Zukunft für das Welterbe

Der Hildesheimer Dom wird am Wochenende für viereinhalb Jahre geschlossen

Hildesheim (DT) Der Hildesheimer Dom hat manches erlebt und überstanden: Feuersbrünste, Kriege und stilistische Verirrungen. Am kommenden Wochenende schreibt das Bistum ein weiteres Kapitel dieser reichen Baugeschichte. Dann wird die Bischofskirche für mindestens viereinhalb Jahre geschlossen und gründlich saniert, außerdem das Dom-Museum neu gebaut. Pünktlich zum 1 200-jährigen Bistumsjubiläum im Jahre 2015 soll der Dom wieder ein romanisches Raumgefühl vermitteln.

Seit 1985 gehört der Hildesheimer Dom, dessen Fundamente bis ins neunte Jahrhundert reichen, mit seinen Kunstschätzen zum UNESCO-Welterbe, ebenso wie die Hildesheimer Michaeliskirche. Damit haben die Experten schon vor einem Vierteljahrhundert das einzigartige Ensemble aus romanischem Bau und mittelalterlichen Kunstschätzen als besonders wertvoll und erhaltenswert eingestuft. Unter den Schmuckstücken der Domausstattung ragen besonders der Hezilo-Radleuchter über dem Altar, die großen Bernwardtüren aus Bronze mit ihrem reichen Bildprogramm und die ebenfalls bronzene Christussäule hervor. Sie alle haben den Zweiten Weltkrieg und vor allem den verheerenden Luftangriff vom 22. März 1945, bei dem der Dom komplett ausbrannte, überstanden, da sie rechtzeitig ausgelagert wurden. Die Bischofskirche ist heute weitgehend ein Neubau aus den 50er Jahren auf mittelalterlichem Fundament. Sowohl die Bautechnik als auch die Ästhetik entsprechen dem damaligen Stand der Technik beziehungsweise dem Zeitgeschmack und sind inzwischen überholt. Seit Jahren plant das Hildesheimer Domkapitel als Bauherr daher eine gründliche Sanierung seiner Bischofskirche. Dass in fünf Jahren das 1 200-jährige Bistumsjubiläum ansteht, hat dem Unternehmen großen Schwung verliehen. Im Jahre 2005 gewann der Kölner Architekt Professor Johannes Schilling den ausgeschriebenen Architektenwettbewerb und wird seine mehrfach veränderten Pläne nun auch in die Tat umsetzen.

Schillings Pläne sehen vor, den Dom gründlich zu sanieren, die Gebäudetechnik zu erneuern und einen angemessenen Brandschutz zu gewährleisten. Außerdem wird das Dach des Domes erneuert und eine neue Lautsprecheranlage installiert.

Die Sanierung des Doms soll vor allem sein romanisches Raumgefüge wieder herstellen. Dafür will das Domkapitel unter anderem die Bernwardtür, die bislang eine Außentür ist, nach innen versetzen, um sie so besser vor Witterungseinflüssen zu schützen. Der Architektenplan sieht vor, die Tür zu drehen, so dass die Schauseite nach außen zeigt, wie vom Stifter, dem Heiligen Bernward, ursprünglich beabsichtigt. Die Orgelempore wird durch eine freitragende Konstruktion ersetzt und die Treppenanlage im Nordquerschiff entfernt.

Im Zuge der Sanierung der Fußbodenheizung kann der Fußboden im Dom ohne größere Probleme leicht auf das ursprüngliche Bodenniveau abgesenkt und ein neuer Zugang zur Krypta geschaffen werden. Dort entsteht auch eine neue Grablege für die verstorbenen Bischöfe. Abgesenkt wird zudem der Altarraum. Der Hezilo-Leuchter kehrt an seinen ursprünglichen Ort in die Mitte des Domes zurück. Nach der Wiedereröffnung zeigt sich den Gläubigen und Besuchern dann ein klar gegliedertes Gotteshaus, das weit stärker als bisher seine romanischen Wurzeln spüren lässt.

2015 wird der Dom außerdem anders klingen als heute. Mit der Empore muss auch zunächst die große Klais-Orgel weichen. Gereinigt, repariert und mit zehn zusätzlichen Registern wird sie später wieder eingebaut und ergänzt durch eine neue transportable Chororgel. Weicher, farbiger und fülliger soll die Königin der Instrumente dann klingen, versprechen die Domorganisten. Deutlich voller ertönt dann auch das Hildesheimer Domgeläut, schon jetzt eines der klangvollsten und tiefsten Geläute Norddeutschlands. Es umfasst im Moment sechs Glocken mit den Tönen F0, As0, B0, C1, Es1 und F1. Zusammen ergeben sie einen F-Moll-Akkord mit Zusatztönen, in der Fachsprache ein „Doppel-Tedeum“. Im Zuge der Domsanierung soll das Geläut um sechs hohe Glocken ergänzt werden, die bereits nach dem Krieg geplant waren, aber nie gegossen wurden. Damit wird die Domsanierung zumindest in diesem Punkt den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg beenden.

