Zwischen Fehde und Frömmigkeit

Papst Franziskus erwarten in Chile und Peru gespaltene Kirchenkreise und politische Spannungen. Von Regina Einig

Dreißig Jahre haben die Katholiken in Chile und Peru seit den Pastoralreisen Johannes Pauls II. in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf einen erneuten Papstbesuch gewartet. Inzwischen hat sich die Zahl der Katholiken in beiden Ländern verringert. Evangelikale Sekten und Freikirchen werben Gläubige an. Der Kirche bläst der Wind von seiten der säkularisierten Gesellschaft schärfer entgegen. Am 15. Januar beginnt Papst Franziskus seine nächste Lateinamerikareise in Santiago de Chile. Kurz vor Weihnachten dämpfte Gonzalo Brumel, der Wahlkampfleiter des gewählten konservativen Präsidenten Sebastián Pinera die Erwartungen an politische Verhandlungsspielräume des Nachfolgers Petri. Pinera, der im März als Nachfolger der Sozialdemokratin Michelle Bachelet sein Amt antritt, werde an dem neuen Abtreibungsgesetz nichts ändern. „Wir drehen das Rad nicht zurück“, hieß es knapp.

Damit ist die Hoffnung, der Papstbesuch werde sich politisch für den Schutz des ungeborenen Lebens auszahlen, schon vor der Ankunft des Nachfolgers Petri gescheitert. Mitte Dezember trat das neue Abtreibungsgesetz in Kraft, das vorgeburtliche Kindstötung in drei Fällen straffrei lässt: wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist, nach einer Vergewaltigung und wenn das Ungeborene aller Voraussicht nach nicht lebensfähig ist. Treibende Kraft zur Liberalisierung der Abtreibung war die 66-jährige Bachelet, eine in der DDR ausgebildete Kinderärztin.

Heftige öffentliche Debatten waren der Gesetzesveröffentlichung vorangegangen. Sowohl die katholische Kirche als auch evangelikale Kreise lehnen die straffreie vorgeburtliche Kindstötung entschieden ab.

Im Vorfeld des Papstbesuchs meldete sich der emeritierte Kurienkardinal Jorge Medina Estévez in einer überregionalen Zeitung zu Wort. Der 91-jährige vormalige Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung erklärte alle Politiker für exkommuniziert und unwählbar, die eine Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes befürworten und ihr Handeln nicht öffentlich bereuen. Zudem stehe ihnen im Todesfall kein kirchliches Begräbnis zu. Medina, der dem Papst die Situation in Chile in einem ausführlichen Brief dargelegt hat, erhielt viel Zustimmung, aber auch Widerspruch aus Kirchenkreisen.

Zu den schärfsten Kritikern Kardinal Medinas gehörten Mitglieder der Gesellschaft Jesu. Papst Franziskus wird seinen Ordensbrüdern in Santiago de Chile am 16. Januar in jenem Heiligtum begegnen, das dem 2005 von Benedikt XVI. heiliggesprochenen Jesuitenpater Alberto Hurtado (1901–1952) geweiht ist. Die von ihm ins Leben gerufene Stiftung „Hogares de Cristo“ unterhält Einrichtungen für Arme und sozial Benachteiligte in Chile.

Mit den gesellschaftlichen Konflikten des Landes wird der Papst auch an seinem zweiten Besuchstag in Temuco in Berührung kommen. Dort isst er mit Bewohnern der südchilenischen Region Araucanía zu Mittag. Letztere leidet seit Jahrzehnten unter einem sich zunehmend radikalisierenden Landkonflikt zwischen Mapuche-Indianern und weißen Farmern und Unternehmern. Immer wieder werden auch katholische Gotteshäuser oder Kirchen von Pfingstlern und Evangelikalen angegriffen. In Südchile gibt es starke Antipathien gegen den Papstbesuch: Nach einem Anschlag auf einen Bus hinterließen Täter kürzlich die Botschaft „Brennt Kirchen ab, Papst Franziskus ist in Araucanía nicht willkommen“. Dennoch feiert Franziskus am 17. März in Temuco eine heilige Messe, an der auch eine Delegation von Mapuche-Indianern teilnimmt. Die Mapuche sind Ureinwohner und gehören zur wirtschaftlich am schlechtesten gestellten Bevölkerungsschicht Chiles. Seit den neunziger Jahren stufen Regierung und Justiz die von den Indigenen begangenen Straftaten als Terrorakte ein. Das Leitwort der Papstreise „Meinen Frieden gebe ich euch“ wird von vielen Chilenen auf den Konflikt mit den bis heute vom Staat nicht als Volksgruppe anerkannten Mapuche bezogen. Auch Johannes Paul II. hatte während seiner einzigen Pastoralreise nach Chile 1987 Temuco besucht und Vertreter der Mapuche empfangen.

