Zu Gast bei Freunden und Brüdern

Eine christlich-jüdische Begegnung mit Tradition: Am Sonntag besuchte Franziskus als dritter Papst die Synagoge von Rom am Tiberufer. Von Natalie Nordio

In der Tradition Johannes Pauls II. und Benedikts XVI.: Papst Franziskus besuchte die Synagoge in Rom. Foto: dpa
In der Tradition Johannes Pauls II. und Benedikts XVI.: Papst Franziskus besuchte die Synagoge in Rom. Foto: dpa

Rom (DT) Oberrabbiner Riccardo Di Segni hatte in den Tempio Maggiore, die Große Synagoge von Rom, eingeladen und am Sonntag kam Papst Franziskus. Als dritter Papst der Neuzeit knüpfte Franziskus mit seinem Besuch der Synagoge an die Tradition an, die der heilige Papst Johannes Paul II. am 13. April 1986 im Tempio Maggiore begonnen hatte und der auch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 gefolgt war. Nicht ohne Grund wählte auch Franziskus, wie schon Benedikt XVI. sechs Jahre vor ihm, für seinen Besuch den 17. Januar. 1997 wurde auf der Zweiten Ökumenischen Versammlung in Graz der 17. Januar als „Tag des Judentums“ ausgewählt. Die italienische Bischofskonferenz feiert diesen Tag als „Tag des Dialogs zwischen Katholiken und Juden“, der zudem auf den Vorabend der „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ fällt, die vom 18. bis zum 25. Januar stattfindet.

Etwas zu früh erreichte Papst Franziskus bereits um kurz vor 16 Uhr das jüdische Viertel. Empfangen wurde er von Ruth Dureghello, die als erste Frau im Juni 2015 die Wahl zur Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Roms gewann, dem Präsidenten des Verbands der italienischen Juden, Renzo Gattegna, sowie dem Vorsitzenden des Shoah-Museums Rom, Mario Venezia. An einer Gedenktafel verweilte Franziskus einen Augenblick im Gebet und legte Blumen nieder. Die Tafel erinnert an die 1 259 Juden, die am 16. Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert worden waren. Nur sechzehn überlebten das Konzentrationslager und kehrten zurück. Auf dem Weg in die Synagoge begrüßte der Papst einige Mitglieder der jüdisch-römischen Gemeinde. Hierbei traf Franziskus auf einen Mann, dem 1943 die Flucht vor den Nazis gelungen war. Ein älterer Herr der Gruppe ergriff spontan das Wort und fragte den Papst witzelnd, ob er, der er doch ein Macher sei, nicht das Beschneidungsfest wieder in den liturgischen Kalender aufnehmen könne. Franziskus lächelte und drückte dem Herrn freundlich die Hand. „Danke für Ihren Besuch, Papst Franziskus, wir haben Sie alle sehr gern“, war aus der Gruppe zu hören. Zudem bot sich die Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit einigen Verwandten Stefano Gai Tachés. Stefano kam mit gerade einmal zwei Jahren bei einem Anschlag, den palästinensische Terroristen auf die Mitglieder der Synagoge im Oktober 1982 verübt hatten, ums Leben. Rund vierzig weitere Menschen wurden damals zum Teil schwer verletzt. Eine zweite Gedenktafel erinnern an diesen schrecklichen Tag in der Geschichte der jüdischen Gemeinde von Rom und auch an dieser hielt Franziskus einen Augenblick inne.

Auf den Eingangsstufen des Tempio Maggiore wartete bereits Riccardo di Segni, der Oberrabbiner von Rom, auf den Papst. Eine innige, freundschaftliche Umarmung folgte und beide betraten gemeinsam die Synagoge. Journalisten und geladene Gäste tummelten sich im Innern. Unter den Geladenen waren unter anderem Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, sowie dessen Amtsvorgänger Kardinal Walter Kasper. Nur langsam bahnte sich Franziskus den Weg durch die Menge.

Mit der Feststellung, dass zwar nur eine geringe räumliche Distanz Sankt Peter von Roms Synagoge trenne, diese aber trotzdem für Jahrhunderte unendlich weit entfernt erschien, begann Ruth Durghello ihre Rede. „Dass wir heute hier sind, verdanken wir zwei großen Männern: Papst Johannes Paul II. und Rabbi Elio Toaff“, fuhr sie fort. „Ein Christ kann kein Antisemit sein“, hatte Franziskus während eines Treffens im Oktober 2013 mit Vertretern des Judentums, an dem auch Durghello teilgenommen hatte, gesagt. Worte, die sie tief bewegt hätten und die gemeinsam mit dem Israel- Besuch des Papstes für sie persönlich und für das gesamte jüdische Volk wichtige Signale seien. Nach ihr richtete auch Renzo Gattegna einige Worte an den Papst und die geladenen Gäste. Ein gemeinsamer Weg des Dialogs, der Freundschaft und der Brüderlichkeit verbinde beide Religionen miteinander, unterstrich er gleich zu Beginn. „Ich war dabei, als sich Johannes Paul II. und Rabbi Toaff zuerst nur die Hände reichten und sich im nächsten Augenblick in die Arme fielen, fast als wollten sie sich gegenseitig stützen“, erinnerte sich Gattegna. Auch 2010 beim Besuch von Benedikt XVI. war er dabei. Benedikt habe dieses Band der Freundschaft mit seinem Besuch erneuert und besonders die gemeinsamen Wurzeln betont, die beide Religionen miteinander verbinden und auf deren Basis alle Uneinigkeiten aus dem Weg geschafft werden können. Mit Franziskus könne man gemeinsam eine Strategie entwickeln und so im Dialog von Katholiken und Juden weitere Fortschritte erreichen. In diesen schwierigen Zeiten baut Gattegna vor allem auf Franziskus' großartige Gabe der Kommunikation.

