehalten. In Zukunft sollen hier jedoch auch die Urnen aus dem Kolumbarium beigesetzt werden, sobald ihre Liegezeit von 20 Jahren abgelaufen ist.

Vor dem Schlusssegen der Messe stieg Erzbischof Werner Thissen zusammen mit dem Domkapitel in die Krypta unter dem Hauptaltar, um das Kolumbarium feierlich einzuweihen. In seiner Predigt sagte er: „Wir holen auf diese Weise unsere Toten vom Rande der Stadt wieder ins Zentrum. Wir beleben wieder den frühkirchlichen Brauch, dass die Heilige Messe über den Gräbern der Verstorbenen gefeiert wird. Das ist nicht nur ein Dienst an den Verstorbenen. Das ist auch ein Dienst an den Trauernden. Denn wer den Tod nicht verdrängt, der gibt dem Leben Raum.“ In Hamburg erführen, so Thissen, mittlerweile siebzig Prozent der Verstorbenen eine Feuerbestattung. Das Domkapitel habe beschlossen, daraus ein Zeichen zu machen und durch einen Urnenfriedhof in der Kathedrale die Toten aus der Peripherie ins Zentrum zu holen. „Wir holen die Verstorbenen aus der Anonymisierung heraus, und sie haben einen Namen.“

„Freut euch, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind“: Diese Worte aus dem Lukas-Evangelium stehen an der Eingangswand zur Krypta, einem flachen, 110 Quadratmeter großen Raum mit goldener Decke. Im Halbrund um die Grabstele herum befindet sich eine Wand mit quadratischen Türchen aus goldbraun schimmerndem Metall, hinter denen später die Urnen stehen werden – zwei in jeder Grabnische. Die Namen der Verstorbenen sowie ihr Geburts- und Todesdatum werden dann in goldgelben Lettern an den Türchen angebracht, von denen jede eine individuelle Oberflächenstruktur besitzt, die das einfallende Licht anders reflektiert: Symbol für die Individualität der Verstorbenen. Im Boden verläuft ein Streifen mit flachen grauen Kieselsteinen, auf dem Blumenschmuck niedergelegt werden kann, weiter hinten in einer Ecke brennen die Grabkerzen. Holzbänke rundherum laden zum stillen Gebet ein. Das Licht ist angenehm gedämpft, nur bei den Kerzen ist die Bank heller beleuchtet, um den Besuchern die Möglichkeit zu geben, in der Heiligen Schrift oder einem Andachtsbuch zu lesen.

Durch das Kolumbarium soll unter anderem ein Zeichen gesetzt werden gegen den Trend zu anonymen Bestattungen. In der Bundesrepublik werden derzeit etwa zwanzig Prozent aller Verstorbenen anonym „auf der grünen Wiese“ beigesetzt, und in Norddeutschland wird auch die Seebestattung immer populärer. Oft spielen finanzielle Überlegungen eine Rolle: Bei anonymen Gräbern entfallen die Kosten für die Grabpflege. Auch diesem Faktor wurde beim Kolumbarium unter dem Mariendom Rechnung getragen. Wer hier eine Grabstelle erwirbt, bezahlt einmalig etwa 3 500 Euro. Später fallen für die Angehörigen keine weiteren Kosten an, wie Peter Knorn, der Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit, erläutert.

Domkapitular Thomas Benner hat sich sehr für das Kolumbarium engagiert. Er berichtet von negativen Erfahrungen mit anonymen Gräbern. Manchmal kämen Menschen zu ihm, um zu erfahren, an welcher Stelle „unter dem grünen Rasen“ ein Angehöriger bestattet sei. Er müsse es wissen, denn er habe ihn ja beerdigt. Als Priester nehme er aber, entgegen der Annahme vieler Menschen, nicht die anonyme Beisetzung einer Urne vor. Das mache der Friedhofsgärtner. Wenn Hinterbliebene später doch versuchen, eine Stelle im Rasen zu markieren oder gar eine Kerze aufzustellen, ist Ärger mit der Friedhofsverwaltung vorprogrammiert.

Auch auf der Website eines traditionsreichen Hamburger Bestattungsunternehmens wird gewarnt: „Die Tatsache, keinen genauen Ort zum Trauern zu haben, führt nicht selten bei den nächsten Angehörigen im Nachherein zu Zweifeln, ob die anonyme Bestattung die richtige Wahl war.“