Das innere Feuer lateinamerikanischer Volksfrömmigkeit dürfte sich eher in der Nähe von Iquique Bahn brechen, wo der Papst am 18. Januar die Messe zu Ehren Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel feiert und das Gnadenbild der Muttergottes „Nuestra Senora del Carmen de la Tirana“ krönt. Zu dieser Eucharistiefeier werden zahlreiche Einwanderer erwartet. Chile verzeichnet von allen lateinamerikanischen Ländern die höchste Zuwanderung. Seit dem Besuch Johannes Pauls II. 1987 ist die Zahl der Migranten von 83 800 auf 477 000 gestiegen. Die Volksfrömmigkeit schafft einen gemeinsamen geistlichen Nenner zwischen Gläubigen verschiedener Ethnien. In der geistlichen Vorbereitung auf den Papstbesuch hat die Kirche auf Katechesen und eucharistische Anbetung gesetzt. Auch der schon im Pontifikat Johannes Pauls II. gepflegte Brauch, hunderttausende Hausaltärchen zu verteilen, wurde wieder aufgegriffen. So will die Kirche das Bewusstsein der Familien zu stärken, selbst Hauskirche zu sein.

Nicht minder intensiv bereiten sich die Gläubigen in Peru auf die Ankunft von Papst Franziskus vor. Der peruanische Geistliche Mario Arroyo Martínez, Seelsorger an der Universität UDEP in Lima, erklärt gegenüber dieser Zeitung : „Der Papstbesuch bringt bereits Früchte, ehe er begonnen hat.“ Seit Monaten werden zwanzigtausend Freiwillige geschult: Vorträge über den Papst und die historische Bedeutung der Kirche in Peru, Werke der Barmherzigkeit, Einladung zur Beichte und eine Aussendungsmesse bringen die Ideale des Evangeliums in der kirchlichen Gemeinschaft zum Leuchten.

Perus Bischöfe unterstreichen in ihrem Hirtenbrief zum Papstbesuch, dass sich die Menschen von Franziskus im Glauben stärken lassen sollen, „um ein stimmigeres Zeugnis“ zu geben. „Ein traditionsgemäß übernommenes Christentum genügt heute nicht mehr. Wir sind heute Entscheidungschristen. Wer sich entschlossen hat, Jesus nachzufolgen, muss sich darüber im Klaren sein, dass es die Aufgabe der Kirche ist, zu evangelisieren und dass das ganze Volk Gottes Subjekt der Evangelisierung ist.“ Das in Lateinamerika oft zu beobachtende Phänomen, dass sich glühende Volksfrömmigkeit mit geringer Sakramentenpraxis und Glaubenskenntnis paart, macht auch der Kirche in Peru zu schaffen. Nicht jeder, der an Prozessionen teilnimmt, kommt auch zur Sonntagsmesse. „Viele Peruaner haben neben religiösen auch abergläubische Praktiken“, berichtet Mario Arroyo Martínez. Er hat die Erfahrung gemacht, dass evangelikale Gruppen gerade diese Schwachstelle nutzen, um die katholische Kirche herabzusetzen und Katholiken unter dem Vorwand zu gewinnen, in ihren Gemeinschaften würde ein authentisches christliches Leben geführt.

Für junge Peruaner wird es der erste Papstbesuch. Johannes Paul II. reiste 1985 und 1988 in das von Gewalt und Terror geplagte Land. Den Fokus auf die Krisenregionen legt auch Papst Franziskus. Er besucht die vom Klimaphänomen „Küsten-Nino“ heimgesuchte Stadt Trujillo im Norden. Im Frühjahr verloren dort viele Menschen bei Überschwemmungen ihr gesamtes Hab und Gut.

Gleich am ersten Besuchstag – dem 19. Januar – wird der Papst in Puerto Maldonado, der Hauptstadt der Amazonasregion Madre de Dios, mit der Sorge um die Natur konfrontiert. Illegaler Bergbau und wilde Abholzung gefährden die Existenz der indigenen Bevölkerung. Sie zählt zur ärmsten Schicht Perus, die von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung des Landes in den vergangenen Jahren nicht profitiert hat und um ihre Rechte kämpft. Dass Franziskus der Begegnung mit den Indigenen der Amazonasregion mehrere Stunden sowie ein Mittagessen einräumt, weckt Erwartungen und macht diese Station zu einer der meistbeachteten seiner Visite. Vom Papst wird inmitten gesellschaftspolitischer Ambivalenzen eine klare Botschaft erwartet. Wie bedenkenlos Politikern in Peru auf der Klaviatur des Populismus spielen, veranschaulicht Mario Arroyo Martínez am Beispiel des Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski: Dieser pflegt demonstrativ an religiösen Feierlichkeiten teilzunehmen und weihte das Land dem Heiligsten Herzen Jesu. Andererseits betreibt er die Einführung der Genderideologie in das nationale Erziehungsprogramm und will die religiöse Bildung in den Schulen einschränken. Die Gabe der Unterscheidung der Geister wird von Papst Franziskus auf dieser Reise mehr denn je verlangt, wenn sie ein mit den Pastoralvisiten Johannes Pauls II. vergleichbarer historischer Referenzpunkt werden soll.