Zur Besiegelung des Glaubensjahrs

Erstmals zeigt ein Papst der Öffentlichkeit und vor aller Welt Reliquien des heiligen Petrus. Von Guido Horst

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18) lautet die Inschrift auf der Vorderseite der kleinen Bronze-Truhe. Foto: Fotos: dpa
„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18) lautet die Inschrift auf der Vorderseite... Foto: Fotos: dpa

Rom (DT) Das hat es noch nie gegeben: Während der Chor im Hintergrund auf Latein das Credo sang – wegen der schon sehr kühlen Temperaturen hatte er in der Vorhalle von Sankt Peter Aufstellung genommen –, hielt Franziskus in seinen Händen die kleine, mit Bronze überzogene Truhe, von der bis vor kurzem selbst im Vatikan nur die wenigsten wussten, dass es sie überhaupt gibt. Sechseinhalb Minuten stand der Papst auf dem Sagrato vor der Vatikanbasilika und schaute schweigend auf das Knochenreliquiar herab, das die ganze Abschlussmesse zum Glaubensjahr rechts vor dem Altar vor der Fassade des Petersdoms stand. Nicht die Kardinäle, Patriarchen, Bischöfe und Prälaten, die am Rande der Altarinsel den Papstgottesdienst mitfeierten, auch nicht die Gläubigen auf dem Petersplatz, aber die Zuschauer im Fernsehen konnten die Inschrift sehen, die die Vorderseite der kleinen Truhe schmückt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ Mt 16,18. Und auf der Oberseite der Truhe – das konnten wiederum auch die Fernsehzuschauer nicht sehen – stehen Worte von Paul VI. aus dem Jahr 1971, mit denen der Papst damals den Glauben der Kirche zum Ausdruck brachte, dass die Knochenreste in dem Gefäß zu den Gebeinen gehören, die unter dem Petersdom gefunden wurden und auf den Apostel Petrus zurückgehen sollen: „Ex ossibus quae in Arcibasilicae Vaticanae hypogeo inventa Beati Petri Apostoli esse putantur“, zu Deutsch: „Genommen aus den Knochen, die aus dem Boden unter der Vatikanbasilika stammen und die dem seligen Apostel Petrus zugeschrieben werden.“ Diese Truhe mit insgesamt acht etwa zwei bis drei Zentimeter großen Knochenteilen hat der Vatikan noch nie der Öffentlichkeit gezeigt. Das „Jahr des Glaubens“ endete also mit einem historischen Ereignis.

An anderer Stelle ist über das Petrusgrab und die Gebeine des Apostelfürsten zu schreiben – zu kompliziert und wechselhaft ist deren Geschichte. Doch an diesem fast schon winterlichen Sonntagvormittag – an dem sich der Petersplatz nur langsam füllen wollte, die Menschen am Ende aber dann, als der Papst nach Messe und Angelus mit seinem Papamobil durch die Reihen fuhr, auch auf der dem Kolonnadenrund vorgelagerten Piazza Pio XII standen – war schon beeindruckend, mit welcher Einfachheit Franziskus vatikanische Gepflogenheiten beiseite schiebt. Denn bisher war es in Rom nicht üblich, die während des Zweiten Weltkriegs in den Nekropolen unter dem Altarraum von Sankt Peter gefundenen Gebeine, die ab den fünfziger Jahren eingehender untersucht und schließlich von Paul VI. dem Fischer aus Galiläa zugeschrieben wurden, der Öffentlichkeit zu zeigen oder auszustellen. Das wird auch in Zukunft nicht der Fall sein. Nach dem Gottesdienst kam die bronzene Schatulle wieder zurück in die päpstliche Kapelle im Apostolischen Palast, wo sie seit Anfang der siebziger Jahre steht. Damals wurde offensichtlich die Petrus-Reliquie geteilt: Die acht Knochensplitter kamen in die Kapelle des Papstes, während die übrigen, von einer Glaskapsel umschlossenen Gebeine des Apostels in einer Mauernische verblieben – unmittelbar neben dem sogenannten „Tropaion“ (Siegeszeichen), einem kleinen Denkmal, welches um das Jahr 160 nach Christus über dem mit einer einfachen Schutzmauer gesicherten Erdgrab Petri errichtet worden war und das man bei Grabungen genau unter dem Hauptaltar in den vierziger Jahren gefunden hatte. An der Schutzmauer stieß man damals auch auf den Graffito „Petrus eni“, den man mit „Petrus ist hier“ übersetzen kann.