Als dritter ergriff Oberrabbiner Riccardo di Segni das Wort. Er schlug den Bogen vom Besuch des Papstes in der Synagoge zum eben erst eröffneten Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Nach einer kurzen Erläuterung des jüdischen Ursprungs christlicher Jubeljahre kehrte di Segni die große Bedeutung dieses Papstbesuchs hervor. Zum einen sei er ein Zeichen der Kontinuität und eine erneute Bestätigung des Bruchs mit der Vergangenheit. Wie wichtig ihm eine gute und innige Beziehung mit dem jüdischen Volk ist, habe Franziskus bereits als Bischof von Buenos Aires bewiesen und tue es nun in Rom als Papst. Zum anderen setze dieser Besuch in einer Welt, in der Krieg und Terror herrschen, ein dringend nötiges Zeichen. Gemeinsam müsse man die Stimme gegen jene erheben, die unter dem Deckmantel der Religion grauenvolle Taten begehen. So wie sich einst Moses gegen den Pharao stellte. Nur so könne es gelingen, dass sich bisher verschlossene Türen öffnen, meinte der Rabbi am Ende seiner Ansprache. „Unsere Beziehungen liegen mir sehr am Herzen“, betonte Papst Franziskus gleich zu Beginn seiner Ansprache. Wie es schon Johannes Paul II. 1986 treffend formuliert hatte „seid ihr unsere großen Brüder und Schwestern. Alle gehören wir zu einer einzigen Familie, der Familie Gottes“, so Franziskus. Erst Ende vergangenen Jahres feierte die Kirche das fünfzigjährige Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils, fuhr der Papst fort. Die Erklärung „Nostra aetate“ habe zum ersten Mal theologisch in eindeutiger Weise die Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum dargelegt und den weiteren Weg vorgezeichnet, dass aus Feinden und Fremden Freunde und Brüder werden konnten, hob Franziskus hervor.

Als der Papst an die Opfer der Judenverfolgung erinnerte und anwesende Zeitzeugen besonders begrüßte und direkt ansprach, erhob sich ein Großteil der Anwesenden von den Stühlen und applaudierte. „Meine lieben großen Brüder, für alles, was wir in den letzten fünfzig Jahren erreichen konnten, müssen wir dankbar sein“, merkte Franziskus zum Ende seiner Ansprache an und schloss mit „Shalom alechem“, Friede sei mit euch.

Mit der Überreichung einiger Geschenke ging der offizielle Teil des Besuchs zu Ende. Franziskus bekam einen Silberkelch und ein Gemälde von George De Canino, einem jüdischen Maler, der in Rom lebt und arbeitet. An Riccardo di Segni überreichte der Papst eine sehr wertvolle jemenitische Handschrift. Fernab der Fernsehkameras und Mikrophone hatten Papst Franziskus und Oberrabbi di Segni die Möglichkeit, sich auszutauschen und diesen dritten Besuch eines Pontifex im Tempio Maggiore von Rom auf sich wirken zu lassen.

Die römisch-jüdische Gemeinde ist eine der ältesten Exilgemeinden weltweit. Bereits in vorchristlicher Zeit hatten sich Juden in der Ewigen Stadt niedergelassen. Anfänglich lebten auch sie, wie alle Ausländer, im Stadtteil Trastevere. Von dort siedelte diese erste Gemeinde auf die andere Flussseite über. Heute leben rund 16 000 Juden und damit gut die Hälfte aller italienischen Juden in Rom.

Seit etwas mehr als hundert Jahren erhebt sich die Große Synagoge unmittelbar am Flussufer. Mit einer Grußbotschaft hatte Johannes Paul II. im Jahr 2004 zum hundertsten Jahrestag der Einweihung der Synagoge gratuliert. Der sandsteinfarbene Bau in der Form eines griechischen Kreuzes ist von einer viereckigen Kuppel aus Aluminium bekrönt. Weithin gut sichtbar gehört die Kuppel der Synagoge zum festen Bestandteil des römischen Stadtbilds und ist Inbegriff einer emanzipierten und selbstbewussten jüdischen Gemeinde von Rom.