Die Markierung von Gräbern ist die älteste Ausdrucksform menschlicher Kultur; sie lässt sich bereits in der Jungsteinzeit nachweisen. Wer einen Angehörigen anonym bestattet, setzt sich über 8 000 Jahre menschlicher Kulturgeschichte hinweg. Erzbischof Thissen sagt, man könne diese „Un-Kultur“ jedoch nicht den Menschen zum Vorwurf machen. Es herrsche einfach zu viel Unwissen. Auch diesem Unwissen will die Erzdiözese Hamburg durch das Kolumbarium entgegenwirken. Architekt Thomas Klodwig, der das Kolumbarium entworfen hat, erläutert: „Wir haben uns stark mit dem Glauben auseinandergesetzt – Tod und Auferstehung – und Bezüge aus dem Dom aufgenommen. Im Apsis-Mosaik mit der Aufnahme Mariens in den Himmel findet sich das Gold oben im Kirchraum. Das haben wir unten in der Krypta wieder aufgenommen. Das Gold ist in der Ikonografie des Christlichen ein Zeichen für das Ewige, für das Leben über den Tod hinaus. Wir haben unten die goldene Decke positioniert, um die Verbindung zwischen der Aufnahme Mariens in den Himmel und der Aufnahme der Verstorbenen in den Himmel herzustellen.“

Die Stele in der Krypta, auf der die Urne während der Bestattungsfeier steht, liege auf derselben Zentralachse wie das Taufbecken in der Mitte des oberen Kirchenraums. Vom Taufbecken aus geht der Blick nach vorne zum Altar, über den Gekreuzigten hinweg zum Apsis-Mosaik mit der Aufnahme Mariens in den Himmel. Wendet man sich dagegen am Taufbecken nach rechts, so sieht man den Eingang zur Krypta mit einer überlebensgroßen Plastik des Auferstandenen. Von der Taufe geht es über die Auferstehung bis zur Vollendung in Gott, symbolisiert durch den Goldton der Krypta. Erzbischof Thissen: „Dadurch soll anschaulich werden: Nicht Ende, sondern Vollendung erbitten, erhoffen und erwarten wir gläubig für unsere Toten, die wir hier bestatten.“ So wird das Kolumbarium zur Stätte der Katechese und soll auch konkret zu diesem Zweck in die Domführungen integriert werden.

Thissen sagt, er werde oft gefragt, ob für katholische Christen die Feuerbestattung überhaupt erlaubt sei. Die Frage sei berechtigt: „Es gab Zeiten, wo sie tatsächlich verboten war. Der Grund: Feuerbestattung wurde als Kampfmittel gegen die Kirchen eingesetzt, als faktische Leugnung von Auferstehung und ewigem Leben. Diese Konfrontation spielt heute keine Rolle mehr. Folglich gibt es auch heute nicht mehr das kirchliche Verbot der Feuerbestattung.“

Die Feuerbestattung war für Katholiken nur zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts ausdrücklich verboten. Leo XIII. untersagte aus dem von Thissen erwähnten Grund 1886 den Katholiken die Feuerbestattung. Das Zweite Vatikanische Konzil hob dieses Verbot wieder auf. Heute empfiehlt die Kirche, dass „die fromme Gewohnheit beibehalten wird, den Leichnam Verstorbener zu beerdigen; sie verbietet indessen die Feuerbestattung nicht, es sei denn, sie ist aus Gründen gewählt worden, die der christlichen Glaubenslehre widersprechen“. Die frühchristliche Kultur ging aus der jüdischen Kultur hervor, in der die Erdbestattung üblich war. Auch nach der Trennung von der Synagoge hielten die Christen weiter an der Erdbestattung fest, nicht zuletzt aus religiöser Ehrfurcht vor der Grablege Christi.

Bis in die Neuzeit hinein blieb die Feuerbestattung zwar verpönt, theologische Gründe dagegen gibt es jedoch nicht. Schon Augustinus schrieb im fünften Jahrhundert: „Mag auch der Leib ganz und gar zerstäubt, in Luft oder Wasser aufgelöst und, soweit überhaupt möglich, vernichtet sein, so kann er doch nicht der Allmacht des Schöpfers entzogen werden, die kein Haar seines Hauptes umkommen lässt.“ Zwar solle man den verstorbenen Leib „nicht geringschätzig behandeln“ und „für ein würdiges Begräbnis sorgen“, aber dennoch „sind alle solchen Sachen wie Pflege des Leichnams, Besorgung des Begräbnisses und Bestattungsfeierlichkeiten mehr ein Trost der Lebenden als Dienst an den Toten“. Erzbischof Thissen erklärte, dass Auferstehung nicht heißt, dass der Mensch wieder „zusammengesetzt“ wird, sondern vielmehr, dass „alles, was sich im Leib des Menschen ausgedrückt hat, in seine Auferstehung eingeht: alle menschliche Verbundenheit, alle Beziehung zur Welt, alle irdische Erfahrung. Bewältigt, gereinigt und verklärt bleibt es für die Ewigkeit.“

Die Erdbestattung ist tief in der christlichen Tradition verwurzelt, und so mag ein Kolumbarium in einer katholischen Kathedrale für manche ein Stein des Anstoßes sein. Für die Katholiken in Hamburg ist es jedoch eine einzigartige Möglichkeit, die letzte Ruhestätte an einem heiligen Ort zu finden und ein Zeichen zu setzen für ihren Glauben an die Auferstehung und gegen die wuchernde Unkultur der namenlosen Gräber.

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