Der Glaube ist keine Theorie, er lässt sich begreifen

Während die Archäologen des Vatikans mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass sich das einfache Grab des Apostels tatsächlich in den Nekropolen unter dem Petersdom befindet, weil schon sehr früh eine Verehrung des Apostels einsetzte, verhält es sich mit den Knochen anders. Es gibt nur Indizien, die für die Echtheit der Reliquie sprechen. Dazu gehört aber etwa auch, dass man keine Fußknochen gefunden hat. Ein römischer Soldat muss mit dem Leichnam Petri, der im Circus des Nero direkt neben den Nekropolen (da, wo heute der Campo Santo Teutonico liegt) das Martyrium erlitt, kurzen Prozess gemacht haben: Petrus wurde kopfüber gekreuzigt, ein Hieb mit dem Kurzschwert hat den Leichnam wohl vom Holz getrennt.

So kam es, dass weder unter Paul VI. noch unter Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. je eine Petrusreliquie öffentlich als solche gezeigt worden wäre. Und das, obwohl der deutsche Papst doch das Grab des Völkerapostels Paulus freilegen und die darin enthaltenen Knochenreste untersuchen ließ und es heute wieder eine gut besuchte Wallfahrt zu den Gebeinen des Apostels in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern gibt. Doch dann kam aus Argentinien der Jesuiten-Papst, wischte alle – auch ökumenischen – Bedenken und jede Zurückhaltung beiseite und zeigte quasi als Besiegelung des Glaubensjahrs Knochenreliquien des Apostelfürsten, auf die immerhin die Tatsache zurückgeht, dass sich seit dem vierten Jahrhundert über dem Petrusgrab eine Basilika erhebt – seit Kaiser Konstantin Alt-Sankt Peter, seit dem sechzehnten Jahrhundert der gewaltige Michelangelo-Bau. Nach zweitausend Jahren sind die sterblichen Überreste des heiligen Paulus und jetzt auch die des Fischers Petrus gewissermaßen in das Blickfeld der Gläubigen zurückgekehrt. In einer Zeit, in der wissenschaftlicher Skeptizismus, eine kritische Exegese und eine blühende Vielfalt der unterschiedlichsten historischen Theorien die Anfänge des Christentums in einen undurchdringbar scheinenden Nebel tauchen, kommen zwei Päpste – zunächst Benedikt XVI. und jetzt Franziskus – und zeigen der ganzen Kirche, dass der Glaube mit etwas zu tun hat, das sich auch heute noch sehen und anfassen lässt.

Am Ende der Messe am Sonntag überreichte Franziskus 36 ausgewählten Personen, unter ihnen ein junger Bischof, ein junger Priester und ein Diakon, in Papierform und auf CD gebrannt sein Schreiben zum Abschluss des „Jahrs des Glaubens“, eine „Apostolische Exhortation“, wörtlich eine „Apostolische Ermahnung“. Den Organisator der meisten römischen Veranstaltungen in den zurückliegenden dreizehn Monaten des Glaubensjahrs, Erzbischof Rino Fisichella vom Päpstlichen Neuevangelisierungsrat, bedachte der Papst öffentlich mit herzlichem Lob und Dank. Und zu Beginn seiner Predigt hatte Franziskus ausdrücklich auf Papst Benedikt verwiesen, der das „Jahr des Glaubens“ gewollt hatte. Dass es so enden würde, mit einem emeritierten Papst hinter und einem amtierenden Papst vor der Vatikanbasilika, das hätte vor dreizehn Monaten wohl niemand geahnt.