Zwischen Information und Grenzüberschreitung

Kontroverse über „Praxistipps“ in einem Informationsblatt zur Sexualpädagogik im Erzbistum Berlin. Von Barbara Stühlmeyer

Für Empörung hat kürzlich, ausgelöst durch eine Online-Petition, eine Broschüre über Sexualpädagogik gesorgt, die auf der Homepage des Erzbistums Berlin nachzulesen ist. In ihr sind, versehen mit einem Grußwort von Erzbischof Heiner Koch, die Inhalte eines Fachtages zusammengefasst, der am 23. Februar 2016 in der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin stattgefunden hatte. Unter der Überschrift „,In Freiheit und Verantwortung‘ – Sexualpädagogische Arbeit in katholischen Einrichtungen“ hatten sich Pädagogen und Sozialarbeiter über das Thema und ihre persönlichen Erfahrungen mit dessen Vermittlung ausgetauscht.

In der Debatte wird den Verantwortlichen des Bistums, insbesondere Erzbischof Heiner Koch, der das Grußwort zu dieser Broschüre verfasst hat, unterstellt, er habe junge Frauen indirekt zur Abtreibung ermutigt und diese als eine mögliche Handlungsoption dargestellt. Die Lektüre der in den Tagungsunterlagen enthaltenen Praxistipps zeigt, dass diese Darstellung verkürzt ist. Tatsächlich werden biblische und anthropologische Grundlagen sowie das christliche Menschenbild deutlich thematisiert. Was allerdings, und dies beklagen die Kritiker zu Recht, fehlt, ist eine prägnante Darstellung der Lehre der Kirche zu Fragen der Homosexualität, zum Ehebegriff und zu einem angemessenen Verhalten vor der Eheschließung, pädagogische Hinweise zu einer zielführenden Vermittlung dieser Inhalte sowie ausführliche Informationen über nicht nur an dieser Stelle verschwiegene Fakten wie etwa posttraumatische Belastungsstörungen nach Abtreibungen oder gesundheitliche Risiken bei Einnahme der Pille. Nicht erwähnt werden bewährte pädagogische Programme wie Teenstar, die Jugendlichen einen Zugang zu menschenwürdiger Sexualität im Einklang mit der Lehre der Kirche erschließen können. Im Fokus der Kritik steht der missverständlich als „Praxistipps“ bezeichnete Teil, bei denen es um den Umgang mit konkreten Situationen geht, etwa der Frage, welche Unterstützung ein fünfzehnjähriges Mädchen im Falle einer Schwangerschaft hat, wenn der Sexualpartner und die Eltern zur Abtreibung raten, sie ihr Kind aber austragen möchte. Dieser Abschnitt stellt die rechtliche Situation in Bezug auf vorgeburtliche Kindstötung in Deutschland bei minderjährigen Schwangeren dar, die Möglichkeit, sich gegen eine Zwangsheirat zu wehren und die Verschwiegenheitspflicht des Arztes.

Die Vertreter des Erzbistums Berlin sehen sich angesichts der gegen die Broschüre und ihre Inhalte gestarteten Petition veranlasst, deutlich zu machen, worum es ihnen beim Thema Sexualpädagogik geht. Der Pressesprecher des Erzbistums betonte gegenüber dieser Zeitung: „Sowohl bei der Fachtagung selbst, zu der Erzbischof Heiner Koch ein Grußwort gesprochen hat, als auch generell im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit werden Rechtsfragen niemals isoliert, sondern immer auf der Grundlage christlicher Wertvorstellungen diskutiert. Und hier steht die Frage nach dem Schutz des Lebens von Anfang an nicht zur Disposition. Um dies auch in dem kritisierten Papier deutlich zu machen, wurde es von den Verfassern präzisiert und entsprechend ergänzt.“

Katholische Pädagogen und Sozialpädagogen können nicht automatisch davon ausgehen, dass alle ihre Schülerinnen und Schüler die Lehre der Kirche kennen oder teilen. Auf der Fachtagung ging es, wie Erzbischof Koch in seinem Grußwort zu der Broschüre betont, darum, „den Spannungen zwischen katholischer Sexualmoral, eigener Haltung, Lebenswelt und den sexualpädagogischen Anforderungen am Arbeitsplatz nachzuspüren und ins Gespräch darüber zu kommen.“ „Wir müssen“, so der Bischof, „die Unterschiedlichkeit von Vorstellungen über Sexualität in unserer Gesellschaft zur Kenntnis nehmen. In der Begleitung junger Menschen müssen wir aber auch in der Lage sein, profiliert zu begründen, dass der christliche Glaube und sein Menschenbild zur Selbstverwirklichung, zu wahrer Beziehung und Intimität freimachen können.“

Die überarbeitete Broschüre – dem Beitrag über Abtreibung wurde ein Hinweis auf die an dieser Stelle zu thematisierende Position der Kirche hinzugefügt – ist unter www.katholisches-netzwerk-kinderschutz.de nachlesbar.