Völlig neue Räume erhält das Dom-Museum des Bistums. Es zieht in die ehemalige St. Antoniuskirche neben dem Dom, die inzwischen profaniert wurde und in den nächsten Jahren zum Museum umgebaut wird. Auf der deutlich größeren Ausstellungsfläche können die wertvollen Exponate, die zum UNESCO-Welterbe gehören, dann endlich angemessen präsentiert werden. Außerdem lassen sich dadurch deutlich mehr Schätze des Dom-Museums ausstellen.

Sanierung und Umgestaltung des Doms sowie der Umbau der St. Antoniuskirche zum neuen Dom-Museum werden voraussichtlich gut 29, 98 Millionen Euro kosten – mehr, als ursprünglich geplant. Vor wenigen Wochen haben Archäologen bei Grabungen an St. Antonius Reste der alten Mauer gefunden, die der Heilige Bischof Bernward vor gut tausend Jahren um den damaligen Dombezirk gezogen hat. Und das ausgerechnet an der Stelle, wo die Technik für das neue Dom-Museum eingebaut werden sollte. Das Domkapitel hat jedoch entschieden, die Mauer zu erhalten und in das Museum zu integrieren, was die Kosten nach oben trieb.

Kreative Fundraiser

7, 22 Millionen Euro der Gesamtkosten bringt das Bistum aus Eigenmitteln auf. Zuschüsse erhofft sich die Diözese von großen Geldgebern wie unter anderem der Europäischen Union, dem Land Niedersachsen und verschiedenen Stiftungen und Hilfswerken. 16, 9 Millionen Euro hat das Bistum bereits eingeworben. Mindestens 2, 3 Millionen Euro sollen durch Spenden aufgebracht werden. Dabei zeigen sich die Öffentlichkeitsarbeiter und Fundraiser der Bischofskirche ziemlich kreativ. Rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft kam eine „Hildesheimer Domschokolade“ auf den Markt, die vollmilchig oder zartbitter mundet, auf jeden Fall aber pro Tafel 50 Cent für die Sanierung einbringt. Kurz nach Weihnachten musste man beim Hersteller bereits nachbestellen. Gerade angelaufen ist die Aktion „Zeitstrahl“, ein fast 70 Meter langes Metallband im Domkreuzgang, das die reiche Geschichte des Bauwerks repräsentiert. Jedermann kann dort die Patenschaft für ein Jahr oder ein ganzes Jahrzehnt übernehmen und wird dafür mit einer Namensplakette geehrt. Während ein „normales“ Jahr für 180 Euro zu haben ist, muss man für besondere Jahre – zum Beispiel jenes der Bistumsgründung – bis zu 5 000 Euro auf den Tisch legen. Längst kann man auch schon Benefiz-CDs erwerben, die auf der großen Klais-Orgel des Doms eingespielt wurden.

Finanziellen und vor allem moralischen Rückenwind erhält die Domsanierung durch den „Dombauverein Hohe Domkirche Hildesheim“, der am 28. April 2009 als jüngster Dombauverein Deutschlands gegründet wurde. Treibende Kraft des Vereins, dessen Gründungsmitglieder sich wie ein Who's Who der Niedersächsischen Führungselite lesen, ist der ehemalige Hildesheimer Stadtdirektor Dr. Konrad Deufel. Innerhalb weniger Monate hat sich die Zahl der Mitglieder mehr als verdreifacht und liegt heute bei gut 200. Menschen aus allen Schichten unterstützen die Domsanierung und auch die Politik zeigt sich wohlwollend bei diesem großen Vorhaben.

Als das Bistum im Juni vergangenen Jahres die Pläne zur Domsanierung offiziell vorstellte, konnte es nicht nur den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff als Schirmherrn präsentieren, sondern auch den Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann, begrüßen. Wulff würdigte damals den Hildesheimer Dom als „außergewöhnliches Zeugnis religiöser Kunst im Heiligen Römischen Reich“ und Neumann unterstützte: „Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um durch eine würdige Präsentation der reichen Schätze das herausragende Ensemble des Hildesheimer Welterbes ins rechte Licht zu rücken“.