Zusammenbruch des Vertrauens in die Kirche

Papst und Bischöfe analysierten die Folgen des Missbrauchsskandals in Irland

Rom (DT) Es war ein ernstes Treffen, das die 24 Bischöfe der Kirche in Irland in den Vatikan geführt hat. Und es endete mit einer ernsten Ermahnung des Papstes. Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sei nicht nur ein abscheuliches Verbrechen, sagte Benedikt XVI. vor den Bischöfen, sondern auch eine schwere Sünde, die Gott beleidige und die Würde der nach seinem Abbild geschaffenen Menschen verletze. So heißt es in einer Pressemitteilung, die der Vatikan Dienstagmittag nach dem Ende der Beratungen herausgegeben hat.

Anderthalb Tage hatte sich der Papst Zeit genommen, um die Beobachtungen und Empfehlungen der irischen Oberhirten zu hören und selber zu ihnen zu sprechen. Die von zwei staatlichen Kommissionen aufgedeckten Missbrauchsfälle und in ihre Vertuschung durch kirchliche Vorgesetzte haben die Kirche auf der Insel in eine tiefe Krise gestürzt. Auch wenn die gegenwärtige schmerzvolle Situation nicht schnell gelöst werden könne, sagte der Papst nach Angaben der vatikanischen Pressemitteilung, müssten die Bischöfe jedoch die Schwierigkeiten der Vergangenheit mit Entschiedenheit angehen und lösen sowie sich der aktuellen Krise mit Aufrichtigkeit und Mut stellen. Benedikt XVI. drückte seine Hoffnung aus, dass das Treffen in Rom die Einheit der Bischöfe stärke und sie in die Lage versetze, mit einer Stimme zu sprechen, wenn es jetzt darum gehe, konkrete Schritte zu unternehmen, um den Missbrauchten Heilung zu bringen, zu einer Erneuerung des Glaubens in Christus zu ermutigen und die geistliche und moralische Glaubwürdigkeit der Kirche wieder herzustellen.

Offene Personalfragen

Der Auftrag an die irische Kirchenführung ist also erteilt. Papst Benedikt selber wird sich – wie bereits angekündigt – in der Fastenzeit mit einem eigenen Schreiben an die Gläubigen in Irland wenden. Die Bischöfe haben jetzt in Rom einen Entwurf dieses Briefs studiert und dazu Anmerkungen vorgetragen. Auch sind noch einige Personalfragen zu entscheiden. Vier irische Bischöfe haben bis jetzt dem Papst ihren Rücktritt angeboten, Benedikt XVI. hat jedoch erst einen – den von Bischof Donald Murray von Limerick – angenommen. Ein weiterer Bischof, den die staatliche Untersuchungskommission der Vertuschung von Missbrauchsfällen in seiner Zeit als Weihbischof in Dublin beschuldigt, ist mittlerweile im Ruhestand. Ein sechster, auf den dies zutrifft, Martin Drennan aus Galway, weigert sich noch, die Demission einzureichen und beteuert seine Unschuld. Bereits im März vergangenen Jahres hatte Bischof John Magee von Cloyne seinen Rücktritt einreichen müssen. Der 73-Jährige, der in Rom Privatsekretär von Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II. gewesen war, hatte es unterlassen, gegen zwei Priester vorzugehen, die des Missbrauchs beschuldigt wurden.

Offen hätten die irischen Bischöfe jetzt in Rom über die „Gefühle von Schmerz und Ärger, von Verrat, Skandal und Scham“ gesprochen, die ihnen von den Opfern der Missbrauchsfälle entgegengebracht worden seien, heißt es in der vatikanischen Pressemitteilung. Sie berichteten auch, dass heute Tausende von Laienmitarbeitern in den irischen Pfarreien über die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen wachen würden. In den Gesprächen mit dem Papst räumten sie ein, dass Fehleinschätzungen und Unterlassungen die Krisen ausgelösten hätten. Sie unterstrichen ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden und den kirchlichen Kinderschutzbeauftragten ihres Landes.

Die Pressemitteilung des Vatikans hält fest, dass die Führung der Kirche in Irland über Jahre Fehler gemacht habe, was jetzt schließlich zu einem Zusammenbruch des Vertrauens in die Kirchenleitung und in ihr Zeugnis für das Evangelium und die Morallehre der Kirche geführt habe. Alle Anwesenden, die Bischöfe wie der Papst, der bei den Gesprächen von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone und Spitzenvertretern der römischen Kurie begleitet wurde, hätten in diese Diagnose eingestimmt.

Der Papst nannte in seiner Ansprache auch tiefergehende Gründe für dieses Versagen. Benedikt XVI. wies vor den Bischöfen auf eine allgemeine Glaubenskrise und einen Mangel an Respekt gegenüber der menschlichen Person hin. Die Schwächung des Glaubens sei ein wesentlicher Faktor beim Phänomen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Der Papst verlangte eine theologische Vertiefung des gesamten Fragenkomplexes. Zudem forderte er eine bessere menschliche, geistige, akademische und pastorale Betreuung der Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben sowie für die, die bereits geweiht seien oder die Profess abgelegt hätten.

Amerika als warnendes Beispiel

An der Spitze der Bischofsgruppe standen der irische Primas, Kardinal Sean Brady, und der Erzbischof von Dublin, Diarmud Martin, der von 1976 bis 2003 an der römischen Kurie gearbeitet hatte, zuletzt als Generalsekretär des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden.

Vor allem Martin verficht in der Bewältigung der Missbrauchskrise eine harte Linie und erntet damit auch Kritik im Klerus der Hauptstadt-Diözese. Allerdings hat sich Martin ganz und gar das Anliegen Papst Benedikts zu eigen gemacht, das Vertrauen der Iren für die Kirche sowie ihr Personal und ihre Einrichtungen zurückzugewinnen.

Doch das Beispiel der Vereinigten Staaten hat vorgeführt, wie lange ein einmal offenbar gewordener Missbrauchsskandal in den Köpfen der Menschen haften bleibt. Es ist eine schwere Aufgabe für den Papst, diesem Eindruck mit dem angekündigten Pastoralschreiben an die Kirche in Irland entgegenzuwirken.