"Zudecken ist nicht die Intention von Papst Franziskus"

Papst Franziskus schickt Militärbischof Werner Freistetter als Administrator zur aufgewühlten Kirche in Kärnten. Von Stephan Baier

Wie Papst Franziskus die aufgewühlte Kärnter Kirche befrieden will
Militärbischof Werner Freistetter (rechts, neben Diözesan-Pressesprecher Matthias Kapeller) will als Apostolischer Administrator weder "Inquisitor" noch Untersuchungsrichter sein. Foto: Baier
Wie Papst Franziskus die aufgewühlte Kärnter Kirche befrieden will
Militärbischof Werner Freistetter (rechts, neben Diözesan-Pressesprecher Matthias Kapeller) will als Apostolischer Admin... Foto: Baier

Nicht, dass es ihm irgendwer zugetraut oder gar unterstellt hätte: Gleich zweimal versicherte der neue Apostolische Administrator für die Diözese Gurk-Klagenfurt, Werner Freistetter, er sei „nicht als Inquisitor“ nach Kärnten gekommen. Er sei auch kein zweiter Apostolischer Visitator und kein Untersuchungsrichter. Er sei nicht gekommen, um Dinge zuzudecken, Vergangenes zu bewerten, Entscheidungen zu treffen oder vorwegzunehmen. Wozu, so fragen sich in diesen Tagen viele in Kärnten, ist der Militärbischof Österreichs überhaupt nach Kärnten gekommen?

Oder – präziser formuliert – gesandt worden, denn der 65-jährige Bischof Freistetter hat sich um den administrativen Zweitjob weder bemüht noch beworben. Er sei selbst überrascht gewesen, meinte er bei einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag in Klagenfurt. „Letztendlich war es für mich, als Bischof aber die einzige mit meinem Gewissen vereinbare Möglichkeit, der Bitte des Papstes nachzukommen.“

Der Nuntius hält St. Pölten für bedeutender

Die Dringlichkeit dieser Bitte machte ihm der in Österreich neu installierte Nuntius, der spanische Erzbischof Pedro López Quintana, deutlich. Der hatte, kaum in Wien gelandet, viele Kärntner dadurch in Rage gebracht, dass er ihnen via Zeitungsinterview ausrichtete, Bischof Alois Schwarz sei vor einem Jahr nicht nach St. Pölten versetzt, sondern befördert worden. Wörtlich: „Die Diözese ist bedeutender.“

Warum der Nuntius das so sehe, „das müssen Sie ihn selber fragen“, meinte in Klagenfurt nun Werner Freistetter auf eine entsprechende Frage dieser Zeitung. Auch hinsichtlich des 17-jährigen Kärntner Wirkens von Bischof Alois Schwarz, das vor genau einem Jahr mit der „Beförderung“ nach St. Pölten endete, ist Freistetter diplomatischer als der Nuntius: Hatte dieser gemeint, Schwarz habe sich in Kärnten nichts zuschulden kommen lassen, und „in der Beziehung zwischen dem Bischof und der Frau war nichts Unmoralisches“, so meinte Bischof Freistetter nur, die Beurteilung finde andernorts statt: Schließlich gebe es kirchlich wie staatlich laufende Verfahren. Und das sei „ein guter Anfang“.

Die Situation sei nicht „in ein paar Monaten zu lösen“, und das sei „der Rahmen, der mir genannt wurde“. Rom müsse sorgfältig prüfen. Er hoffe, dass Rom bald entscheide. Nachsatz: „Wir können Papst Franziskus zutrauen, dass er aufklären will.“

"Wir können Papst Franziskus
zutrauen, dass er aufklären will“
Bischof Werner Freistetter

Aufklären wollte jedenfalls der bisherige Diözesanadministrator Engelbert Guggenberger, der unmittelbar nach seiner Wahl am 2. Juli 2018 die wirtschaftliche und personelle Situation im bischöflichen Mensalgut (in Kärnten „Bistum“ genannt) unter die Lupe nahm. Er entließ die von Bischof Schwarz eingesetzte Leiterin des Bildungshauses St. Georgen – die vom Nuntius gemeinte „Frau“, die von manchen Kärntnern ob ihres Einflusses sarkastisch als „Frau Bischöfin“ bezeichnet wurde.

Der Diözesanadministrator schaltete nicht nur mittels Selbstanzeige wegen möglicher Steuerhinterziehung die staatlichen Strafverfolgungsbehörden ein, sondern nahm sich kein Blatt vor den Mund, wenn er öffentlich mit der Ära jenes Bischofs abrechnete, dem er als Generalvikar gedient hatte: Von einem „System Bischof Schwarz“ war da die Rede, von einem „Abhängigkeitsverhältnis“, das „bis heute für Gerede, Gerüchte und Spekulationen“ sorge, von einer Erpressbarkeit des Bischofs „im Zusammenhang mit der Zölibatsverpflichtung“. Und davon, dass „dem Ansehen des Bischofsamtes und dem Ruf der Kirche in Kärnten über Jahre Schaden zugefügt“ worden sei. In Wien und in Rom gefiel dieser neue Kärntner Stil offenbar manchem gar nicht: Eine für 11. Dezember eingeladene Pressekonferenz wurde von der vatikanischen Bischofskongregation kurzfristig untersagt.

