Zwei Irrlehren im neuen Gewand

Das Schreiben „Placuit Deo“ erläutert die Warnung von Franziskus vor dem Neo-Gnostizismus und dem Neo-Pelagianismus. Von Guido Horst

Luis Francisco Ladaria Ferrer
Der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Luis Ladaria, greift mit dem aktuellen Dokument einen Diskussionsfaden aus der Ära Kardinal Ratzingers wieder auf. Foto: KNA
Luis Francisco Ladaria Ferrer
Der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Luis Ladaria, greift mit dem aktuellen Dokument einen Diskussionsfaden ... Foto: KNA

Ein kurzer Text, der es dennoch in sich hat, weil er den Kern des christlichen Glaubens auf den Punkt bringt – und damit auch das Heilmittel gegen die große Schwäche, die die oft bürokratisch und müde wirkende Kirche des Westens befallen hat. Und zugleich ein Lehrdokument, dass etwas im Unklaren lässt, was denn der konkrete Anlass ist, auf den der Vatikan mit diesem Schreiben antworten will. Die Glaubenskongregation hat am vergangenen Donnerstag ein Schreiben an alle Bischöfe der Welt veröffentlicht, das den Titel „Placuit Deo“ – „Es hat Gott gefallen“ trägt und sich, wie Glaubenspräfekt Erzbischof Luis Ladaria SJ bei der Vorstellung des Textes sagte, über die Bischöfe an alle Gläubigen der katholischen Kirche richtet. Das Schreiben behandelt dasselbe Thema, das auch die Erklärung „Dominus Iesus“ des Jahres 2000 zum Gegenstand hatte: die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche. Damals war das unter Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger erarbeitete Papier auf viel Kritik von Seiten der nicht-katholischen Kirchengemeinschaften gestoßen, weil „Dominus Iesus“ den protestantischen Denominationen, die das eucharistische Mysterium und die apostolische Sukzession nicht bewahrt haben, bescheinigte, keinen vollgültigen Anteil an der einen und wahren Kirche Jesu Christi zu haben.

Auf diese Kritik von reformatorischer Seite, die dann auch ihr Echo im Raum katholischer Theologen fand, geht weder „Placuit Deo“ ein, noch wurde sie von den Erzbischöfen Ladaria und Giacomo Morandi, dem Sekretär der Glaubenskongregation, bei der Vorstellung des Schreibens thematisiert. So kann der aktuelle Anlass eigentlich nur der Wunsch von Papst Franziskus sein, nochmals zu verdeutlichen, was er mit seiner mehrfach vorgebrachten Warnung vor einem Neo-Gnostizismus und Neo-Pelagianismus unter christlichen Gläubigen von heute meinte. So hatte Franziskus in „Gaudium evangelii“ von der „Faszination des Gnostizismus“ gesprochen, eines „im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt“. Das ist für den Papst in der Quintessenz immer noch der Neo-Gnostizismus von heute. Und ebenso hat Franziskus bereits häufig das Gedeihen eines Neu-Pelagianismus beklagt, gemäß dem das radikal autonome Individuum vorgebe, sich selbst zu erlösen, ohne anzuerkennen, dass es im Tiefsten seines Seins von Gott und von den anderen abhängig ist. Das Heil werde deshalb von den Kräften des Einzelnen oder von rein menschlichen Strukturen erwartet, die aber nicht imstande sind, die Neuheit des Geistes Gottes aufzunehmen. Tatsächlich beruft sich „Placuit Deo“ ausdrücklich auf das erneute Vordringen des Neo-Gnostizismus und des Neo-Pelagianismus – ursprünglich zweier Häresien aus der Frühzeit der Kirche, die heute in frisch gelifteten Versionen wieder geistige Gefolgschaft finden. Eine Diagnose, die übrigens schon Kardinal Ratzinger bei einem viel zitierten Vortrag des Jahres 1990 über die „stete Erneuerung der Kirche“ vorgelegt hat.

Wörtlich heißt es in „Placuit Deo“: „Gemäß der Häresie des Pelagianismus, die sich im fünften Jahrhundert um Pelagius entwickelt hat, braucht der Mensch die Gnade zur Erfüllung der Gebote Gottes und zu seiner Rettung nur im Sinn einer äußerlichen Hilfe für seine Freiheit (etwa wie ein Licht, ein Beispiel, eine Kraft), nicht aber im Sinn einer gänzlich unverdienten Heilung und radikalen Erneuerung seiner Freiheit, die es ihm möglich macht, das Gute zu tun und das ewige Leben zu erlangen.“ Und zum Wiederaufleben des Gnostizismus hält das Schreiben fest: „Komplizierter ist die gnostische Bewegung, die im ersten und zweiten Jahrhundert entstanden ist und viele unterschiedliche Formen kennt. Im Allgemeinen glaubten die Gnostiker, dass man das Heil durch eine esoterische Kenntnis oder ,Gnosis‘ erlangt. Diese Kenntnis macht dem Gnostiker sein wahres Wesen bekannt, nämlich einen Funken des göttlichen Geistes, der in seinem Inneren wohnt, das vom Leib befreit werden muss, weil dieser seinem wahren Menschsein fremd ist. Nur auf diese Weise kehrt der Gnostiker zu seinem ursprünglichen Sein in Gott zurück, von dem er sich durch den Sündenfall entfernt hatte.“ Die Neuauflage dieser Irrlehren, das heißt der Individualismus des Neu-Pelagianismus sowie die Leibverachtung des Neu-Gnostizismus, entstellen für „Placuit Deo“ das Bekenntnis des Glaubens an Christus, den einzigen und universalen Retter: „Wie könnte Christus den Bund mit der ganzen Menschheitsfamilie aufrichten, wenn der Mensch ein isoliertes Individuum wäre, das sich nur mit eigenen Kräften selbstverwirklichen könnte, wie der Neu-Pelagianismus vorgibt?“ Und wie könnte das Heil durch die Menschwerdung Jesu, sein Leben und Sterben und die Auferstehung in seinem wahren Leib zu uns kommen, wenn nur das wichtig wäre, was das Innere des Menschen von den Begrenzungen des Leibes und der Materie befreit, wie der Neu-Gnostizismus meine?

Für die Autoren von „Placuit Deo“ hat die richtige Antwort auf diese beiden Gefahren drei Aspekte. Der anthropologische: Jeder Mensch sehnt sich nach einem Glück, das er sich nicht selber verschaffen kann. Gerade in Situationen der persönlichen Not wird diese Sehnsucht besonders erfahren. Dann der christologische Aspekt: „Als Antwort auf die individualistische Verkürzung des Neu-Pelagianismus sowie auf das Versprechen einer bloß innerlichen Befreiung von Seiten des Neu-Gnostizismus muss daran erinnert werden, wie Jesus als Retter wirkt. Er hat sich nicht darauf beschränkt, uns den Weg zur Begegnung mit Gott zu zeigen... Um uns die Tür zur Erlösung aufzutun, ist Christus vielmehr selbst der Weg geworden: ,Ich bin der Weg‘.“

Und schließlich der ekklesiologische Aspekt: Der Ort, an dem Menschen das von Christus gewirkte Heil geschenkt wird, ist die Kirche mit ihren Sakramenten. Die in diesem Zusammenhang von protestantischer Seite geübte Kritik an „Dominus Iesus“ lässt „Placuit Deo“ unerwähnt und beantwortet diese auch nicht indirekt.