„Zeugnis geben ist unsere Waffe“

Zur Seligsprechung des Südtiroler Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus Josef Mayr-Nusser. Von Katrin Krips-Schmidt

Josef Mayr-Nusser mit seiner Familie. Foto: IN
Josef Mayr-Nusser mit seiner Familie. Foto: IN

An diesem Samstag wird in seiner Heimatstadt Bozen der Märtyrer des Nationalsozialismus, Josef Mayr-Nusser, zur Ehre der Altäre erhoben.

Der neue Selige kam am 27. Dezember 1910 auf dem Nusserhof am Stadtrand von Bozen, der Landeshauptstadt Südtirols, in einer kinderreichen Familie zur Welt. Seine Eltern waren tief im katholischen Glauben verankert, den sie auch an ihre Kinder weitergaben. Seit 1928 war Josef, der von seinen Freunden mit seinem Spitznamen „Pepi“ gerufen wurde, nach dem Besuch der Handelsschule als kaufmännischer Angestellter im Textilgeschäft Eccel tätig.

In einer religiösen Umgebung aufgewachsen, begeisterte er sich schon früh für das Leben und Wirken des seligen Frédéric Ozanam, aus dessen Initiative für die Armen die Vinzenzkonferenzen beziehungsweise Vinzenzgemeinschaften hervorgingen. Auch Josef engagierte sich karitativ und trat mit 22 Jahren der Vinzenzgemeinschaft bei, zu deren Vorsitzendener 1937 gewählt wurde. Dieses Amt füllte er mit einem tiefen geistlichen Anspruch aus. Seine großen Vorbilder waren der heilige Thomas von Aquin und der englische Lord Kanzler Thomas Morus. 1933 wurde Josef zum Leiter der Jungmänner einer katholischen Jugendgruppe ernannt, und 1934 beauftragte man ihn mit dem Vorsitz der Katholischen Aktion der Diözese Trient.

Schon in einer Ansprache im August 1935 vor der Katholischen Aktion sprach aus ihm der überzeugte und engagierte Christ. Darin hielt er es für unbedingt erforderlich, „den treuen Katholiken unserer Zeit zu Bewusstsein zu bringen, dass es ihre Pflicht ist, in ihrem Kreis zu wirken als Apostel des Wortes sowohl als auch der Tat. Es gilt, jene bereits zur Tradition gewordene Passivität der Laien zu überwinden, die ganz im Gegensatz zum christlichen Altertum und Mittelalter sich jeglicher Verantwortung an der Durchdringung der Welt mit christlichem Geiste enthoben glaubt. Man hat sich zu sehr daran gewöhnt, sich nur mehr als Untertan der Kirche zu fühlen und alle Sorgen auf die Hirten zu werfen.“

Josefs späteres Martyrium warf bereits seine Schatten voraus, als er zum Jahresbeginn 1936 den katholischen Jugendlichen zu bedenken gab: „Der Katholik weiß, dass ein liebevoller Vater über ihn wacht, der nur sein Bestes will, und zwar auch dann, ja gerade dann, wenn Er Leiden über ihn kommen lässt. Der Katholik weiß, dass alle Leiden, alle Kreuze einmal ein Ende nehmen und übergehen werden in ein unvergängliches Glück. Sagt doch der Apostel: ,Ich halte dafür, dass alle Leiden dieser Welt nicht zu vergleichen sind mit der zukünftigen Herrlichkeit im Himmel.‘“

1939 wurde Josef im Geheimen Mitglied des „Andreas-Hofer-Bundes“, einer Südtiroler Widerstandsgruppe während des Zweiten Weltkrieges, die sich der Südtirol-Politik der Nationalsozialisten widersetzte, indem sie ihre Landsleute dazu aufforderte, ihre Heimat nicht zu verlassen (sogenannte Dableiber). 1942 heiratete er seine Vorgesetzte bei Eccel, Hildegard Straub. Im Jahr darauf kam der gemeinsame Sohn Albert zur Welt.

Im September 1943 marschierte die deutsche Wehrmacht nach dem Sturz Mussolinis in Norditalien ein. Ein Jahr später, im September 1944, wurde Josef in das deutsche Heer einberufen, obwohl er italienischer Staatsbürger war. Mit 80 weiteren „Dableibern“ kam er nach Konitz in Ostpreußen und wurde wie alle anderen der Waffen-SS zugeordnet. Er absolvierte zwar die Ausbildung, weigerte sich jedoch, den Eid abzuleisten mit der Begründung, dass ihm sein christliches Gewissen dies verbiete. Auf die Versuche seiner Kameraden, ihn umzustimmen, antwortete er: „Wenn nie jemand den Mut aufbringt, ihnen zu sagen, dass er mit ihren nationalsozialistischen Anschauungen nicht einverstanden ist, dann wird es nicht anders.“ Seine Frau informierte er über seinen Schritt in einem Brief am 27. September 1944: „Dieses Bekennenmüssen wird sicher kommen, es ist unausbleiblich, denn zwei Welten stoßen aufeinander. Zu deutlich haben sich Vorgesetzte als entschiedene Verneiner und Hasser dessen gezeigt, was uns Katholiken heilig und unantastbar ist. Bete für mich, Hildegard, damit ich in der Stunde der Bewährung ohne Furcht und Zögern so handle, wie ich es vor Gott und meinem Gewissen schuldig bin.“

Schon 1938 hatte er in einem Artikel in der „Jugendwacht“ geschrieben: „Zeugnis geben ist heute unsere einzige, schlagkräftigste Waffe. Seltsam genug. Nicht Schwert, nicht Gewalt, nicht Geld, nicht einmal den Einfluss geistigen Könnens, geistiger Macht, nichts von all dem ist uns als unerlässlich geboten, um die Herrschaft Christi auf Erden aufzurichten. Etwas ganz Bescheidenes und doch viel Wichtigeres hat uns der Herr geboten: Zeugen zu sein.“

Die Verweigerung des Eides war sein Zeugnis. Josef wurde zunächst in Danzig inhaftiert und wegen Wehrkraftzersetzung mit dem Tod bestraft. Er sollte in Dachau erschossen werden. Auf dem Weg in das Konzentrationslager musste der Zug in Erlangen aufgrund einer technischen Panne acht Tage lang anhalten. Dort ist Josef Mayr-Nusser am 24. Februar 1945 im Viehwaggon an den Folgen der zuvor in der Haft erlittenen Foltern und Strapazen gestorben. Seine sterblichen Überreste ruhen seit 1963 in Lichtenstern am Ritten.

Die Feier der Seligsprechung findet in der Kathedrale von Bozen statt. Der liturgische Gedenktag des Ehrenbürgers der Stadt Bozen ist auf den 3. Oktober festgelegt worden.