Der unbequeme Mahner wird abgesetzt

Unmittelbar vor Weihnachten ernannte Rom den Salzburger Metropoliten, Erzbischof Franz Lackner, zum Apostolischen Visitator für Kärnten. Zunächst mit dem Auftrag, die gegenwärtige Führung zu visitieren, bevor der Visitationsauftrag dann rasch und vor allem still auf das zurückliegende Jahrzehnt ausgeweitet wurde. Seit Mitte März liegt der 50 Seiten starke Visitationsbericht samt Beilagen nun in Rom. Ruhiger wurde die Kärntner Diözesanleitung nach der Visitation, untätig jedoch nicht. Just am vergangenen Dienstag sollten die Rechnungsabschlüsse für 2018 präsentiert werden, nicht nur – wie üblich – die Zahlen der Diözese, sondern auch die des ins Gerede gekommenen Bischöflichen Mensalgutes, für das der jeweilige Bischof von Gurk alleine verantwortlich ist, und auch des Domkapitels.

Stattdessen kippte eine römische Entscheidung den Diözesanadministrator durch die Ernennung eines Apostolischen Administrators überraschend aus dem Amt. Und dies präzise vor dem ersten Jahrestag seiner Wahl, also pünktlich vor der Ausweitung seiner kirchenrechtlichen Befugnisse.

Dass das Zufall sei, wollen viele nicht glauben. Guggenberger selbst sprach von einem „hilflosen Versuch, sich eines unbequemen Mahners zu entledigen“. Seine Absetzung werde die Causa nicht beenden, aber „deren Aufarbeitung nur verschleppen“. Und weiter: „Das Vorgehen des Heiligen Stuhls zeigt, dass sich die katholische Kirche schwer tut mit der Aufarbeitung, wenn in einem bischöflichen Verantwortungsbereich Dinge aus dem Ruder laufen.“

Betriebstratsvorsitzende der Diözese spricht von "Bevormundung einer Ortskirche"

In seiner verbliebenen Rolle als Dompropst und Sprecher des Domkapitels sagte Guggenberger in einem Statement vor den Medien: „Derjenige, der darauf hingewiesen hat, dass es einen Brand gibt, wird ohne Angabe von Gründen vom Einsatz abgezogen und entfernt, während die übergeordneten Instanzen den Brandverursacher mit allen Mitteln schützen und durch ihr fortgesetztes Schweigen seine Handlungen billigen.“

Von „Bevormundung einer Ortskirche“ und einem „willkürlichen Akt“, der bei den Mitarbeitern und in der Bevölkerung auf Unverständnis stoße, spricht der Betriebsratsvorsitzende der Diözese, Gabriel Stabentheiner. Wörtlich: „Die offene und transparente Aufarbeitung durch Guggenberger und das Domkapitel der durch die Amts- und Lebensführung von Alois Schwarz entstandenen Schieflagen hat der katholischen Kirche wieder Glaubwürdigkeit zurückgegeben.“

Kärntner Hilferuf vor elf Jahren ohne Resonanz

Von der Ernennung eines von außen kommenden Apostolischen Administrators zeigte sich Stabentheiner im Gespräch mit dieser Zeitung ebenso enttäuscht wie von den an der Gerüchtebörse gehandelten Bischofskandidaten. Er rief für Mittwochabend zu einer Kundgebung auf den Klagenfurter Domplatz. Motto: „Solidarität für Engelbert Guggenberger – Gegen das Vertuschen der Causa Alois Schwarz“.

Bereits am Montagabend fand im Rahmen einer Vesper im Klagenfurter Dom ein „Gebet für die Diözese“ statt. „Wir sind nicht das Volk der Bischofskongregation, sondern das Volk Gottes“, meinte da Seelsorgeamtsdirektorin Anna Hennersperger. Bereits vor elf Jahren habe es aus Kärnten einen „Ruf nach Unterstützung“ gegeben, und zwar „an den Metropoliten, an den Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz und an den damaligen Nuntius“, allerdings folgte „wenig nachhaltige lösungsorientierte Resonanz“. Dem bisherigen Diözesanadministrator dankte Hennersperger ausdrücklich für seinen „Weg der Transparenz“.

Wenn der Sommer geht, kann der Bischof kommen

Dass dieser Weg nun zu Ende sei, bemühte sich Bischof Freistetter am Dienstag zu dementieren: „Zudecken ist nicht die Intention von Papst Franziskus.“ Freistetter, der weiterhin Militärbischof bleibt, bestätigte, den Visitationsbericht zu kennen, doch kenne er nicht die römischen Schlussfolgerungen daraus. Er selbst wolle nicht bewerten oder urteilen. Auch maße er sich nicht an, zu Lösungen zu kommen.

Angesichts der Beschuldigungen und Verletzungen sei es möglicherweise ja gut, „jemanden von außen kommen zu lassen“, sagte Freistetter. Er verwies dabei auf seine Erfahrung als Militärseelsorger im Ausland. Immerhin war er in dieser Funktion bereits auf den Golanhöhen, in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo und im Libanon. Er hat sich jedenfalls nur auf ein paar Monate – „über den Sommer“ – darauf eingestellt, die Kärntner Diözese zu administrieren. Bis zur Ernennung eines neuen Bischofs, dem viele Kärntner nun neuerlich mit Sorge und Skepsis entgegensehen.